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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Scheiterhaufen

Wir sind Versager, allesamt. Aber kaum einer will es zugeben. Warum eigentlich? Nichts macht einen so sympathisch wie eingestandene Fehlleistungen.

Es ist an der Zeit zu sagen: Ich bin ein Versager. Und zwar nicht, weil ich heute Geburtstag habe und man ab 40 ja generell die Summe seines Scheiterns überschlägt.

Sondern weil es sich gerade in diesen Tagen aufdrängt, nachzudenken über das Scheitern und darüber, wie wir damit umgehen.

Am Samstag hat Kroos das Schlimmste abgewendet.

Es ist Fußballweltmeisterschaft, die internationale Leistungsschau. Kaum zeigte die deutsche Elf beim ersten Spiel Schwächen, fiel das ganze Land über sie her wie über ein waidwundes Tier. Die Nation zerfiel in einen zeternden Haufen. Dem Fußballfan, der privat womöglich alles andere als einen Lauf hatte, fehlte mit den unfehlbaren Adlern plötzlich das Identifikationsobjekt.

Am Samstag hat Kroos das Schlimmste abgewendet. Gut so. Denn wir richten uns gern auf an den Starken. Aber wer immer nur stark ist, wird auch unnahbar.

War (Fußball-)Deutschland nicht am sympathischsten, als es im Sommer 2006 plötzlich verlor? Näher war diese Ansammlung vermeintlicher Androiden dem Rest der Welt nie wieder.

Ich weiß nicht, ob ich es absichtlich tue (eher nicht), aber ich erzähle – speziell, wenn ich Leute neu kennenlerne – gern von den letzten Fehlleistungen: von der Wohnung, die sich aufgrund meines unkundigen Blicks als Flop herausstellen sollte und die mich zum erneuten Umzug zwingt; vom Umkippen mit dem Stuhl in einem vollen Restaurant; von meiner Konfliktunfähigkeit, meinem nicht vorhandenen Talent, zu verhandeln.

Keine Ahnung, ob unsere Zeiten wirklich so anders sind als früher. Klar, mit den Präsentationswettläufen in sozialen Netzwerken, mit all den Blendgranaten und Photoshoppingqueens, liegt es nahe zu glauben, dass der Perfektionsdruck noch nie so groß war. Aber waren die Siebziger mit dem Bauspar-Prilblumen-Triathlon nicht auf ihre Art genauso grausam? Ging es nicht immer darum, dem Gegenüber eine bessere Wirklichkeit zu suggerieren?

Wollen wir unserem Gegenüber einen Gefallen tun, dann scheitern wir.

Umgekehrt: Wird ein Klassentreffen nicht erst ab ca. zwei Uhr nachts interessant? Wenn der Alkohol bei allen diesen Krampf löst, fehlerlos zu sein, und der Erste mit einem "Meine Ehe läuft beschissen, und ich hasse meinen Job" für eine massageähnliche Relaxanz sorgt?

Ich habe einen Freund, der mich am liebsten in der Phase meines Lebens mochte, als es mir schlecht ging. Das ist gar nicht böse gemeint. Es ist menschlich.

 Wollen wir unserem Gegenüber einen Gefallen tun, dann scheitern wir. Es hat so etwas Beruhigendes. "Guck. Dem ist das auch passiert."

 Sagen Sie mal in einer Runde von Mittdreißigern den Satz: „Wir können keine Kinder bekommen. Wir versuchen alles. Es klappt nicht.“ Sie werden sich vor Zuneigung nicht retten können. Das Bekenntnis der eigenen Fehlbarkeit ist die Klinke, die die Tür des Gegenübers öffnet. Warum sollte man Persönliches bei Ihnen einzahlen, ohne dass Sie in Vorleistung gehen?

Man darf immer Angst vor dem Versagen haben, aber man sollte nie Angst davor haben, vom eigenen Versagen zu berichten.

Ein Freund von mir, eine Art publizistischer Hansdampf und Entrepreneur des Wahnsinns, hält sehr erfolgreich Vorträge. Titel: "Auf die Schnauze fallen ist auch eine Vorwärtsbewegung."

Schöner kann man es nicht sagen, und hey: Jesus wurde auch erst populär, nachdem es erst mal richtig schiefgegangen ist.

Die Gesellschaft ist ein Scheiterhaufen. Sie sollte nur so ehrlich sein, das auch zuzugeben.