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Olympische Spiele 2012: Erfolge auf den zweiten Blick

Deutsche Medaillen? Bisher eine. Deutsche Erfolge? Zuhauf. Wer über zu wenig Medaillen meckert, sollte sich anschauen, wer sie gewinnt.

Ein Kommentar von Stephan Draf und Mathias Schneider

Als Julia Rohde ihren Wettkampf im Gewichtheben der Frauen bis 53 Kilogramm hinter sich gebracht hatte, da war sie selig: 85 Kilo im Reißen, 108 Kilo im Stoßen, macht zusammen 193 Kilo im Zweikampf. Macht: deutschen Rekord. Macht: Rang elf. Julia Rohde wird als glückliche Athletin diese Olympischen Spiele von London verlassen.

Die 18-jährige Kasachin Sulfija Tschinschanlo lachte dagegen nicht, als sie in ihrem zweiten Versuch im gleichen Wettbewerb 131 Kilo im Stoßen zur Hochstrecke gebracht, damit Gold geholt und einen Weltrekord aufgestellt hatte. Sie lachte nicht, als sie zu ihrem Trainer ging, um ihm zu bedeuten, dass sie noch einen dritten Versuch angehen wolle – zu diesem Zeitpunkt hatte sie im Zweikampf schon 33 Kilo mehr als die Deutsche gehoben.

Deutschland spielt in der ersten Liga

"Totaler Olympia-Fehlstart", titelte die "Bild"-Zeitung über das erste deutsche Olympia-Wochenende und meinte gehört zu haben, dass "sogar die Kasachen über uns lachen". Es ist eben immer alles eine Frage der Perspektive, wenn man nach zwei Tagen Olympia über das Abschneiden einer Nation urteilt, vor allem der eigenen. Nimmt man Finanzkraft und Einwohnerzahl eines Landes zur Grundlage – beide Faktoren garantieren in aller Regel Talent und exzellente Trainingsmöglichkeiten – so spielt Deutschland tatsächlich weltweit noch immer in der ersten Liga. Und erste Liga heißt dieser Tage mit Blick auf den Medaillenspiegel: liefern.

Doch nicht erst seit den Spielen von Peking, als die Supermacht China endgültig erwachte, ist ein dritter Faktor dazu gekommen, und wer ihn bei der Bewertung ignoriert, misst Sportlerinnen wie Julia Rohde an einem Anspruch, den sie nicht erfüllen können. Dass nämlich im Gewichtheben eine Welt zwischen ihr und der Widersacherin aus Kasachstan liegt, hat – da sind sich Dopingfahnder längst einig – weniger mit fehlendem Trainingsfleiß zu tun. Längst mag niemand mehr an einen Zufall glauben, dass die jungen Leistungsroboter zumeist aus Ländern wie Kasachstan stammen, in den sich Dopingfahnder nur selten verirren. Die siegreiche Kasachin Tschinschanlo wurde im Laufe des Jahres 2012 lächerliche zwei Mal kontrolliert.

Wieviel Stolz darf man für Ye Shiwen empfinden?

Macht man sich die Mühe, einen jeden Athleten an seinen ureigenen Möglichkeiten zu beurteilen, so nimmt sich das Abschneiden der Deutschen in den ersten Tagen schon bei weitem nicht mehr so spektakulär katastrophal aus. Die deutschen Schwimmer etwa, über die sämtliche TV-Reporter bereits nach einem Wettkampftag den Stab brachen, hatten durchaus Erfolge zu vermelden an diesem Wochenende: Helge Meeuw schwamm zum ersten Mal in seiner langen Karriere in ein olympisches Finale. Meeuw absolviert parallel zu seinem Sport übrigens ein Medizinstudium. Ein Amateur tritt da gegen Vollprofis an. Die Herren-Freistil-Staffel belegte in ihrem Finale außerdem einen guten sechsten Platz.

Aber wer mag das hören, wenn selbst der europäische Nachbar Frankreich über sein Staffelgold jubelt. Da nimmt man Misserfolge gern mal persönlich, gerade wenn man deutscher Kommentator ist und vom Schwimmen berichtet. Dem besten Mann, Paul Biedermann, hefteten die Experten schon nach dessen erstem Lauf das Etikett "Versager" auf die Stirn. Dabei hatte Biedermann schon vor vier Jahren in Peking, übrigens als einziger männlicher Schwimmer, gerade einmal ein Finale erreicht. Als er in London am Tag nach dem sogenannten Debakel sein Halbfinale über 200 Meter Kraul gewann, hätte man beim Blick in die Gesichter der Kommentatoren glauben können, die Schwimmgroßmacht Deutschland habe soeben ihre Wiedergeburt gefeiert.

Gerade das Schwimmen gebiert dieser Tage ja die unglaublichsten Stars. Die Chinesin Ye Shiwen, 16, schwamm bei ihrem Olympiasieg über 400-Meter-Lagen die letzten 50 Meter nicht nur schneller als die Konkurrentinnen. In einem Endspurt gegen Ryan Lochte, den frisch gekürten Olympia-Sieger der Männer über dieselbe Distanz, hätte sie ebenfalls als Erste angeschlagen. Unglaublich, auch das. Es sei nur kurz an die unseligen 90-er Jahre erinnert, als chinesische Schwimmerinnen, aus dem Nichts in die Weltelite vorgestoßen, gleich reihenweise des Dopings überführt wurden.

Welchen Preis darf Gold haben?

In Deutschland sind die Zeiten des DDR-Staatsdopings lange vorbei, die Medaillen-Ausbeute deutscher Athleten sank seitdem proportional. Auch wenn es naiv ist, sich Doping aus dem deutschen Sportalltag ganz wegzudenken, zumindest die deutschen Erfolge der ersten zwei Tage haben etwas Unschuldiges an sich: Julia Görges schlägt im Tennisturnier nach hartem Kampf die aktuelle Weltranglisten-Zweite. Die deutschen Vielseitigkeits-Reiter führen nach der Dressur – ein Resultat, an das wir uns zwar in vielen olympischen Spielen gewöhnt haben, über dass man sich trotzdem freuen darf. Genauso wie über den dramatischen Vorrunden-Sieg der deutschen Hockey-Frauen. Es sind die sogenannten Randsportarten, in dem die Deutschen wohl wieder punkten.

Die Engländer haben uns, daran erinnerte die Eröffnungsfeier, viel gegeben: Shakespeare und Mary Poppins. Im Sport ist der britische Fairplay-Gedanke sprichwörtlich – er mündet direkt in das Motto: "Dabeisein ist alles". Daran, vor allem aber an einen sauberen Sport, sollte man ab und an denken, wenn man die Bilanz der deutschen Sportler zieht, auch wenn es schwer fällt gerade in einem Land, das gern nur seine Sieger verehrt.

Die deutsche Öffentlichkeit, wir alle, werden auch in den nächsten Tagen tapfer sein müssen. Gerade beim Blick auf die großen traditionellen Sportarten wollen wir nicht der Bigotterie im Kampf gegen das Doping bezichtigt werden. Die Leichtathletik hat noch nicht einmal begonnen, so viel als Warnung zum Schluss. Dann schnürt wieder ein angebliches Wunder der Natur die Schuhe.

Sein Name: Usain Bolt.

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Von:

Stephan Draf und