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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Volkskrankheit Radikalisierung - über München und Killebrities

Würzburg, München und jetzt Ansbach: Was ist los in dieser Welt?, fragt sich stern-Kolumnist Micky Beisenherz. Er ist nicht nur erschüttert über die Ereignisse, sondern vor allem über den Horror, der sich auf Facebook und Co. abspielt.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Love, Peace und Brezel - das wünscht sich Micky Beisenherz nach dem Amoklauf von München.

Letzte Woche stand an dieser Stelle ein spaßiger kleiner Text. Das wurde von einigen als unpassend empfunden, aufgrund der Ereignisse von Nizza. Das ist sieben Tage her. Das ist vier Orte her. Würzburg. München. Reutlingen. Ansbach. Nun ja, spaßige kleine Texte werden ab sofort immer unpassend erscheinen.

Menschen markieren sich bei Facebook, um ihren Lieben zu zeigen, dass sie in Sicherheit sind. In einer deutschen Metropole. Und es fühlt sich so unendlich falsch an. Natürlich nicht das Tool an sich, das hat durchaus seinen Sinn. Dennoch sehne ich mich nach den Tagen zurück, als diese Menschen das Smartphone nur benutzten, um Pikachu und Co. zu jagen.

Was wissen wir über den Amokläufer von München?

"Der Täter ist in München geboren und aufgewachsen. Kein Bezug zum IS. Vielmehr wird von einer Amoktat gesprochen. Keine politische Motivation. Täter beging Selbstmord und war vermutlich in psychischer Behandlung gewesen. Keine Vorstrafen."

Man kann die Enttäuschung auf Seiten der AfD förmlich riechen, dass nirgendwo ein „Allahu Akbar“ zu hören war. Hat man gerade dort zuverlässig überhastet und zaunbaugeifernd nach dichten Grenzen gerufen und Merkels verfehlte Flüchtlingspolitik als Grund der Bluttat medienwirksam ausgemacht. Zunächst einmal sollten wir den unkontrollierten Zustrom von Schwachsinn begrenzen. Das ist definitiv die erste Lehre aus #Muenchen. 

Dass die Kanzlerin sich erst so spät zu den Vorgängen in der bayerischen Hauptstadt geäußert hat, wurde ihr selbstredend um die Ohren gehauen (inklusive eigenem Hashtag, eh klar). Vielleicht wollte sie erst einmal erfahren, was wirklich geschehen ist. Ungewöhnlich für viele. Gesicherte Erkenntnisse - wahrlich nicht gerade eine heiß gehandelte Ware dieser Tage, oder wie es der Komiker Ingmar Stadelmann so treffend ausdrückte: Es war also ein Amoklauf. Der Terror war danach. Online.

Zur teilweise hochspekulativen, reißerischen und pietätlosen Berichterstattung "in den Medien" (von denen natürlich auch viele nach bestem Wissen und Gewissen um seriöse Berichterstattung bemüht waren) kam noch ein unerträglicher Brei aus Mutmaßungen, Verdächtigungen, Beschimpfungen in den sozialen Netzwerken. 

Es war unerträglich. Es bleibt unerträglich.

Wir stehen auf der digitalen Autobahnbrücke Facebook, blicken auf das Entsetzliche hinunter und geben von oben herab unserem Senf dazu, unsere Meinung, unsere Einschätzung und – auch wenn das mit Sicherheit das kleinste Problem ist – unsere besten Wünsche.

Anstatt eine Gasse zu bilden für wirklich relevante und wertvolle Informationen, verstopfen wir diesen Kanal mit- nun ja- unserem Scheiß. Wirklich Brauchbares ist so gut wie nie dabei. Häufig sogar Verwirrendes und Ärgerliches. Überflüssig zu erwähnen, dass ich irgendwo dazwischen auch rumhänge und mitsenfe. Schlimm genug.

Dabei zeugt der Ton nicht selten von einer erschütternden Verrohung der Gesellschaft, deren unrühmliche Spitze den Anlass für diese traurigen Hashtags mit Städtenamen bildet. Gerade eben noch Liebe, Respekt, Toleranz gefordert- und drei Kommentarspalten tiefer einen Andersdenkenden schon als „Idioten“ oder „Arschloch“ bezeichnet. Glückwunsch. Hat ja lange gehalten. Aber dazu gleich mehr.

Fast schon rührend dagegen die öffentliche Besorgnis des Fliesentisch-Loriots, Mario Barth, den es nicht mehr vorm Flatscreen hielt und er los postete: "Es wird immer schwieriger zu schreiben, wie man etwas empfindet, da man entweder dann ein 'Hetzer', ein 'Angstverbreiter', ein 'Natzi' (sic), ein 'Publizist' oder ein 'Idiot' ist. Ich versuche es trotzdem.“ Es sollte beim Versuch bleiben. Wie schwierig, es für ihn ist, zu schreiben, hat er dennoch eindrucksvoll belegt. Ein "Natzi" ist er aber sicher nicht. Und als Publizisten wird ihn so schnell auch niemand bezeichnen. Sei's drum.

Es ist charakterisierend für diese Zeit, dass in diesen Stunden der Pressesprecher der Polizei München zu einer Art Volksheld aufsteigt, ein Mann mit wunderschönem Namen und dem Aussehen von Böhmermanns Partner Ralf Kabelka, weil er über eine fast schön übernatürliche Gabe zu verfügen scheint, die gerade jetzt, in Zeiten hektischen Geschreis niemandem gegeben scheint: Besonnenheit. 

Wie Planlosigkeit aussieht, beweisen wieder einmal Politiker wie der Paganini des Scheiterns, Thomas de Maiziere oder der fidele Panzer-Dealer Sigmar Gabriel, die sich vor allem für schärfere Waffengesetze einsetzen wollen. Als würde man hierzulande regelmäßig neben einer Stange Porree und zwei Hacktalern mit einer Glock 17 ausm LIDL spazieren. Und dass Menschen wie Volker Kauder plötzlich wieder die Killerspiel-Debatte aus der Mottenkiste holen, ist das schönste Comeback seit RTL plus. 

Was lernen wir aus München? Was aus Nizza? Was lehrt uns Würzburg? 

Mir persönlich –und den bedauernswerten Opfern- ist es völlig gleich, ob der Täter „Allahu Akbar“ oder „Grüß Gott“ brüllt. Es geht doch vielmehr um die Radikalisierung unserer Gesellschaft. Um die wachsende Bereitschaft des Einzelnen, seinem Hass auf die Gesellschaft so drastisch Ausdruck zu verleihen. Wenn es nicht so zynisch wäre, könnte man sagen: Der verwirrte Einzeltäter ist im Mainstream angekommen.

Was ist da los? Was treibt die Abgehängten, die Gescheiterten, die Ungeliebten an die Waffen?

Dabei scheint mir klar, dass der Islam gewiss keine Verrückten gebiert- es den Verrückten aber offensichtlich leicht macht, sich im Falle eines Amoklaufs auf ihn zu beziehen, um ihrer jammervollen Existenz zumindest am Ende noch so eine Art Sinn zu verleihen. Allah kann sich sein Publikum ja nicht aussuchen. Irgendein Angebot findet sich immer im Koran, wenn man es nur falsch genug verstehen will. Von daher erscheint mir die Trennung zwischen Terroranschlag und Amoklauf mitunter gar nicht so leicht. Tragisch, ich weiß.

Natürlich wäre die Signalwirkung für Deutschland eine andere gewesen, hätte sich der Todesschütze von München zum IS bekannt.Es hätte geheißen, dass der Exportschlager „islamistischer Terror“ endgültig auch hier angekommen sei, die Besorgnis der Bürger hätte neuerliche Nahrung bekommen. 

Ein ganz anderes Signal aber wirkt viel stärker:  Das von der Popularisierung der Gewalttat. Jeder Treffer eine Headline. Jeder Schuss ein Tweet. 15 Minuten Ruhm sind schön. Mit einem Amoklauf macht man sich unsterblich. Die tiefe Befriedigung des ewig Unsichtbaren, im letzten Moment seines jämmerlichen Lebens zu wissen, dass er eben doch zu Großem fähig ist. 

Wer erinnert sich heute noch an den Gewinner der dritten DSDS-Staffel, den Sänger von Nu Pagadi oder Hans Entertainment? Fallen die Begriffe „Germanwings“, „Gutenberg-Gymnasium Erfurt“ oder „Winnenden“ wissen wir sehr wohl damit Namen und Gesichter zu verbinden. Deutschland sucht den Amokschützen. Besorg Dir eine Knarre, werd ein Hashtag. Be a Killebrity.

Es war immer schon falsch, den Breiviks dieser Welt diesen Platz auf Titelseiten oder Internetforen einzuräumen. Auch wenn es schwer ist, ich weiß. Und was die Ermahnung angeht, dem Irrsinn weder ein Forum zu bieten , noch eine Erwähnung zuzugestehen, da sind sich Amokläufer und die Tweets diverser AfD-Politiker übrigens gar nicht so unähnlich.

Viel wichtiger als „Killerspiele“, Ego Shooter oder Marylin Mansons- CDs abschaffen zu wollen, ist es doch, eine Gesellschaft zu werden, in der man etwas rücksichtsvoller und achtsamer miteinander umgeht. Das klingt natürlich ein wenig glückskeksig und pathetisch. Mit Blick auf die Art und Weise, wie allerdings allein schon in Internet-Kommentarspalten miteinander verfahren wird, sicherlich nicht der schlechteste Ansatz. Vielleicht müssen wir uns alle gegenseitig wieder ein bisschen erziehen. Empathisch sein.

"Auch auf der Alfonsschule hat David S. Probleme mit seinen Mitschülern. 'Er hatte überhaupt niemanden in der Klasse, der sich mit ihm abgegeben hat', sagt ein Bekannter. Seine 'Sing-Sang-Stimme' habe alle genervt, er habe Namen immer 'blöd ausgesprochen'. Auch wegen seines 'komischen Gangs' habe man sich lustig gemacht, er habe das linke Bein so merkwürdig aufgesetzt."

Jetzt lacht niemand mehr. Auch nicht über spaßige kleine Texte.

P.S.: Warum ich nix zu Reutlingen und Ansbach schreibe? Ich habe zur Stunde, während ich diesen Text verfasse, keine Ahnung, was genau da vorgefallen ist. Also halte ich mich zurück. Tut auch mal gut.