"The Streets of Wedding" Schäuble unterstützt Rapper


Mitten aus der "Bronx von Berlin" kommt ein Schüler-Musical, das sogar Innenminister Schäuble begeistert hat. Deshalb geht die Lebensgeschichte aus dem Problemkiez Wedding nun auch auf Tour. Vorher wurde die Schule allerdings noch einmal von der Realität eingeholt.
Von Johannes Gernert

Es klingt ein bisschen nach Hollywood: Anfangs sind die Schüler aus dem Problembezirk noch unpünktlich, ungezogen und unkonzentriert. Sie schreien durcheinander und prügeln sich manchmal. Sie fühlen sich in dem Viertel mit dem Dreck auf der Straße, den Pennern, den Schlägern, den Junkies an den Ecken ziemlich abgeschrieben. Bis eines Tages der Mann mit dem Musical kommt, der entdeckt, dass einige von ihnen ziemlich gut singen können, andere rappen und dass sie zusammen wunderbare Tanz-Choreographien hinbekommen.

Auf der Bühne erzählen sie ihre Geschichten. Sie merken plötzlich, dass sie etwas besonderes sind. Als ihr Musical Premiere feiert, sitzen der Bundespräsident und der Innenminister in der ersten Reihe und sind gerührt. Wolfgang Schäuble ist sogar so begeistert, dass er dafür sorgt, dass das Stück auf eine kleine Deutschlandtournee gehen kann. Die Stationen heißen Köln, Nürnberg und Frankfurt. Der stellvertretende Schulleiter spricht schon von einem "Exportschlager". An diesem Freitag und Samstag wird "The Streets of Wedding" davor noch einmal in der Hauptstadt aufgeführt.

Ein Amerikaner in Berlin

Eine ganz ähnliche Geschichte war erst im vergangenen Jahr im Kino zu sehen: "Freedom Writers" spielte allerdings nicht an der Ernst-Schering-Schule im Berliner Arbeiterbezirk Wedding, an der Schüler aus der Türkei, Palästina, Serbien, Kroatien, Bosnien, Indonesien - aus insgesamt 22 Nationen - unterrichtet werden. Er erzählte von einer Klasse aus der amerikanischen Stadt Long Beach. Die Schüler, die in ihrem Ghetto fast alle schon jemanden haben sterben sehen, werden von ihrer Lehrerin zum Tagebuchschreiben gebracht und sehen einen Ausweg aus ihrem tristen Leben.

Im Wedding fallen nicht täglich Schüsse, aber die Plotidee ist die gleiche. Auch in dem Musical aus dem Stadtteil, den manche die "Bronx von Berlin" nennen, geht es um Träume und Chancen. Es ist deshalb kein Wunder, dass für die fast filmreife Story zunächst einmal zwei Amerikaner verantwortlich sind. Der eine heißt Todd Fletcher und hat das Musical komponiert. Der andere, der US-Botschafter William Timken, hat das Vorhaben von Anfang an unterstützt.

Mobbing und abgezogene Handys

Als Fletcher, der zuvor unter anderem mit dem bekannten Produzenten Quincy Jones gearbeitet hatte, im vergangenen Frühjahr an die Schule im Wedding kam und in der Aula 150 Jugendliche vor ihm saßen, konnte er ihnen eigentlich nur folgendes sagen: "Ich möchte ein Musical machen. Und ihr sollt darin vorkommen." Mehr wusste er selbst noch nicht. Zwei Monate lang improvisierte er mit den 50 Schülern, die nach den ersten Terminen übrig geblieben waren. Er ließ sie kleine Szenen aus ihrem Leben spielen. Es ging um Mobbing, um abgezogene Handys oder um große Brüder, die auf ihre kleinen Schwestern aufpassen. Dann flog er zurück nach Connecticut, um das Musical zu schreiben.

Das Grundgerüst dafür hat er sich zusammen mit den Darstellern ausgedacht: Einige Schüler aus dem Wedding wollen ein Straßenfest organisieren, um das freundliche Gesicht ihrer Gegend zu zeigen. Das geht nicht ganz ohne Ärger.

Realität meets Fiktion

Patrick etwa, dessen Vater Amerikaner ist, prügelt sich in einer Szene. Der 16 Jahre alte Oberschüler sieht aus, als habe er denselben Stylisten wie der Rapper Sido. Weite Hosen, große Cap, der beige Sweater lang wie ein Kleid. Der Anlass für das Gerangel ist eher nichtig. So wie oft Belanglosigkeiten für Streit sorgen, auf den Straßen, draußen vor der Schule. Ausgerechnet in die Probenphase vor der Tour platzte vor wenigen Tagen wieder so ein Vorfall:

Ein Ernst-Schering-Schüler hatte ein Mädchen zum Geburtstag auf die Wange geküsst. Ihr Cousin hörte davon und kam zur Schule, um den Typen zur Rede zu stellen. Schließlich zog er ein Messer, am Ende waren fünf Jugendliche verletzt. Eine seltsame Parallele zum Musicalinhalt. "Er hat sie nicht einmal richtig geküsst", sagt Patrick, der das alles nicht ganz nachvollziehen kann. Eher so in die Luft geschmatzt.

"V.I.P" für einen Abend

Dabei ist genau dieses Image gegen das die Schüler sich mit dem Musical eigentlich wehren wollen. Deshalb kommt nach der Prügel-Szene ein Song, der heißt "You don't know". "Du weißt nicht, wer ich bin/ Du weißt nicht, was ich mache", übersetzt Patrick. Er steht draußen im Flur vor der Aula. Aus dem Musiksaal dringen die Töne der Band herüber, dazu singen seine Mitschüler. "Ich wusste gar nicht, dass sich das so gut anhört", sagt er.

Die Musiker für die Tour sind neu. Patrick hat einen Rap-Solo-Part. Er stellt sich darin vor, wie es wäre, einmal über einen roten Teppich zu laufen. Nach der ersten Aufführung hat er ein Gefühl dafür bekomen, wie das sein könnte. Alle gratulierten ihm zu seinem Auftritt. Er stand hinter der Bühne, seine Mitschüler umringten den Innenminister und fragten ihn, wie das mit dem Rollstuhl gekommen sei. Patrick ging nicht hin. An dem Abend, sagt er, sei er doch selbst "V.I.P." gewesen.

"Welcome to our World"

Wenn diese Musical-Geschichte tatsächlich Hollywood-Kino wäre, hätte Jane Natz eine der Hauptrollen und würde von Michelle Pfeiffer gespielt. An diesem Proben-Nachmittag allerdings wirkt die Theater-Lehrerin in Jeans und mit leichtem, braunen Schal um den Hals zunächst eher verkniffen wie Deutschfilm-Darstellerin Katja Riemann. Mit angespannten Gesichtszügen steht sie auf einem Podest und schreit kurze, scharfe Aufforderungen: "Jacke aus! Setz dich!" Vor ihr formieren sich etwas träge die Darsteller. Dann beginnt mit einem kurzen Solo die Probe.

"Welcome to our World", singen die Schüler. Diese Welt voller Erwartungen und Enttäuschungen. Der ganze Musical-Text ist englisch. Rechts außen stehen Patrick und sein Kumpel Roger mit den geflochtenen Zöpfen, die sich gerade noch mit "Alles klar, Bruder" begrüßt haben. Sie steppen, singen, tanzen. Natzs Gesichtszüge entspannen sich ein klein wenig.

Das Ding mit der Star-Sache

Sie habe ihre Familie seit Anfang des Jahres kaum noch gesehen, sagt sie. "Man braucht für so ein Projekt sehr viel Leidenschaft, Enthusiasmus und Kraft." Die Zeiten des "Könntest du mal bitte" seien in der Endphase vorbei. "Jetzt heißt es: Mach!" Und die Schüler machen tatsächlich. Sie kommen pünktlich. Sie wissen, dass es eine Szene sprengt, wenn sie nicht da sind. Anfangs, sagt Natz, wollten sie noch alle Stars werden, "jetzt sind sie ein Team".

Patrick will über diese Star-Sache eigentlich nicht nachdenken, die Vorstellung, dass er entdeckt werden könnte. Er muss zusehen, dass er den Mittleren Schulabschluss hinbekommt. Wenn ihm die vielen Hartz-IV-Empfänger einfallen und die Tatsache, dass seine Eltern manchmal die Strafe nicht zahlen können, wenn er in der U-Bahn ohne Ticket erwischt wird, will er so nicht enden, sagt er. Aber große Hoffnungen, die mache er sich ganz bewusst nicht: "Wer hofft, der wird enttäuscht." Das wiederum klingt nun wieder so gar nicht nach Hollywood.

Tourdaten

7. und 8. März, Berlin Universal Hall, 20 Uhr und 19 Uhr
12. März, Köln, Theater am Tanzbrunnen, 19.30 Uhr
14. März, Nürnberg, Heilig-Geist Saal, 19 Uhr
17. und 18. März, Frankfurt/ Main, The English Theatre, 20 Uhr und 19.30 Uhr


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