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Interview

Autobiografie "Face it": Blondie-Sängerin Debbie Harry: "Wenn ich etwas machen will, darf mir niemand dazwischenfunken"

Debbie Harry hat als Kopf, Gesicht und Stimme von Blondie ein Leben auf der Überholspur geführt. Nicht immer ist es so verlaufen, wie sie es sich gewünscht hätte. Ihre Autobiografie zeigt jedoch, dass sie darüber ihren Humor nicht verloren hat. Der stern hat mit ihr gesprochen.

Debbie Harry hält ihre Autobiografie in die Kamera und lächelt

Blondie-Sängerin Debbie Harry bei einer Signierstunde für ihre Autobiografie "Face it" in London

Picture Alliance

Nach ihrer Zeit am College wusste Deborah Ann "Debbie" Harry, dass sie nach New York City musste. Sie war vorher schon ein paar Mal dort gewesen und ihr eindrücklichster letzter Aufenthalt hatte sie ins El Dorado, 300 Central Park West, geführt, dort lebte die Mutter ihres damaligen Freundes Kenny. In ihrer Autobiografie "Face it" erinnert sich Debbie Harry: "Während ich den unfassbaren Ausblick von der Terrasse ihres herrlichen Apartments genoss, wurden meine Träume vom Leben in der großen Stadt immer konkreter. Das hier fühlte sich einfach richtig an. Verdammt richtig."

Es war schon damals schwierig, in New York eine bezahlbare Wohnung zu finden, deshalb musste Harry, die in der Stadt jobbte, in der ersten Zeit pendeln und abends zurück nach New Jersey fahren, in das Haus ihrer Adoptiveltern. Als sie eines Tages von dem Zauberwort der Mietpreisbindung hörte, eröffneten sich jedoch ganz andere Möglichkeiten – und Harry fand ein Vier-Zimmer-Apartment an der Lower East Side für 67 Dollar Miete. "Es fühlte sich an, als wäre ich nun endlich, nach zwanzig Jahren, an dem Ort angekommen, an dem mein neues Leben beginnen sollte", beschreibt sie die Erinnerung an die erste Nacht im eigenen Zuhause. Und was für ein Leben!

Das Gesicht der Blondie-Sängerin Debbie Harry

"Face it. Die Autobiografie" von Debbie Harry. Heyne Hardcore, 432 Seiten, 25 Euro, hier bestellbar

Machen, machen, machen

"Face it" liest sich wie ein Lehrbuch für perfektes name dropping. Menschen, mit denen Debbie Harry Kontakt hatte, die ihre Freunde wurden, mit denen sie Projekte zusammen machte oder Musik, waren in der A-Liga der New Yorker Kunstszene. Fast jeden Namen, den Harry erwähnt, "kennt man". New York war Mitte der Sechzigerjahre ein Schmelztiegel für Kreative, alle waren miteinander vernetzt. Und die eigentlich schüchterne ehemalige Kirchenchorsängerin aus New Jersey stürzte sich direkt in die kreative Underground-Szene.

13 Jahre lang war Debbie Harry in einer Liebesbeziehung mit Chris Stein, der noch immer ihr Freund ist. Mit dem Gitarristen hat sie eine Band gegründet, die sie im Sommer 1974 in Blondie umbenannten. Ihre Musikrichtung war flexibel, von Rock über Pop, Punk, New Wave, Reggae und mit "Rapture" 1981 sogar einem der ersten weißen Hip-Hop-Tracks. Debbie Harry war das Gesicht und die Stimme der Band, die 1979 ihren internationalen Durchbruch hatte. Sie galt als Ikone, wogegen sie sich immer gewehrt hat – sie sei ja nicht tot. Doch ihr "Schlafzimmerblick", die hohen Wangenknochen, der herzförmige Kussmund und das platinblonde Haar sorgten dafür, dass sich der Titel hielt. Der stern hat mit ihr ein Telefoninterview geführt.

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Wenn Sie heute aufwachsen würden, würden Sie sich wieder entscheiden, in New York City zu leben?
Debbie Harry: Wahrscheinlich ja, ich denke schon. Das ist schwierig zu sagen mit dem Wissen von heute. Aber New York hat für einen Menschen wie mich eine Menge zu bieten.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem anderen Land zu leben?
Nun, wo ich recht viel gereist bin, glaube ich, dass es viele Orte gibt, an denen ich gern wohnen würde. Wo sind Sie?

In Hamburg, in Deutschland.

In Hamburg. Wissen Sie, ich hatte großartige Zeiten in Hamburg, Berlin und München. Mit die besten, um genau zu sein.

Das freut mich zu hören. Sie haben auf der ganzen Welt mit der Crème de la Crème der Kreativen zusammengearbeitet. Die ganze Kunstszene war miteinander verknüpft. Hat jemand Sie besonders beeindruckt?
Meinen Sie als Künstler?

Ja, oder als Mensch.

Ich weiß nicht, es waren so viele. Kürzlich ist ein Freund von mir verstorben. John Giorno, einer der Beat Poets. Er war wundervoll, wirklich wundervoll, ganz besonders, eine nette, süße, humorvolle Person. Deshalb würde ich sagen, ich widme das hier John.

In "Face it" haben Sie geschrieben, Sie hätten sich für die Biografie auch an all den Mist erinnern müssen, den Sie erlebt haben. Was war das Schlimmste?
Ich glaube, enttäuscht zu werden von Menschen, mit denen ich gearbeitet habe. Die einem in den Rücken fallen oder einen schlecht behandeln.

Gibt es ein konkretes Beispiel?
Ich würde sagen: einen schlechten Manager, den ich vor langer Zeit hatte.

Als Sie Ihren Manager verlassen haben, haben Sie sehr viel Geld verloren. Wie ist das passiert?
Im Wesentlichen lag es daran, dass wir uns aus dem Vertrag kaufen mussten und mit einem erheblichen Minus zurückblieben. Es dauerte eine Weile, das wieder auszugleichen.

Und dann haben Sie Ihr Haus verloren.
Das lag daran, dass unser Buchhalter die Steuern nicht bezahlt hatte.

Ganz zu Anfang Ihrer Karriere allerdings, haben Sie überhaupt kein Geld verdient und sehr kreativ improvisiert. Hatten Sie jemals Angst vor der Zukunft?
Als ich von der Schule gegangen bin, war ich sehr besorgt. Ich wusste nicht genau, was ich machen sollte, das hat mich nervös gemacht. Ich hatte das Glück, dass eine gewisse Sorglosigkeit dabei half, dass ich keine Angst davor hatte, Dinge auszuprobieren. Ich glaube, dass Leute oft zögern, weil sie nicht wissen, was dabei herauskommt. Das hat mich zu der Zeit nicht interessiert. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas versuchen muss, weil ich es sonst später bereuen würde. Also habe ich mich in ein paar verrückte Situationen gebracht.

Bedauern Sie etwas davon?
Ich bedaure vieles, aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich versuche, nicht zweimal den gleichen Fehler zu machen, ich versuche, andere Fehler zu machen. Hahaha.

Sie gehen recht offen damit um, wie viele Drogen Sie genommen haben. Glauben Sie, dass Sie Glück hatten, das zu überleben? Oder hatten Drogen damals eine bessere Qualität?
Die meisten Drogen, die ich genommen haben, waren auf organischer oder pflanzlicher Basis. Ich glaube, dass viele Drogen, die die Kids heute nehmen, rein chemische Mixturen sind. Vielleicht hat mich das gerettet.

Ihre Biografie basiert auf Interviews mit Sylvie Simmons. Wie lief der kreative Prozess ab?
Etwa genauso wie das, was wir gerade machen. Wir haben viele telefonische Interviews geführt, die wurden zusammengestellt, ausgedruckt und dann begann der Prozess des Redigierens, Bearbeitens und Umschreibens. Es dauerte ganz schön lange, weil es so eine Menge war. Viel habe ich selbst bearbeitet, viel habe ich selbst geschrieben. Sylvie hat einiges bearbeitet und einiges wieder umgeschrieben. Es war ein langwieriger Prozess. Sie wissen selbst, wie wichtig das Redigieren ist.

1979 herrschte in Großbritannien "Blondiemania". Wie hat sich das angefühlt?
Oh, ganz besonders. Es war sehr aufregend und wir hatten keine Zeit, auch nur Luft zu holen. Es ging alles sehr, sehr schnell und war sehr, sehr aufregend. Wir waren oft im Fernsehen und sind viel gereist. Wir haben viel aufgenommen. Alles war so, wie man es sich von Erfolg erhoffen würde.

Obwohl Sie ein großer Star sind, klingen Sie in Ihrem Buch sehr bescheiden. Sind Sie ein bescheidener Mensch?
Ich denke, ich bin Realistin. Ich weiß nicht, ob das etwas mit Bescheidenheit zu tun hat. Ich glaube, manche Menschen würden sagen, ich bin zurückhaltend. Aber der Unterschied ist unerheblich. Wenn ich etwas machen will, darf mir niemand dazwischenfunken. So bin ich. Aber mich interessiert, was andere Menschen tun. Ich finde das aufregend. Ich bin keine Egomanin, die von der Arbeit der anderen nichts wissen will oder sie nicht genießen kann. Ich glaube, ich habe ein gesundes Ego.

Sie haben es geliebt und gehasst, ein Sexsymbol zu sein. Was war daran das Problem?
Das Problem? Dass übersehen wurde, dass es sich bei einigen Dingen, die ich gemacht habe, ein bisschen mehr um Kunst handelt, vielleicht.

In der Schweiz haben Sie schon recht jung eine Frischzellentherapie gemacht. Was haben Sie sonst getan, um Ihre Schönheit zu erhalten?
Darum habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Ich hatte ein paar Gesichtsoperationen. Aber ich glaube, das ist eine persönliche Entscheidung: Manchen Leuten ist das egal, oder sie wollen oder brauchen das nicht. Ich fühle mich besser, wenn ich besser aussehe. Bei der Frischzellentherapie fand ich es eine logische Konsequenz für meine Gesundheit. Nicht, um besser auszusehen, aber um mich besser zu fühlen. Meine Arbeit ist sehr physisch. Wenn ich toure und Shows mache, arbeite ich körperlich. Und so wie ich reise, bekomme ich manchmal nicht genug Schlaf. Die Frischzellenkur war sehr wohltuend.

Sie besitzen ein Porträt, das Andy Warhol von Ihnen gemacht hat. Würden Sie es je verkaufen?
Wahrscheinlich. Ich denke, unter Umständen würde ich das. Warum, kennen Sie einen Interessenten?

Ich wollte das wissen, weil es so ein tolles Bild ist.

Wenn eine Zeit kommt, in der ich Geld brauche, wäre das ein großer Betrag. Ich nehme an, ich würde es erwägen. Ich rechne damit, dass es sehr wertvoll ist. Ich habe es zu einer Retrospektiven-Ausstellung gegeben, die in New York begann und durch das ganze Land reist. Ich glaube, sie ist bald zu Ende. Mein Porträt war Teil der Ausstellung, ich freue mich sehr darüber und bin sehr stolz darauf. Ich hatte das Bild jetzt etwa ein Jahr lang nicht, ich hoffe, es ist in einem guten Zustand.

Ihre Fans zeichnen und malen Sie auch gern. Heben Sie die Bilder auf?
Das tue ich. Ich habe noch viel mehr, als in dem Buch zu sehen sind. Die Auswahl war schwierig. Aber mein Artdirektor, Rob Roth, hat das hervorragend gemacht. Er hat sie zusammengestellt. Er hatte ein System und es gefällt mir, was dabei herauskam. Tatsächlich liebe ich, was dabei herauskam.

Sie schreiben, Sie waren immer ein Punk und werden immer einer sein. Was bedeutet Punk für Sie?
Ich denke, die Punkszene war eine Zäsur in der gesellschaftlichen Haltung. Ich will Dinge immer als das ansehen, was sie wirklich sind, und nicht hinsichtlich dessen, wie sie vielleicht sein sollten. Wir alle haben Ideale und Ideen, wie die Welt sein sollte. Und Teil des Punk war, dass jeder sich über unterschiedliche Verhältnisse, soziale Stellungen und persönliche Schwächen irgendwie lustig gemacht hat. Ich habe das immer wirklich geschätzt.

Was halten Sie von Billie Eilish? Ist sie ein Punk?
Ja, auf eine Art ist sie ein sehr romantischer Punk, nehme ich an. Ich finde sie wunderbar. Ich erfreue mich an ihrer wunderschönen Stimme und sie ist so ein hübsches Mädchen. Und die Tatsache, dass sie und ihr Bruder diese Figur und diese Songs im Teamwork geschaffen haben, ist so schön. Ich finde es verblüffend, dass sie so jung ist und so individuell. Das ist erstaunlich.

Diese Frage ist für Ihren größten lebenden Fan, meinen Kollegen Felix Bringmann: Können wir auf neue Musik von Ihnen hoffen?
Ja, und zwar schon sehr bald. Ich habe ein paar Ideen aufgeschrieben, wir sammeln Material und haben unseren Producer von "Pollinator" gebeten, wieder mit uns zu arbeiten. Also ja, wir organisieren es gerade, waren aber noch nicht im Studio. Wir versuchen, uns Zeit für vorbereitende Proben und Schreib-Sessions und solche Dinge zu nehmen.

Mit "Debbie Harry & Chris Stein in Conversation" kommen die beiden Blondie-Gründer im März 2020 nach Deutschland: Hamburg, 7.3., Kampnagel, Köln, 11.3., lit.Cologne, Theater am Tanzbrunnen und München, 13.3., Muffathalle.