HOME

Blue Touch Paper "Stand Well Back": Colin Towns’ neue Band: Blue Touch Paper - großartig anders und angstfrei

Im Fall der Erstlings-CD der Band Blue Touch Paper "Stand Well Back" freut man sich, dass es Dinge gibt, die nicht von Google und Co. in eine Bedeutung gepresst werden.

Von Christian Hasselbring

Die Musik von Colin Towns` neuer Band passt in kein Klischee und kann nur als Matrix verstanden werden. Sie kreuzt und durchkreuzt alle Stile und Herkünfte und nimmt den mit, der hören will - zu Bildern, Filmen, Farben, Gerüchen und Emotionen. Bricht Muster und Gewohnheiten auf und lässt Raum für eigene Inspiration. Diese Musik will keine gestanzte Geschichte verkaufen, will keine Gebrauchsmuster bedienen, sondern lädt den Zuhörer ein, die eigene Geschichte beim Hören zu erfinden. Gewohnte Strukturen, Dynamiken und Bögen treten in den Hintergrund. Die Musiker setzen ihr Können ein, um als Individuen an Bedeutung zu verlieren – lassen so der Musik und dem Hörer Raum – sie treten zurück.

Im ersten Titel "Blue Touch Paper" geht es mit großstädtischen Klangcollagen los und nahtlos über in "Crazy Man On Platform 13"…dieser Verrückte ist ein Staatenloser, der in London, Berlin, Bombay, New York oder vielleicht doch nur auf YouTube existiert. Es stampft orchestral – getrieben von mächtigen Drums – dann pumpt die Band durch ein bizarres Gitarrensolo, findet sich für einen kurzen Moment im Hauptmotiv wieder, gibt auf dem nächsten Abschnitt der Reise den Trommeln allen Raum und landet zum Ende wieder gemeinsam auf Platform 13. So rast man mit den Gedanken des "Crazy Man" durch eine sehr moderne Stadt, die ihre Wurzeln vergisst und deren Bewohner sich beizeiten verschreckt umschauen und fragen: "Wie hängt das alles zusammen, wo komm ich her, wo geh ich hin, warum geht es alles so schnell, wie behalte ich den Überblick?"

Intensität und Humor

Der "Crazy Man" steht als Metapher für das gesamte Album aus 13 Songs. Höchste Intensität gefolgt von überraschenden Pausen. Schnelligkeit, Härte und Kälte bereiten den Boden für Lyrik, Lieblichkeit und Wärme. Melodien, Rhythmen und Harmonien aus allen Ländern und Zeiten dürfen hier mitreden. Die Klänge kommen zusammen, fließen übereinander und entladen sich urplötzlich in neuen Räumen. Alle Stile dürfen sein, egal welches Label draufsteht, Hauptsache, es passt zur Geschichte, die die Band gemeinsam mit dem Hörer erzählen will.

Dieses filigrane Konzept wird von Stephan Maass’ omnipräsenter Percussion, Edward MacLeans warmem und pointiertem Bass und Benny Grebs tief musikalischem Schlagzeugspiel getragen. Und als Spiel muss man es verstehen. So leicht tanzen die Drei um die Melodien, Sounds und Strukturen, springen aus dem Takt, verlassen den Groove und fügen all das zu einer fließenden Plattform für Colin Towns an den Keyboards, Chris Montague (Gitarre) und Mark Lockheart (Saxophones) zusammen.

Vergleiche mit Filmmusik liegen bei Colin Towns, als erfolgreichem Komponisten, Arrangeur und Bandleader für zahlreiche Film-Produktionen, nahe. Sicherlich haben ihn diese Erfahrungen geprägt und ihm, zusammen mit seinen fünf Mitstreitern, die Möglichkeiten gegeben, auszubrechen und Neues zu schaffen. Zwei Jahre hat Towns gesucht, um für diese, im Vergleich zu vielen seiner BigBand- und Orchester-Projekte, kleine Band die richtigen Musiker zu finden. Welches in Mr. Towns Augen die ausschlaggebenden Attribute für Musiker bei BTP sind, kann nur gemutmaßt werden. Ganz sicher gehört musikalische Meisterschaft dazu genauso wie Erfahrung in unterschiedlichsten musikalischen Welten. Committment, Ernsthaftigkeit und viel Humor werden auch eine Rolle gespielt haben.

Eins ist aber sicher: Nur wer frei von Angst ist, kann so spielen wie diese Band. Hier geht es nicht um Licks und Phrases, nicht um Solo und ShowOff und schon gar nicht um gewohnte, starre Songformen. Es geht um ein sehr offenes, mutiges Gespräch von Musikern, die sich von Virtuosität und Gewohnheit trennen, um gemeinsam eine Reise anzutreten und ihr Publikum mitzunehmen.

Neue musikalische Räume

Wer sich an Weather Report erinnert fühlt, liegt mit seinen Assoziationen nah an dem, was diese Band ausstrahlt. Großstädtischer, teils härter und rockiger kommen BTP daher. Weniger Jazz- und Black-Roots, aber dafür ein Kaleidoskop aus aller Herren Geräusche im Gepäck. In puncto Musikalität, Ausdruck und Willen neue musikalische Räume zu betreten stehen sich diese Bands sehr nahe.

Blue Touch Paper – Stand Well Back: Ob Colin Towns und Team nun Zündpapier und das respektvolle Zurücktreten vor selbigem meinen oder eine Konstruktionszeichnung und die Notwendigkeit, Abstand zu nehmen, um das Ganze zu sehen – das bleibt dem Hörer überlassen. Wenn er sich denn ohne Angst auf schwer zu fassende Musik als Raum für seine eigenen Bilder einlässt.

Am 06. November 2011 hat BTP Live-Premiere beim JazzFest Berlin. Ich werde da sein.

Themen in diesem Artikel