Blumentopf Fußball, Flanken und Freestyles


Mit "Böörti Böörti Vogts" hat Stefan Raab 1994 gezeigt, wie man es nicht macht. Bei dieser WM beweisen Blumentopf: Fußball und Rap vertragen sich doch.
Von Alexander Kempf

Alle blicken auf den Fernseher. Das kleine Münchener Musikstudio wird zum Fußballstadion. Florian tappt nervös mit dem Fuß. Bernhard schlägt mit dem Bleistift immer wieder auf den Notizblock, als wäre dieser ein Schlagzeug. Unruhig winden sich die Jungs auf dem Sofa. Ihre Hände sind feucht, die Nerven liegen blank. Es läuft das Viertelfinalspiel der deutschen Mannschaft. Ein Fußballkrimi mit Verlängerung. "Vergesst Hitchcock, Spielberg und Stephen King, Argentinien gegen Deutschland ist mein Lieblingsfilm", notiert Roger in seinen Textblock.

Die fünf Musiker vom Blumentopf sind die ungewöhnlichsten Kommentatoren dieser Weltmeisterschaft. Für die ARD fassen sie jede Partie der deutschen Mannschaft in unterhaltsamen WM-Raps zusammen. Anderthalb Minuten dauern die Beiträge, bei denen die wichtigsten Szenen des Spiels mit raffinierten Reimstafetten kombiniert werden. "Spielverlauf, Stimmung und etwas Gossip. Eine gute Mischung ist wichtig", erklärt Sebastian knapp.

Reime im Akkord

Lehmann hält! Das Spiel ist aus! Das Quintett steht jubelnd im Studio, Deutschland im Halbfinale. Während das ganze Land im Freudentaumel versinkt, ist die Euphorie in München aber nur von kurzer Dauer. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Bis zuletzt war kein Sieger auszumachen, jetzt müssen die Jungs ihre Reime im Akkord schreiben. "In einer Stunde muss der fertige WM-Rap abgegeben werden", sagt Sebastian. Alle anderen haben sich schon wieder ihren Notizblöcken zugewendet. Köpfe wiegen im Takt. Still murmeln sie Zeilen vor sich hin.

"Glanzparade! Halbfinale! Wer holt den Cup? Was 'ne Frage", wirft Roger wenige Minuten später in die Runde. Die anderen nicken zustimmend. Der Text steht. Die Uhr tickt. Sebastian tippt die letzte Zeile in den Computer. Hinter jeden Vers fügt er in Klammern eine Nummer ein. "Die Spielminute", erklärt Cajus. Noch bevor die Jungs ihre Zeilen in München aufnehmen, wird ihr Text via E-Mail nach Köln geschickt. Im Sportstudio des WDR ruft Redakteur Daniel Kuhn sein Postfach im Sekundentakt ab. Anhand der Minutenvorgabe schneidet er die Bilder für den Beitrag im Voraus.

Bewährungsprobe gegen Italien

Der Redakteur ist ein Jugendfreund der Musiker. Man kennt sich vom Skate-Park, nicht vom Bolzplatz. "Die ARD wollte frischen Wind in die Sportberichterstattung bringen und kam über Daniel auf uns zu", sagt Cajus. Beim WM-Vorbereitungsspiel Deutschland gegen Italien erhielten die Hip-Hopper ihre Chance und produzierten einen Kommentar auf Probe. Während die deutsche Elf eine herbe Niederlage erlitt, überzeugten Blumentopf auf ganzer Linie. "Die ARD-Redaktion war begeistert", sagt Sebastian.

Mit Reimen wie "Da wurde traumhaft kombiniert, einfach megagenial, die nahmen Schweden auseinander wie ein Ikea-Regal" pimpt Blumentopf die WM-Berichterstattung der altehrwürdigen Anstalt jetzt gehörig auf. Das kommt an. "Die ARD bekommt soviel positives Feedback auf unsere Beiträge, dass sie diese im Sendeplan stets auf bessere Zeiten verlegt", verrät Sebastian. Statt am undankbaren Nachmittag rappen Blumentopf nun direkt nach den Lottozahlen. Vor dem Turnier noch als Geheimtipp gehandelt, kennt heute ein Millionenpublikum den Blumentopf.

Ständige Herausforderung

Auch ohne Psychologen in der Mannschaft verspüren Blumentopf beim Schreiben ihrer Raps nur positiven Druck. "Es ist doch schön, die ganze Zeit unter Strom zu stehen", sagt Roger. Er hört sich an wie auf einer DFB-Pressekonferenz. Angst, dass ihnen die Ideen ausgehen, haben sie nicht. "Eher gehen einem die Reime aus. Es gibt Strafstoß. Es gibt Elfmeter, aber es fehlt ein weiteres Synonym", sagt Roger. Einen Zettel im Strumpf wie Jens Lehmann haben sie nicht. "Wir bereiten keine Zeilen für das Spiel vor", versichert Cajus. "Durch die Herausforderung macht es erst richtig Spaß", bekräftigt Roger.

Fußball und Hip-Hop das waren lange Zeit zwei verschiedene Paar Schuhe. Noch bis Mitte der 90er dröhnte der Sprechgesang ausschließlich aus Ghettoblastern auf Basketballplätzen und Skate-Parks. Im Mannschaftsheim hörte man dagegen lieber Wolfgang Petry oder Scooter. Heute ist Hip-Hop Volksmusik. Er ist laut, eingängig und spricht Deutsch.

Monica Lierhaus ist begeistert

Die Jungs vom Blumentopf werden ob ihrer humoristischen Raps in der Szene gerne als Studenten abgestempelt. "Wir sind schon die Hip-Hop Streber", sagt Cajus, "wenn die ARD einen Beitrag in zwei Stunden auf dem Tisch haben will, bekommen sie ihn von uns in anderthalb!".

Kurz nach 23 Uhr kündigt Monica Lierhaus den aktuellen Beitrag der Gruppe an. "Sie ist jedes Mal von uns begeistert", prophezeit Roger. Er behält Recht. Insgeheim hoffen aber alle auf ein Lob von ganz oben. Die Meinung des Kaisers ist gefragt. "Noch hat Beckenbauer nichts dazu gesagt, aber ich spüre es im Herzen, er liebt es", sagt Cajus. Für den Anfang würde es auch ein Feedback vom Prinzen Lukas Podolski tun. Im Kommentar zum Achtelfinalspiel bauten Blumentopf diesen extra mit einem Zitat in ihre WM-Raps ein. Podolski hört Rap, wenn auch bevorzugt polnischen. "Vielleicht ändert sich das nun", sagt Cajus. Er schmunzelt und nuschelt im Podolski-Deutsch: "Alles ist möglich!"


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