Brian Wilson Das Leben des Brian


Während die Songs der Beach Boys von Sonne, Meer und Mädchen schwärmten, ging ihr Chef Brian Wilson an Drogen beinah zugrunde.

Natürlich rauschen einem all diese sonnigen Melodien wieder durch den Kopf, während man vor Brian Wilsons Haustür in Beverly Hills steht: Das "Surfer Girl", das man damals so gern als Freundin gehabt hätte, und die "California Girls", nach denen man im Ostseeurlaub mit den Eltern vergebens suchte. Wenn Brian Wilson dann plötzlich vor einem steht, erschrickt man, weil der Erfinder dieser Teenagerträume aussieht wie ein Nachtgespenst: blass, übernächtigt, mit abwesendem Blick.

Zögerlich reicht er die Hand zur Begrüßung und legt den Kopf ein wenig schief, damit er besser hören kann. Der ehemalige Chef der Beach Boys ist seit seiner Kindheit auf dem rechten Ohr taub. Es heißt, sein tyrannischer Vater Murry habe ihm diesen Schaden durch eine furchtbare Tracht Prügel zugefügt. "Na los, kommen Sie", sagt er, "wir wollen keine Zeit verlieren." Zeit ist Brian Wilson kostbar, zu viel hat er davon in seinem Leben verschwendet.

Der Musiker hat in den vergangenen Jahren sehr wenig Besuch in seinem palastartigen Haus oben in den Bergen von Beverly Hills, Los Angeles, empfangen. Außer zwei mittelmäßigen Solo-Platten in den letzten 20 Jahren gab es von ihm nichts Neues zu hören. Kein Wunder also, dass die Aufregung im Popgeschäft fast hysterische Züge annimmt, wenn Brian Wilson nun das Doppelalbum "Live At The Roxy Theatre" veröffentlicht und dazu noch für ein paar Konzerte nach Europa kommt. Für ihn stelle diese Tour "eine Art Wiedergeburt" dar.

Er liegt jetzt, eingehüllt in eine dicke Wolldecke, auf einem gigantischen Sofa. Unten an seinen Füßen hecheln die Yorkshireterrier Ringo und Paul. Es ist Brian Wilson sichtlich unangenehm, nach seiner Vergangenheit befragt zu werden. "Ich war...", sagt er und legt eine lange Pause ein, "ich war dem Tod so oft nahe, dass ich jetzt einfach nur glücklich bin, am Leben zu sein."

Tatsächlich galt Brian Wilson in den letzten Jahrzehnten als das große, verschollene Genie der Popgeschichte. "Ein Mozart des Pop, aber ein Amateur im Leben", wie sein langjähriger Freund, der Musiker Tony Asher, einmal sagte. Die Wahrheit ist, dass Brian Wilson vermutlich sogar ein noch größeres Songwriter-Talent als Lennon/McCartney war. Leider fiel das aber dem Drogenwahnsinn zum Opfer.

Alles hatte vielversprechend angefangen, damals im Frühjahr 1961, als Brian Wilson zusammen mit seinen Brüdern Dennis und Carl und zwei Freunden im Wohnzimmer seiner Eltern eine Melodie einspielte, die zum Glaubensbekenntnis der amerikanischen Nachkriegsjugend werden sollte: "Surfin'". Sie nannten sich die Beach Boys, und sie sangen mit ihren hellen Engelsstimmen von dem Surfer-Paradies Kalifornien, in dem der Sommer niemals zu Ende ging und es für jeden Jungen zwei Mädchen gab.

"Surfin'" wurde ihr erster Hit. Die Beach Boys bekamen einen Plattenvertrag und Brian Wilson, das damals 19-jährige Wunderkind, den dringenden Auftrag, mehr solche Teenager-Hymnen zu schreiben. "Das fiel mir nicht schwer", sagt Wilson, "die Melodien flogen mir nur so zu." Bevor er 25 wurde, hatte Brian Wilson 18 Top-Ten-Hits komponiert und die Beach Boys zur größten Popsensation Amerikas gemacht. Elvis? "Wer war damals Elvis? Ich war der König von Kalifornien", erinnert sich Wilson.

Nur im Aufnahmestudio wurde der "König" von Ängsten und Depressionen geplagt. Der Druck, immer neue, gut gelaunte Surf-Hits zu liefern, war groß. Als die Beach Boys 1964 zu einer Weihnachts-Show von Los Angeles nach Houston fliegen sollen, bricht Brian Wilson vor dem Einstieg ins Flugzeug zusammen. Er schreit, heult, wälzt sich am Boden und schlägt um sich. "Ich hasste dieses ewige Fliegen von einem Konzert zum nächsten", sagt er, "ich wollte doch viel lieber eine Platte aufnehmen, wie es sie noch niemals vorher gegeben hatte."

Auf der Suche nach immer aufwendigeren Popmelodien greift Brian Wilson das erste Mal zu LSD und Acid. "Er kam morgens nach Hause, fiel auf die Knie und schrie: 'Ich habe Gott geküsst'", erinnert sich Marilyn, Brian Wilsons damalige Frau. Nach sechs Monaten im absoluten Drogenrausch ist "Pet Sounds" fertig gestellt, ein melancholisches, komplexes Meisterwerk, das die bisherigen Grenzen der Popmusik einreißt und neu definiert.

All diese Anerkennung hilft Brian Wilson nicht über die Ablehnung seiner beiden Brüder Carl und Dennis hinweg. Die haben Angst um die bewährte Beach-Boys-Erfolgsformel und nennen "Pet Sounds" deswegen "einen Haufen Ego-Scheiße". "Ich war gebrochen", sagt Brian Wilson, "ich hatte all meine Liebe und Leidenschaft in 'Pet Sounds' gesteckt."

In den siebziger und achtziger Jahren verliert sich Brian Wilson, tief gekränkt und depressiv, in einem endlosen Drogenrausch. Er verbringt die meiste Zeit im Bett, steht nur auf, um ein paar Hamburger in sich hineinzustopfen, bis er schließlich so fett ist, dass eine Hausangestellte ihm die Schnürsenkel zubinden muss. Der Star-Psychiater Eugene Landy wird engagiert, um Brian Wilson wieder ins Aufnahmestudio zu bringen. Doch der setzt seinen Patienten noch mehr unter Drogen.

Dass Brian Wilson nun wieder auf der Bühne steht und demnächst, wie er stolz sagt, ein "neues Rock 'n' Roll"-Album aufnehmen will, wirkt wie ein Wunder. Ausgerechnet er, der Lebenszweifler, hat seine Brüder überlebt. Dennis ertrank 1983 an einem Strand in Kalifornien, Carl starb vor vier Jahren an Krebs.

Brian Wilson hat mehr als 40 Kilo abgenommen, seine Hände zittern ein wenig, immer wieder verliert sich sein Blick im Nichts. Ob es ihn denn freue, dass "Pet Sounds" heute als unbestrittenes Meisterwerk der Popgeschichte gilt? "Ach, ich habe 'Pet Sounds' schon lange nicht mehr gehört. Ich weiß, es ist ein großartiges Album, aber es hat mich auch ein guten Teil meines Lebens gekostet." Wichtiger sei ihm, so sagt er, seine neue Frau Melinda, mit der zusammen er zwei junge Töchter, Delanie und Daria, adoptiert hat.

Natürlich sitze er noch manche Nacht am Klavier, und dann rauschten Melodien durch seinen Kopf. "Aber meistens", sagt Brian Wilson und lächelt zum ersten Mal an diesem Nachmittag, "habe ich keine Lust mehr, ihnen hinterherzujagen. Ich lasse sie einfach dort, wo sie mich nicht nerven, sondern glücklich machen: in meinem Kopf."

Hannes Ross print

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