Bundesvision Song Contest Raab Prix, die fünfte


Was früher die Ausscheidung zum Grand Prix war, ist heute der Bundesvision Song Contest: Deutschlands Musikerwettstreit Nummer 1. Wir haben die Newcomer von Ruben Cossani begleitet, die für Schleswig-Holstein an den Start gehen. Ein Blick hinter die Kulissen des Top-Events, für den manche Teilnehmer sogar ihren eigenen Urin trinken würden.
Von Johannes Gernert

Fernsehen kann kalt sein und grau und hässlich wie eine Junggesellenwohnung. Fernsehen kann schmecken wie heißer Brennnesseltee aus einem braunen Plastikbecher, morgens um halb elf, wenn Stefan Raabs TV-Grinsen noch eine ganze Stunde weit weg ist, nirgendwo Kameras. Wenn da stattdessen nur ein schwarzes Kunstledersofa steht, auf grauer Auslegware, und an der dünnen Wand der oben offenen Umkleidekabine ein Zettel hängt, der den "lieben Bands" dazu rät, Wertgegenstände besser in den Schließfächern zwischen Maske und Kostüm zu verwahren. Mit freundlichen Grüßen. Die Produktion.

"Bibibibibi", machen Konrad Wissmans Lippen in der kalten Kabine mit dem Junggesellensofa, "bibibibibi". Er hat seinen Koffer gerade abgestellt und den Anzug für den Auftritt an die Stange gehängt. Die Anzüge der beiden Bandkollegen hängen auch schon. Ruben Cossani treten bei Raabs Bundesvision-Song-Contest mit ihrem bittersüßen Deutsch-Pop im Sixties-Gewand für Schleswig-Holstein an. Wissmann, 24 Jahre alt, asymmetrische Haarfrisur, keine Illusionen, legt seine Beatles-Boots auf den Sofatisch. "Noch eine Viertelstunde", sagt eine der beiden Managerinnen. Dann gehen die Kameras heute zum ersten Mal an.

Zwei singende Presslufthammer

Vorne in der dunklen Halle, wo am Freitagabend alles stattfinden wird, kreisen grüne Lichtmuster wie Bildschirmschoner über Riesenleinwände. Auf der Bühne steht einsam ein Schlagzeug. Die Stuhlreihen sind leer. Keine schreienden Fans, bloß ein paar Menschen mit Headsets. Alles auf Anfang.

Konrad Wissmann hat grob überschlagen, dass es an die vier Millionen Zuschauer werden könnten, wenn man ihren Auftritt bei TV Total und die Pressekonferenz mitrechnet, die gleich beginnt und auf N24 übertragen wird. "Rein technisch gesehen", sagt Wissmann, "ist der Bundesvision Song Contest einfach eine riesige Plattform." Er hat mit seiner Band Ruben Cossani innerhalb eines Jahres etwa 11.000 CDs verkauft. Wenn nur jeder 300. Zuschauer eine bestellen würde, wären das noch einmal so viele. Selbst wenn nicht: Ihren Namen werden an diesem Freitagabend Millionen Menschen hören. Und viel wichtiger: ihren Song "Bis auf letzte Nacht". Michel van Dyke hat sich das Stück ausgedacht. Er ist der Erfahrenste der drei, mit 47 auch der Älteste. Wenn die anderen zwei zwischendurch den Boden zur Base-Drum machen, in die Hände klatschen und Unsinnzeilen improvisieren bis die Garderobenwand wackelt, schaut er zuweilen, als wäre das hier eine Baustelle und die beiden die Presslufthammer.

"Deine Nippel waren zu sehen"

Jahrelang war van Dyke solo unterwegs und hat außerdem für andere komponiert, Echt etwa hat er ihren Hit "Du trägst keine Liebe in dir" geschrieben. Jetzt nippt er ein bisschen müde am Brennnesseltee. Um zehn vor sieben ist er für die Fahrt von Hamburg ins Studio nach Potsdam aufgestanden. Er schaut in den Spiegel und betastet die Brustwarzen unterm weißen Rollkragenpullover. Nach dem Auftritt bei TV Total, den sein Vater verpasst hat, weil er den Sender Pro7 nicht fand, hat van Dykes Sohn eine SMS geschickt: "Deine Nippel waren zu sehen."

Als Stefan Raab kommt, sitzen Ruben Cossani auf weißen Lederwürfeln im Green Room vor der Halle, neben ihnen die Girlie-Band Fräulein Wunder, konventionell-ausgeflippt im H&M-Stil, davor Polarkreis 18, ganz in weiß, teils mit Melone, eine Nr.1-Single auf dem Konto, dahinter langhaarig und düster die Metaller von Rage, 25 Jahre Mosh-Praxis.

Wie Studiopublikum im Disney-Club

Die Scheinwerfer gehen an. Raab bringt seine Lippen in TV-Position. 16 Bands drängen sich auf den Hockerwürfeln wie das Studiopublikum im Disney-Club. Raab steht da und verteilt ein wenig Aufmerksamkeit. Ein, zwei Sätze wirft er jeder Gruppe hin, manchmal auch einen dritten und vierten. Olli Schulz, der Singer-Songwriter aus Hamburg, bekommt ein bisschen mehr ab, weil er einmal gesagt hatte, bevor er bei Stefan Raab auftrete, trinke er lieber seinen eigenen Urin. "Na denn, Prost", sagt Raab. "Wenn jemand seinen Urin trinken will..." Aus seiner Ecke ruft Schulz, er habe es schon hinter sich: "War auch gar nicht so schlimm."

Ruben Cossani sind am Ende froh, dass sie sogar zwei Mal erwähnt werden, weil Raab bei der Vorstellung von Fräulein Wunder bemerkt, sie würden spitze mit den Jungs von Ruben Cossani zusammen passen. "Ihr wart zu sehen", sagt eine Managerin zufrieden.

Sie hatte einen anderen Peter Fox erwartet

Wenig später sind die Scheinwerfer wieder aus, Leo Lazar sitzt vor seinem Salat auf einer der Bierbänke im Catering-Zelt und grinst sehr TV-tauglich in die Digitalkamera von Sarah, der Tänzerin. Lazar ist der Jüngste bei Ruben Cossani, 23 Jahre alt, gegelte dunkle Haare, manchmal aufgedreht wie ein Woodstock-Verstärker, den Arm gern um anderer Leute Schultern. Die Tänzerinnen wirken fast wie seine Groupies, aber es ist auch ihr Auftritt. Der Choreograph Johnny ist Lazars Kumpel und er hat ihm den Job für die Hintergrundchoreographie vermittelt. Lazar sagt, dass er Leute gern mitnimmt, wenn er kann. Leute, die ihm auch geholfen haben. Vielleicht ist diese Sache eine Chance, bald noch ein paar mehr Leute mitzunehmen.

Manchmal reden sie darüber, ob es günstiger ist, während der Sendung früher dran zu sein oder später und fragen sich, was parallel läuft. Ein Tatort? Vielleicht ist später besser, näher am Voting.

Am Nebentisch unterhält sich Peter Fox, der mit seinem Album "Stadtaffe" in den Charts recht weit nach oben vorgedrungen ist, der für Seed singt, und beim Bundesvision Song Contest Berlin vertritt. Seltsam, sagt Sarah, was Medien für Bilder vermitteln. Er ist ein kleiner, schmaler Mann mit Seidentuch und grauem Hut. Ein bisschen bleich. Sie hatte einen anderen Peter Fox erwartet. Später stellt sich heraus, dass der vermeintliche Fox zu den Musikern des Rappers Marteria gehört.

Da wollen alle hin, da dürfen sie hin

Fernsehen schmeckt hier nach lauwarmer Broccolicrèmesuppe und nach Kantinensalat. Die Fräulein Wunders, die Olli Schulzes und Ruben Cossanis stehen in der Buffetschlange wie Konfirmanden bei der Jugendfreizeit. Die mitgereisten Produkt-Manager und TV-Promoter wirken ein bisschen wie die Betreuer. Nur auf den Bildschirmen an den Rändern, wo die Proben aus der Halle übertragen werden, blinkt das Fernsehen hektisch, bunt und wesentlich aufregender. Da wollen alle hin, da dürfen sie hin. Gleich. Und morgen, wenn es zählt.

Am Ende entscheiden die Anrufer. Peter Fox muss nicht gewinnen. Jan Delay hat auch mal verloren, als Zweiter. Einstellig wäre gut, sagen sie. Es geht nur um ein paar Leute, die anrufen – oder nicht. Wer ruft schon bei so was an?

Dann sind Ruben Cossani plötzlich dran, viel früher als eigentlich geplant. Sie zwängen sich schnell in ihre Anzüge, laufen los, van Dyke mit seiner runden, roten Gitarre, vergessen ihre Ohrhörer, rennen zurück, und betreten dann die weite Bühne, über die Scheinwerferkegel kreisen. Auf zwei Leinwänden, groß wie Tennisplätze, sind hinter ihnen ihre Silhouetten zu sehen. "Okay, wollen wir mal 'n Durchgang versuchen", sagt die Aufnahmeleiterin. Sie stellen sich nebeneinander an die Mikros. Von oben fällt weiches Licht auf sie herunter. "Position 21, Ruben Cossani für Schleswig Holstein." Ihre Köpfe groß wie Heißluftballons auf mehreren Leinwänden.

Danach steht Leo Lazar in einem Zwischengang vor der Halle, winterkalte Zugluft weht an ihm vorbei, in seinem Mundwinkel steckt eine Zigarette. So komisch, sagt er. Kurz oben, schon wieder unten. Johnny, ihr Choreograph kommt. "You like it?", fragt Lazar. "I love it", sagt Johnny, "you guys are good."

Lazar lächelt. Am Ende des Ganges tauchen die Tänzerinnen auf.


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