In ihrer Heimat Bulgarien ist Dara längst einer der bekanntesten Popstars. Mit einer Mischung aus Folklore und modernen Sounds hat sie den diesjährigen ESC gewonnen.
Dass Bulgarien den ESC gewinnt, damit hatte vorab niemand gerechnet. Weder von den Buchmachern noch in der internationalen Presse wurde dem Land eine Favoritenrolle zugeschrieben. Und dennoch triumphierte Sängerin Dara mit ihrem Song „Bangaranga“, einer wilden Mischung aus Pop, Balkan-Beats und Club-Sounds. Der Song verleiht Heimatverbundenheit und Folklore einen modernen Anstrich – eine Mischung, mit der Sängerin Dara ein Millionenpublikum überzeugen konnte. Während etliche ESC-Fans die 27-jährige Bulgarin an diesem Abend zum ersten Mal gesehen haben dürften, ist sie in ihrer Heimat längst ein Superstar.
Dara ist auf Volksgesang spezialisiert
Darina Nikolaewa Jotowa, besser bekannt als Dara, stammt aus Warna, einer Stadt an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Schon als Kind wollte sie Musikerin werden, wie sie im Gespräch mit „The Independent“ verriet: „Musik begleitete mich von klein auf wie Sport: obsessiv, unaufhörlich, als gäbe es keine Alternative.“ Sie besuchte die Nationale Kunsthochschule in Warna und spezialisierte sich dort auf Volksgesang. Die Ausbildung in traditioneller bulgarischer Gesangstechnik konzentrierte sich vor allem auf Mikrotonalitäten. Damit gemeint sind besonders feine Tonabstände, wie man sie eher aus arabischer oder türkischer Musik kennt.
Wild, wilder, „Bangaranga“ – der mitreißende Song wurde sowohl beim Publikum als auch bei der Jury zum Favoriten
Diese Gesangstechnik und die damit einhergehende Emotionalität liegen ihr im Blut, betonte die Sängerin gegenüber der britischen Zeitung. „Sie prägte mein Musikempfinden und meinen Gesangsstil, selbst wenn ich etwas mache, das nichts mit Folklore zu tun hat.“ Mit 16 Jahren nahm Dara an der bulgarischen Version von „The X Factor“ teil, wo sie den dritten Platz belegte. Nach der Castingshow unterschrieb sie bei einem der größten Labels Bulgariens und veröffentlicht seitdem Musik, „auf Bulgarisch, Englisch, in jeder Sprache, die mir gerade einfällt“, so die Sängerin.
In ihrer Heimat landete sie bereits mehrere Nummer-eins-Hits. Ihre Lieder „Thunder“, „Call Me“ und „Mr. Rover“ führten wochenlang die Charts an. Dara wurde im Laufe der Zeit zu einer der prominentesten Figuren in der modernen Balkan-Musikszene. Immer wieder wird sie auch als „prägende Stimme einer neuen bulgarischen Popgeneration“ bezeichnet. Seit 2021 ist sie als Jurorin und Coach bei „The Voice of Bulgaria“. 2024 nahm sie außerdem an der Tanz-Show „Dancing Stars“ teil, bei der sie auf dem zweiten Platz landete. Mit TV-Auftritten ist die Künstlerin also bestens vertraut.
Die Sängerin zog immer wieder internationale Aufmerksamkeit auf sich. Etwa in Südkorea, wo der Sänger KAI, einer der bekanntesten K-Pop-Künstler, ihren Song „Mr. Rover“ im Jahr 2023 neu aufnahm. Auch das zuletzt erschienene Album von Dara aus dem Jahr 2025 soll sich stärker an ein internationales Publikum richten. Die Platte mit dem Namen „ADHDARA“ ist benannt nach ihrer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter. „Auf dem Album ging es darum, alle widersprüchlichen Seiten an sich anzunehmen: das Chaos, die Sensibilität, das Feuer. Es war gleichermaßen beängstigend und befreiend“, beschrieb der Popstar gegenüber „The Independent“.
Im Januar gewann Dara schließlich den nationalen ESC-Vorentscheid. Seitdem habe sie hart gearbeitet, wie sie in einem Interview mit „wiwibloggs“, einem der bekanntesten internationalen Medienportale rund um den ESC, betonte. Die Teilnahme an dem Wettbewerb sei schon lange ihr Traum. „Die Menschen aus Bulgarien sind talentiert und verdienen es, auf dieser Bühne zu stehen und ordentlich repräsentiert zu werden“, sagte Dara. Sie hoffe, andere Nachwuchstalente in ihrer Heimat zu ähnlich großen Träumen inspirieren zu können.
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In dem Gespräch bekräftigte sie auch, wie wichtig ihr bulgarische Kultur und Folklore seien. „Wir sind ein kleines Land mit einer enormen kulturellen Seele – uralt, komplex, eigensinnig im besten Sinne“, erklärte sie auch dem „Independent“ und fügte hinzu: „Wir haben ein musikalisches Erbe, von dem die Welt bisher nur an der Oberfläche gekratzt hat.“ Den Song, den sie beim ESC auf die Bühne brachte, beschreibt sie als Popmusik mit folkloristischen Wurzeln.
Das Wort „Bangaranga“ stamme der Sängerin zufolge aus dem jamaikanischen Slang und bedeute Aufruhr, Getümmel, „eine Art wunderbare Unordnung“. Es handele sich um einen Ausdruck, der „sich jeder Übersetzung entzieht – man spürt es, bevor man es versteht“, so die Künstlerin. Der Song solle Menschen auf der ganzen Welt körperlich berühren.
„Bangaranga“ verweist auf bulgarischen Brauch
Für sie selbst stehe das Lied für ein bulgarisches Ritual, bei dem Männer in aufwendigen Kostümen aus Glöckchen, Fell und Tiermasken zu Beginn des Jahres lärmend durch die Gegend ziehen. Die sogenannten „Kukeri“ sollen böse Geister vertreiben. „Die Energie ist überwältigend, fast beängstigend – und doch ist sie vollkommen freudig, gemeinschaftlich, lebendig“, erklärte Dara im Gespräch mit „The Independent“.
Ihr Song solle dementsprechend die Dunkelheit vertreiben und neues Leben einladen, gewissermaßen die Dämonen im Inneren bekämpfen. Auf Instagram betonte die Sängerin: „Bangeranga ist jener Augenblick, in dem du die Liebe über die Angst stellst. Es ist dein höheres Selbst, das hervortritt – stärker als Angst, Zweifel, Scham und inneres Chaos.“
Bulgarien war in diesem Jahr, nachdem das Balkanland drei Jahre ausgesetzt hatte, überhaupt erst wieder zum Eurovision Song Contest zurückgekehrt. Die Teilnahme ihrer Heimat sei daher keine Selbstverständlichkeit, so Dara. Sie werde alles daran setzen, zu gewinnen, doch ebenso sehr treibe sie der Wunsch an, Bulgarien sichtbar zu machen. „Wenn Bangaranga der Song sein kann, der jemanden dazu bringt, sein Handy herauszuholen und nach Bulgarien zu suchen – nach seiner Musik, seiner Küste, seiner Literatur, seinen Menschen –, dann habe ich bereits etwas Reales erreicht“, sagte die Sängerin dem „Independent“.
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Erreicht hat die Künstlerin noch viel mehr. Ihr Triumph ist der erste ESC-Sieg überhaupt für Bulgarien. Das Land in Südosteuropa gewann den Wettbewerb mit einer Punktzahl von 516, mit einem Vorsprung von 173 Punkten auf den zweitplatzierten Song. „Dies ist der größte Siegabstand, den wir je beim Eurovision Song Contest gesehen haben“, heißt es auf der offiziellen ESC-Webseite. Ihr Ehemann habe noch am Vortag mit ihr gewettet, dass sie gewinnen werde, verriet Dara nach ihrem Sieg dem bulgarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen und fügte hinzu: „Ich fühle mich wundervoll. Ich kann nicht verstehen, was passiert. Meine Arbeit ist, auf der Bühne zu sein, das Lied vorzutragen, mein Herz zu öffnen, Licht und Liebe auszustrahlen.“