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Doppeljubiläum für Gustav Mahler: "Die Zeit für meine Musik wird noch kommen"

Früher wollten viele von der Musik Gustav Mahlers nichts hören, heute kommt kaum einer an ihr vorbei. Denn in diesem Jahr feiern Musikfreunde Mahlers 150. Geburtstag, 2011 erinnern sie dann schon an seinen 100. Todestag. Mahler total.

Umjubelt und umstritten zugleich: Gustav Mahler war einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit, doch mit seinen Kompositionen fand er wenig Verständnis. Dennoch verkündete er überzeugt: "Die Zeit für meine Musik wird noch kommen."

Wie lange dies dauern würde, war ihm damals kaum klar, welche Ausmaße die triumphale Wende haben sollte, auch nicht. Er stieg spätestens seit den 1960er Jahren zu einem der populärsten Komponisten überhaupt auf - was selbst der prophetische Mahler so nicht erwartet haben dürfte. Am 7. Juli feiert die Musikwelt seinen 150. Geburtstag, ein Jahr später, am 18. Mai 2011, steht schon sein 100. Todestag bevor.

Zu Mahlers Lebzeiten war seine Musik umstritten, er galt als Epigone Bruckners und Wagners. Erst die Mahler-Renaissance nach dem Zweiten Weltkrieg brachte seine wahre Bedeutung als Vorreiter der Moderne ans Licht - und seinen Einfluss auf Komponisten wie Schönberg, Webern oder Schostakowitsch. Dirigenten wie vor allem Leonard Bernstein sorgten dafür, dass seine Musik in den Konzertsälen gespielt wurde.

Als "Unzeitgemäßen" sah er sich selbst, als "weltfremden Träumer" beschrieb ihn Richard Strauss. Als Mann, der zwischen der Askese der Kunst und Lebenslust zerrieben wird, setzte ihm der italienische Regisseur Luchino Visconti 1970 mit seiner Thomas-Mann-Verfilmung "Tod in Venedig" ein Denkmal.

Gleichzeitig war er ein kompromissloser, auch machtbewusster Künstler: Neben Arturo Toscanini war es vor allem Mahler, der, wie Verdi es einmal formulierte, die Eitelkeit des Primadonnen-Rondos durch die Tyrannis des Dirigenten, das größere Übel, ersetzte. Zwischen 1897 und 1907 dirigierte Mahler in Wien, dabei legte er vor allem Wert auf darstellerische Individualität. Das heißt: Er machte aus seinen Sängern im Vorgriff auf moderne Opernregie Singschauspieler.

"Mahler hat, wie Toscanini, unter dem dominierenden Einfluss des Wagnerschen Werks und der Konzeption der Oper als eines Gesamtwerks, eine neue Epoche der Opernkunst eingeleitet und das Festspiel in Permanenz visiert", schrieb der Kritiker und Autor Jürgen Kesting. Dass er in zehn Jahren 122 Premieren betreute, sei Zeugnis eines "Kunstwillens, der das Ideal anstrebt". Dabei sah Mahler in seinen Sängern weniger Stars als Diener des Werks. Das musste zu Kämpfen führen. Dazu kamen antisemitische Kampagnen, so dass Mahler seinen Posten als Direktor der Wiener Hofoper schließlich aufgab - für den er zuvor zum Katholizismus konvertiert war.

Mit seinen eigenen Werken suchte der Bruckner-Schüler nach neuen Wegen, immer wieder arbeitete er bewusst Märsche, Tänze und Volkslieder in seine Werke ein. Er missachtete "die Grenze zwischen der Musik als Kunst und der "Trivialmusik"", wie der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus erklärte. Heute nennt man dies Cross-over - Mahler war wieder einmal vorausschauend. Seine Musik trug autobiografische Züge, er bekannte, nie eine Note geschrieben zu haben, die "nicht absolut wahr" sei.

Das Leben des 1860 im böhmischen Kalischt geborenen Komponisten, der schon immer mit seinem Dirigentenberuf höchst unzufrieden war, ging im Sommer 1910 in die Brüche. Damals kam er dahinter, dass seine Frau Alma, die er 1902 geheiratet hatte, ein Verhältnis mit dem jungen Architekten Walter Gropius hatte. Schon vorher hatte Mahler unter dem Tod der Tochter Maria, der Trennung von der Hofoper und der Diagnose eines Herzfehlers gelitten. Zugleich entstanden seine genialsten Werke - das "Lied von der Erde", die neunte und die unvollendete zehnte Sinfonie. 1911 starb Mahler in Wien an einer Herzinfektion.

Vor der Mahler-Renaissance der 60er hatte der Komponist es schwer. Er wurde vergessen, verschwiegen oder gar verboten: "Die neun Symphonien Mahlers sind als Werk eines Juden aus den Spielfolgen deutscher Konzerte gestrichen", hieß es in Nazi-Deutschland beispielsweise in "Meyers Konzertführer" von 1937. Welch eine Wandlung in der Wahrnehmung eines Künstlers - und nach dem Mozart- Superjahr 2006 stehen gleich zwei Mahler-Jahre an.

Thomas Strünkelnberg, DPA / DPA