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Spitzenpolitiker im Kulturcheck (1): Angie steht auf Richard und Robbie

Bis zum Wahlsonntag unterzieht die stern-Redaktion jeden Tag einen Spitzenpolitiker einem Kulturcheck. Den Anfang macht Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr musikalisches Spektrum reicht von Richard Wagner bis Robbie Williams. Eintönig dagegen ihre Vorlieben im Fernsehen.

Kulturgeschichte
In der Pastorenfamilie Kasner sang man im Kanon, Angela übte Klavier und blickte auf das Poster von Schlagersängerin Chris Doerk. Zu den häufigen Berlin-Besuchen bei der Großmutter musste sie niemand zwingen, das Mädchen ergriff sogar "stets" selbst die Initiative, um Karten für die Staatsoper zu kaufen. Bei der Oma durfte sie abends auch lange fernsehen, allerdings schraubten sie dabei in Heimarbeit Fahrradventile zusammen. Im Turnen war sie sicher auch gut. Für den Spagat zwischen Bildungsbürgertum und Arbeiterkindheit gibt es eine Zwei. Mit Minus.

Kulturbeutel


Musik:

Richard Wagner, Gustav Mahler, Bruce Springsteen, Rolling Stones (wegen und trotz des Urheberrechtsstreits um "Angie" 2005), Karat, Beatles, Robbie Williams. Der wurde ihr nach eigener Aussage "angeraten" - und prompt fand sie das Konzert wunderschön. Sie soll sogar "gerockt" haben. Heißt wahrscheinlich: Ihr kleiner Zeh hat kurz gewackelt.

Kino:

Fällt aus. Wenn, dann Schmachtfetzen wie "Jenseits von Afrika".

TV:

Sie ist eher der Sofatyp, und weil sie nur Sonntagabend wirklich Zeit hat, wird halt meist der "Tatort" geguckt. Den mochte sie vor 1989 schon - und nimmt die Reihe auch gern als Rechtfertigung, wieso sie nicht schon früher "rübergemacht" hat: wegen der vielen Schurken aus dem West-Fernsehen nämlich. Beängstigend.

Buch:

Tolstoi, Dostojewski, Bulgakow - unter den großen Russen liest sie gar nicht erst los. Es sei denn, es liest sich "wie das schmale Bändchen" von Siegfried Lenz ("Schweigeminute") an einem Wochenende runter, hat Obama auf dem Deckel oder Humboldt im Titel. Anregend fand sie Richard David Prechts: "Wer bin ich - und wenn ja wie viele?" Das fragt man sich bei ihr ja auch dauernd.

Kunst:

Ihr Lieblingsbild ist "Hohe Wogen" von Emil Nolde, die reine düstere Naturgewalt. Sie mag das Farbenspiel und die Dynamik. Zwei weitere Noldes hängen in ihrem Büro, im Urlaub hatte sie seine Biografie dabei. Sie mag ihn wirklich.

Sympathisanten


Bushido findet Macht sexy, also auch Merkel. Christoph Schlingensief spricht ihr jegliches Kunstverständnis ab, dabei beschreibt Michael Schindhelm ihre Studentenbude: "Sie atmete Bildung." Im Gegenzug lacht Merkel ihr berüchtigtes "Mädchenlachen", als er aus seinem Buch "Roberts Reise" folgende Passage vorliest: "Scheißen lernen. In Russland ist es mir nicht gelungen."

Kulturpanne


60 Jahre - 60 Werke, eines für jedes Jahr Bundesrepublik Deutschland. Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau im Frühjahr sollte eine "Hommage an die Freiheit der Kunst" sein. DDR-Künstler wurden deshalb ausgeklammert. Logisch, fand die "Bild" als Mitinitiatorin. Merkel eröffnete und störte sich scheinbar auch nicht daran. Ein Zeugnis unerwarteter Geschichtsvergessenheit.

Fazit


Gemischtwarenkultur. Für jeden was dabei. Echt JEDEN.

Agnes Fazekas, Helge Hopp, Hannes Roß, Matthias Schmidt, Bernd Teichmann