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Echo 2016: "Hinter den Kulissen ist es ein bisschen lustiger"

Sitzfleisch, statt Sex, Drugs und Rock’n’Roll: Die 25. Echo-Preisverleihung bot trotz vieler Stars und Sternchen wenig Unterhaltung und noch weniger Spannung. Rapper Sido hätte den Echo in der Kategorie Missgunst verdient.

Von Fritz Wilhelm

Oliver Pocher, verkleidet als Donald Trump

Donald Trump beim Echo? Nein, nur Oliver Pocher. Der Comedian zieht als US-Präsidentschaftsbewerber auf dem lila Teppich seine Show ab

Pur. Ausgerechnet Pur. Diese fleischgewordene musikalische Mittelmäßigkeit aus der schwäbischen Provinz entwickelte sich binnen Sekunden zum Sehnsuchtsort. Dort, zu ihrem Konzert in Bremen, da wollte man hin. Wo Coolness und Body-Maß-Index irrelevant sind, wo die Besucher einfach Spaß haben, mitsingen und mitklatschen. Dahin. Jetzt. Sofort!

Die Echo-Übertragung läuft zu diesem Zeitpunkt vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht auch schon zwei. So genau kann man es nicht sagen bei der Aneinanderreihung von Preisübergaben, Live-Acts und Einspielern. Die Stimmung in der Berliner Messehalle liegt irgendwo knapp unter Null.

Bis auf Pur befinden sich alle Nominierten in der Kategorie "Band Rock/Pop National" in Berlin. Für die Preisverleihung wird die Gruppe aus Bremen zugeschaltet. Nicht ohne Grund: Denn die Schwaben gewinnen den Echo. Die Fans in der Arena flippen aus. Pur-Frontmann Hartmut Engler stimmt "Wenn sie diesen Tango hört" an und die Anhänger steigen sofort ein, singen mit und wollen gar nicht mehr aufhören. In diesem Moment sieht man, wozu Musik, wozu Musiker im Stande sind. Wie sie Emotionen erzeugen; Menschen Raum, Zeit und Sorgen vergessen lassen. 

Abgesehen von diesem einen Moment der wahren Lebensfreude fehlt der über dreistündigen Echo-Verleihung, der wichtigsten Veranstaltung der deutschen Musikindustrie, fast jede ehrliche und tiefe Emotion. Selbst die Ehrung der im letzten Jahr verstorbenen Künstler per Einspieler kratzt höchstens an der Oberfläche. Freundlicher Applaus, Standing Ovations weil’s alle machen. Mehr ist nicht drin. 

Echo in der Kategorie Missgunst

Ehrlich werden viele Stars nur, wenn das eigene Ego getroffen ist. Sei’s bei einem überraschenden Echo-Gewinn - oder weil man leer ausgeht. Der Echo in der Kategorie Missgunst geht dabei in diesem Jahr an Sido. Als Laudator für den Preis "Künstler Rock/Pop National" konnte er mit seiner Enttäuschung nicht hinterm Berg halten: "Die sind so doof hier beim Echo. Ich bin hinter der Bühne an den Preisen vorbeigelaufen und hab geguckt, wer gewinnt. Ich jedenfalls nicht." 

Ein klassischer Spoiler, der an diesem Abend aber trotzdem keine Rolle spielte. Denn meistens gewann ohnehin der Künstler, von dem man es am ehesten erwartete. Oder es war schlicht egal. Und wenn es mal offen war - etwa im Duell zwischen Helene Fischer und Rammstein in der Kategorie "Musik-DVD/Blu-Ray National" - schaffte es die TV-Dramaturgie, jeglichen Aufbau von Spannung erfolgreich zu verhindern.

Die Alten müssen’s richten

Apropos Helene Fischer. Die aktuell erfolgreichste deutsche Sängerin zeigte allen anwesenden Kleingeistern, warum sie da ist, wo ist sie. Obwohl man ihretwegen kurzerhand die Regeln geändert hatte, damit sie nicht ein drittes Mal für ihr Album "Farbenspiel" den Schlager-Echo erhalten würde, trat sie nicht nach, sondern war jederzeit sympathischer Profi.

Auch sonst waren es die "Alten", die sich wohltuend durch ihre Professionalität hervortaten. Ob Roland Kaiser, der den Echo für sein soziales Engagement bekam, oder Peter Maffay, der die Laudatio auf die Puhdys hielt, die wiederum für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden - was sie sagten, war gut, bewegend und ging ohne Peinlichkeit über die Bühne.

Fremdschämalarm dank Off-Kommentator

Richtig peinlich waren hingegen die Kommentare, die Olli Briesch als Off-Stimme zur Show lieferte. Offenbar hatte er in der letzten Zeit nicht nur täglich mehrere Clowns gefrühstückt, sondern seine Skripte auch erfolgreich vor jeglicher Prüfung durch die eigene Redaktion bewahrt.

Die norddeutsche Band Santiano, die Preisträger in der Kategorie "Volkstümliche Musik", hatte seinem Kommentar zufolge "die Alpen und den Hintersee geflutet" - genau, Hansi Hinterseer war ein anderer Nominierter - und hielt nach der Preisübergabe eine "Dankesreederei". Sido brauchte laut Briesch keinen Echo mehr, weil er als frischgebackener Vater zuletzt ja schon genügend "Ultraschall" hatte. Und für Udo Lindenberg ginge es "hinter’m Lebenswerk" weiter.

Was für eine Wohltat war dagegen Barbara Schöneberger, die gewohnt schlagfertig und selbstironisch durch die lange Sendung führte. Und auch Max Raabe bewies Entertainer-Qualitäten. Gleich zweimal trat er als Laudator in Erscheinung. Bei der Kategorie "Rock/Alternative International", bedauerte er, dass kein einziger Nominierter zugegen sei. Mit der Begründung "Weil sie nicht mehr gut hören können, sich auf Konzertreise oder in polizeilichem Gewahrsam befinden" hatte er aber die Lacher auf seiner Seite.

Fashion-Highlights bringen Abwechslung

Während die Show weitgehend höhepunktlos dahinmäanderte, gab es für die Zuschauer zumindest das ein oder andere visuelle Highlight: der Unserer-Kleine-Farm-Look von Sarah Connor, die Frisur von The Weeknd (sic!), der übergroße Schlafanzug von Conchita Wurst oder die riesigen auf die Brüste von Echo-Schlager-Gewinnerin Vanessa Mai geklebten Wimpern. Und natürlich ist hier auch die deutsche ESC-Vertreterin Jamie-Lee mit ihrem Manga-Look zu nennen.

So viele Stars und doch so wenig Entertainment. Offenbar wirkte die Show nicht nur am Fernseher über weite Strecken langweilig, sondern war es auch in der Halle. Der dreifache Echo-Preisträger Joris fasste seinen Eindruck entsprechend zusammen: "Hinter den Kulissen ist es ein bisschen lustiger. Da gibt es viel zu trinken - und zwar umsonst." Man kann wirklich nur hoffen, dass im deutschen Musikmarkt noch ein bisschen mehr Sex, Drugs und Rock’n’Roll steckt als in dieser Echo-Preisverleihung. Sonst gehen in Zukunft auch noch die nominierten Künstler lieber zum Pur-Konzert.