Eurovision Song Contest Schweiz erwägt den Rückzug


Grand-Prix-Fans in Deutschland und der Schweiz sind beleidigt, enttäuscht, verbittert - und fordern den Rückzug ihrer Länder vom Schlagerwettstreit. Dass es ein Leben nach dem Eurovision Song Contest gibt, beweisen die Italiener.
Von Sebastian Wieschowski, Helsinki

Während serbische Fans in Helsinki noch zwei Tage nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest feiern, fällt es selbst den Eurovisions-Strategen des Norddeutschen Rundfunk schwer, sich die deutsche Platzierung beim europäischen Wettsingen schönzureden. "Deutschland hat trotzdem von den vier gesetzten großen Ländern noch am wenigsten mies abgeschnitten", schreibt Grand-Prix-Experte Jan Feddersen in sein Online-Tagebuch.

Roger Cicero selbst meinte am Sonntag: "Von den westeuropäischen Ländern - Türkei und Griechenland ausgenommen - liegen wir auf dem dritten Platz hinter Finnland und Schweden. Das ist schon was." Deutlichere Worte findet die deutsche Stimme des Grand Prix, Peter Urban: "Das muss sich ändern, ich weiß nur noch nicht, wie".

Die deutsche Grand-Prix-Siegerin Nicole half Urban in der heutigen Ausgabe der Bildzeitung auf die Sprünge: "Deutschland sollte sich aus dem Wettbewerb zurückziehen", forderte sie knallhart. Auch in der Schweiz ist ein Rückzug im Gespräch. Der Zürcher Nationalrat Toni Bortoluzzi sagte im Gespräch mit "Radio Top": "Ich würde grundsätzlich verzichten, bei so einem Unsinn überhaupt teilzunehmen. Das kostet nur viel Geld und bringt überhaupt nichts."

Gegenüber stern.de erklärt Urs Durrer vom Schweizer Fernsehen: "Der diesjährige Eurovision Song Contest hat uns gezeigt, dass wir diesen Wettbewerb praktisch nicht mehr gewinnen können. Wir haben in den letzten Jahren unkonventionelle Wege eingeschlagen. Der Erfolg blieb aus. Nun überlegen wir uns tatsächlich ernsthaft, wie es weitergehen soll." Angesprochen auf ein mögliches Ende des Schweizer Engagements beim Eurovision Song Contest erklärt Durrer: "Da sind alle Optionen offen."

Losverfahren oder Aufteilung der Halbfinale?

Während man in der Schweiz über einen Rückzug vom Sängerwettstreit nachdenkt, kommt ein Abschied vom Eurovision Song Contest für den Norddeutschen Rundfunk noch nicht in Frage. Die European Broadcasting Union (EBU), also der Zusammenschluss der europäischen Rundfunkanstalten,beobachtet das Phänomen der Sympathiepunktvergabe, erklärt Jan Schulte-Kellinghaus, beim NDR für den Eurovision Song Contest zuständig. "Das ist schon so alt, wie der Grand Prix selbst, allerdings hat es in den letzten Jahren neue Blüten getrieben", meint der Grand-Prix-Verantwortliche beim NDR. Bereits am Tag nach dem serbischen Sieg brachte Björn Erichsen, beim Eurovisionsveranstalter EBU verantwortlich für den Song Contest, mögliche Reaktionen auf die Eurovisions-Kritik ins Gespräch. Die Aufteilung des Halbfinales in zwei Veranstaltungen für West- und Osteuropa sei im Gespräch, ebenso ein Losverfahren.

San Remo heißt die italienische Antwort

Dass es ein Leben nach dem Eurovision Song Contest gibt, haben die Italiener bereits 1998 bewiesen. Nach mehreren enttäuschenden Platzierungen zog sich das Grand-Prix-Urgestein (Italien sang seit dem ersten Contest im Jahre 1956 mit) aus dem europäischen Wettsingen zurück. "Wir haben mit dem Festival von San Remo unseren eigenen Grand Prix", erklärt Gianluca Bruno, einer von rund 60 Mitgliedern des italienischen Eurovision-Fanclubs "OGAE Italia". Das Festival nahm schnell den Platz des Eurovision Song Contest im Herzen der musikverliebten Italiener ein und gehört heute zu Italien wie der Papst, Pizza und Fußball. Fünf Abende dauert der musikalische Marathon, jeder fünfte Italiener sitzt dann vor dem Fernseher.

Auch die Eurovisions-Strategen des Norddeutschen Rundfunks kennen die Erfolgsgeschichte des italienischen Ausstiegs. "Der Rückzug von Italien liegt jedoch lange zurück und hat andere Gründe", sagt NDR-Unterhaltungschef Jan-Schulte-Kellinghaus und ergänzt: "Mit dem Schlagerfestival von San Remo haben die Italiener einen eigenen Wettbewerb, auf den sie sich konzentrieren. Für Deutschland ist so etwas keine Alternative", meint Schulte-Kellinghaus.

Raab will sich nicht für Vorentscheid hergeben

Für die Italiener dagegen schon - warum sie den Wettstreit mit ihren europäischen Nachbarn nicht vermissen? "Als Länder wie Italien oder Deutschland erfolgreich waren, hatte Europa einen anderen Musikgeschmack", meint der italienische Grand-Prix-Fan Gianluca Bruno. Außerdem habe auch Deutschland nach Einschätzung des italienischen Beobachters bereits seine würdige Alternative zum Grand Prix gefunden - den Bundesvision Song Contest von Pro-Sieben-Moderator Stefan Raab. Der hatte schon vor einem Jahr einen Vergleich zwischen seiner Show und dem San-Remo-Musikfestival gezogen und winkt hartnäckig ab: "Das ist ja eine bodenlose Frechheit, wenn jemand behauptet, man könnte unsere Veranstaltung als Vorentscheid missbrauchen. Wir sind die Endausscheidung", meinte Raab bereits 2006, als der Bundesvision Song Contest als Vorentscheid-Ersatz ins Gespräch gebracht wurde.

Der osteuropäische Geschmack lässt sich schwer treffen

Der italienische Grand-Prix-Fan Gianluca Bruno empfiehlt seinen deutschen Freunden jedoch, eine Verbrüderung zwischen öffentlich-rechtlichem Grand-Prix-Vorentscheid und dem Bundesvision Song Contest des Privatfernsehens zumindest zu prüfen: "Osteuropa hat einen Geschmack, den wir nicht treffen können. Wenn Länder wie Deutschland so weitermachen wie bisher, werden sie sich bis in alle Ewigkeit die Zähne am Eurovision Song Contest ausbeißen", orakelt Bruno.


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