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Eurovision Song Contest

"Unser Star für Oslo" Die FDP weiß bereits, wer gewinnt


Der Hamburger FDP-Chef kann in die Zukunft blicken. Rolf Salo behauptet, Lena Meyer-Landrut stehe als Siegerin bereits fest und stützt sich dabei auf "Medienauswertungen". Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hält die Vorhersage allerdings für "eher abenteuerlich".
Von Jens Maier

Sie ist charmant, schlagfertig, eigenwillig und versteht es, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen: Das Publikum scheint Lena Meyer-Landrut, die als Favoritin im Finale von "Unser Star für Oslo" antritt, zu lieben. Und Liebe, danach sehnt sich derzeit auch die FDP. Nach den ungeschickten Äußerungen ihres Parteivorsitzenden Guido Westerwelle ist die Partei in Umfragen im Sinkflug. Um diesen aufzuhalten, scheint die Verzweiflung so groß zu sein, dass sich ihr Hamburger Landesvorsitzender Rolf Salo neuerdings als Orakel betätigt.

Am Freitagabend entscheiden die Zuschauer der ARD per Telefonabstimmung, wer Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo vertritt. Salo prognostiziert in einer Pressemitteilung der Hamburger FDP das Ergebnis des Vorentscheids bereits am Donnerstag. Nun könnte er einfach sagen, dass er Lena für die bessere Kandidatin hält und deshalb glaubt, dass sie es schafft. Aber Salo geht noch weiter. Er behauptet, das Ergebnis stehe fest und lasse sich aus Statistiken belegen.

"Nach unseren Statistiken bei Internet-Zugriffszahlen, die im Rahmen der täglichen Medienauswertung von unserer Presseabteilung erhoben werden, steht Lena Meyer-Landrut als Siegerin fest. Nur noch ein totales Stimmversagen kann ihren Erfolg verhindern!", sagt Salo. Welche Statistiken das sind und wie die Auswertungen, die er vorgenommen haben will, funktionieren, verschweigt Salo in seiner Mitteilung. Die Frage, warum sich die Liberalen, die nach den neusten Umfragewerten eigentlich andere Sorgen plagen müssten, überhaupt mit dem Eurovision Song Contest beschäftigen, beantwortet Salo so: Der Wettbewerb sei "ein gutes Beispiel dafür, wie auch ganz normale Bürger erhobene Daten abrufen und nutzen können." Mit der Vorhersage des Siegers will die FDP ihre Forderung nach "der allgemeinen Verfügbarkeit von Informationen" untermauern.

Der Pressesprecher der FDP Hamburg, Henry C. Brinker, teilte auf Nachfrage von stern.de mit, dass die Auswertungen sich in erster Linie auf die statistischen Daten von "Insights for Search" bei der Internetsuchmaschine Google bezögen, die für jedermann abrufbar sind. Demnach erziele Lena Meyer-Landrut im Vergleich zu ihrer Konkurrentin Jennifer Braun in allen Parametern die weitaus günstigeren Ergebnisse und etwa vier Mal mehr Suchabfragen. Der Unterschied sei so gravierend, dass "ein offenes Rennen nicht mehr gegeben sei", sagt Brinker. Auch die Anzahl der Fans beim sozialen Netzwerk Facebook und die Aufrufe bei Youtube spreche eindeutig für Meyer-Landrut.

Forsa hält Vorhersage für "eher abenteuerlich"

Professor Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa hält eine Vorhersage aufgrund dieser Daten allerdings für "eher abenteuerlich". Zum einen sei ein Telefonvoting manipulierbar. Es könnten, abhängig von der Gesamtzahl der Anrufer, schon wenige Stimmen reichen, um das komplette Ergebnis zu beeinflussen. Zum anderen müssten die Zuschauer, die am Freitagabend zum Telefonhörer greifen, mit denjenigen identisch sein, die im Internet nach Lena gegoogelt haben, um das Ergebnis auf diese Weise voraussagen zu können.

Somit bleibt die Vorhersage Salos Kaffeesatzleserei. Die Bundeszentrale der FDP in Berlin wusste von den hellseherischen Fähigkeiten ihres Hamburger Spitzenmanns bisher übrigens nichts. Auf stern.de-Nachfrage in der Pressestelle der FDP in Berlin reagierte man über die Pressemitteilung Salos erstaunt. "Wir wussten davon nichts", hieß es dort. Das ist vielleicht auch besser so. Bei Facebook hat FDP-Chef Guido Westerwelle nämlich 7340 Fans. Die Seite "Kann dieser herzlose Streuselkuchen mehr Fans haben als Guido Westerwelle?" bringt es auf ganze 11.576. Folgt man der FDP-Logik, wünschen sich die Deutschen also lieber einen "herzlosen Streuselkuchen" als Außenminister, als Guido Westerwelle.


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