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Eurovision Song Contest: Hat uns nur Bulgarien lieb?

40 Mal gab es Null Punkte, zwei kamen aus der Schweiz. Nur die Wertung aus Bulgarien bewahrte Deutschland vor einem völligen Desaster. Das schlechte Abschneiden beim Grand Prix hat erneut eine Diskussion um den deutschen Vorentscheid und die Punktevergabe losgetreten.

Von Jens Maier, Belgrad

Zum dritten Mal in der 53-jährigen Grand-Prix-Geschichte hat Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) den letzten Platz belegt. Nach 1995 mit der Gruppe Stone und Stone (1 Punkt) und 2005 mit Gracia (4 Punkte) landeten jetzt in Belgrad auch die No Angels auf dem hintersten Rang. Trösten können sich die vier Sängerinnen nur damit, dass sie immerhin 14 Punkte erreicht haben und sich den letzten Platz mit Großbritannien und Polen teilen, die auch nur 14 Punkte einheimsten.

Dennoch zeigten sich die No Angels als gute Verlierer: Beim ersten Interview nach der Veranstaltung in der ARD sangen sie "Don't worry, be happy". "Wir sind sehr enttäuscht und geschockt, wir haben uns mehr gewünscht. Aber es war toll, dabei zu sein, und das Leben geht weiter", sagte Sängerin Sandy auf der After-Show-Party in Belgrad. Auf die Frage, woran das schlechte Ergebnis gelegen haben könnte, sagte Nadja: "Das ist schwierig zu sagen, da können wir uns kein Urteil erlauben. Wir hatten gehofft, ganz vorne dabei zu sein."

Der letzte Platz von Belgrad hat in Deutschland die Diskussion um die Eurovisionsregeln und die Gruppen-Auswahl im Vorentscheid neu entfacht. An vorderster Front wetterte Grand-Prix-Veteran Ralph Siegel, der 1982 mit Nicole den einzigen Sieg für Deutschland erzielte. In der "Bild am Sonntag" sagte er, bei der Art der Vorauswahl zählten nicht mehr Qualität, sondern nur Einschaltquote und anspruchslose Unterhaltung. "Mit so einer Einstellung kann es nichts werden." Das hat offenbar auch der für den Vorentscheid zuständige NDR erkannt. "Wir werden in Ruhe analysieren, was sich im kommenden Jahr besser machen lässt.", sagte Volker Herres, Programmdirektor Fernsehen des NDR.

Der Osten hat uns vor einer weiteren Blamage bewahrt

Im erweiterten Europa sei es für unsere Interpreten schwerer geworden, einen der vorderen Plätze zu erobern, erklärte der Unterhaltungs-Koordinator der ARD, Thomas Schreiber. Allerdings wären die No Angels auch Letzte geworden, wenn nur die klassischen Grand-Prix-Nationen abgestimmt hätten. Nicht mal aus unseren Nachbarländern Holland, Dänemark oder Belgien gab es Punkte. Lediglich die Schweiz hatte Erbarmen und gab zwei Punkte. Der Osten hat uns sogar vor einer weiteren Blamage bewahrt. Ohne die Höchstwertung (12 Punkte) aus Bulgarien, die auf die Beliebtheit von Lucy (die Sängerin mit bulgarischen Wurzeln sitzt in ihrer Heimat in der Jury des Superstar-Wettbewerbs) zurückzuführen ist, hätte es noch düsterer ausgesehen.

Doch nicht nur die Deutschen haben ein Problem, sondern alle Länder der "Big Four". Großbritannien (teilt sich Platz 23 mit Deutschland), Frankreich (18.) und Spanien (16.) lagen zum wiederholten Mal im hinteren Drittel der Wertungstabelle. Das wirft die Frage auf, ob die automatische Qualifizierung fürs Finale zukünftig noch Sinn macht. Denn eine Halbfinalteilnahme hat auch Vorteile. Die Interpreten können Sympathiepunkte sammeln, denn viele Zuschauer haben schon in der Vorrunde einen Favoriten, den sie dann auch im Finale wählen.

Langweilige Castingbands

In Kommentaren zum schlechten Abschneiden Deutschlands forderten Leser von stern.de, sich ganz aus dem Wettbewerb zu verabschieden. "Es ist ja sowieso völlig Wurst, was da vorher von wem geträllert wurde, die Punkte bekommen immer die Gleichen", meint User "Motte07". Ein Gefühl, das sich bei vielen Grand-Prix-Fans nach den enttäuschenden Platzierungen in den letzten Jahren eingestellt hat. Die Schuld sucht User "Roli84" aber eher bei der falschen Gruppenauswahl. "Nach Gracia hätte Deutschland verstehen müssen, dass man mit Castingbands, die nur langweilige Auftritte hinzaubern, nicht in die vorderen Ränge kommen kann.

Damit hat er nicht ganz Unrecht. Denn dass Deutschland in den Nachbarländern so unbeliebt sei, dass es niemals Punkte bekäme, lässt sich statistisch nicht belegen. Im Gegenteil: Wie man Punkte sammeln kann, haben zuletzt 1998 Guildo Horn (6. Platz), 2000 Stefan Raab (5. Platz) und 2005 Max Mutzke (8. Platz) bewiesen. Mit einem mutigen Song, auf den Punkt vorgetragen, wählen uns offenbar auch unsere Nachbarn in die Top Ten.

Die vielen deutschen Grand-Prix-Fans, die nach Belgrad gekommen waren, nehmen das schlechte Abschneiden der No Angels übrigens mit Galgenhumor. Ein Witz macht hier die Runde, wie Deutschland nach Frankfurt 1957 und München 1983 den ESC endlich mal wieder zu Hause austragen kann: "Im nächsten Jahr muss ein Land gewinnen, das keine Mehrzweck-Halle hat und den Grand Prix nicht austragen kann."