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Festival: Roskilde findet wieder zu sich selbst

Drei Jahre nach dem Unglück mit neun Toten scheint das Roskilde-Musikfestival wieder zu alter Form zurückgefunden zu haben.

Roskilde ist wieder in: In diesem Jahr bot das Rockfestival endlich wieder die für frühere Jahre typische Mischung aus Freude am Feiern und fast grenzenloser Freundlichkeit. Rund 75.000 Besucher waren bei strahlendem Sommerwetter begeistert von dem Staraufgebot von Metallica bis Björk und mehr als 100 weiteren Bands von Techno bis Volksmusik aus Mali. "Nach einigen schwachen Jahren mit wackligem Profil und Identitätsproblemen nach dem Unglück 2000 ist Roskilde unter jungen Leuten wieder hip", stellte die Kopenhagener Zeitung "Politiken" am Sonntag nach Abschluss von drei der vier Festivaltage fest.

Erinnerung an das Unglück von 2000 kommt immer wieder hoch

Trotzdem kam die Erinnerung an den Tod von neun direkt vor der Bühne erdrückten Zuschauern bei einem Konzert mit Pearl Jam auch in diesem Jahr immer wieder hoch. Als beim Auftritt von Metallica, dem unbestrittenen Festivalhöhepunkt, Gedränge in den ersten Reihen entstand und sich vor allem unter jungen Mädchen Panik auszubreiten schien, unterbrachen die US-Heavy-Rocker das Konzert und ließen den aus Dänemark stammenden Drummer Lars Ulrich zu Vorsicht mahnen: "Bleibt ruhig Leute."

Viele weniger Deutsche als sonst

Unter den 60.000 Fans bei diesem Konzert waren nur noch wenige Deutsche. Dass die Zahl der Besucher vor allem aus Norddeutschland in den vergangenen Jahren von 15.000 auf diesmal 3000 abgesackt ist, wird in Roskilde neben den vielleicht nicht mehr so prall gefüllten Portemonnaies beim südlichen Nachbarn auch auf das Unglück vor drei Jahren zurückgeführt, bei dem ein junger Hamburger zu den Opfern gehört hatte.

Das Metallica-Konzert verlief ebenso wie alle anderen bis zum Sonntag ohne Zwischenfälle. Getrübt wurde die gute Stimmung nur durch ungewöhnlich viele bei der Polizei gemeldete Fälle von Diebstahl und Gewalttätigkeit.

Bisschen viel Heavy-Metal?

Dass die Organisatoren mit Iron Maiden eine weitere Heavy-Metal-Band neben Metallica als "Topact" angeheuert hatten, gefiel nicht allen Festival-Veteranen. Deutlich an Gewicht auf den sechs Bühnen zugenommen hatte auch das Angebot an HipHop und Verwandtem. Die mit ihrem Hit "Aisha" heftig bejubelten dänischen HipHopper von Outlandish waren mit kräftigen Anleihen beim Pop typisch für die in Roskilde überall zu hörende Mischung von Musikarten. Wer von der hochklassigen brasilianischen Band "Skank" Samba oder Ähnliches erwartet hatte, wurde mit einer wilden und mitreißenden Mischung aus Reggae, Latin-Pop, Rap, Grunge und auch schon mal ein bisschen Bossa Nova überrascht.

"Klassischer Rock" fehlte fast völlig

Fast völlig Fehlanzeige war in Roskilde ein Angebot an "klassischer" Rockmusik mit Wurzeln im Blues. Los Lobos aus Los Angeles als hochkarätige Ausnahme mussten ihren Auftritt kurz vor Iron Maiden absolvieren und sahen sich vor der Bühne von gleichgültig bis genervt auf ihre Idole wartenden Heavy-Metal-Fans belagert. "Danke, ihr Musikliebhaber", raunzte Gitarrist Cesar Rosas mehrfach sarkastisch ins Mikrofon, wenn die wartenden Maiden-Fans mal wieder regungslos auf einen der raffinierten Lobos-Songs reagiert hatten. Immerhin ein bisschen Versöhnung gab es am Ende bei einer auch für die ganz Gleichgültigen unwiderstehlichen Version des Who-Klassikers "My Generation".

Thomas Borchert / DPA