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Freddy Quinn: Der Seemann aus den Bergen

Die Stimme des Wirtschaftswunders wird 75 Jahre alt. Mit Liedern voll Sehnsucht ist Freddy Quinn untrennbar mit Hamburg verbunden. Als erster deutscher Superstar bekam er zur besseren Vermarktung eine neue Biografie angedichtet.

Das Image vom einsamen Seebären mit der rauchigen Stimme mag Freddy Quinn nicht. "Ich habe kein Markenzeichen, und ich hasse die Schublade", betont der in Hamburg lebende Künstler seit langem. Doch es ist genau das Bild, das sich in die Herzen vieler Fans eingebrannt hat: Freddy, der Fern- und Heimweh-Troubadour, der mit seinen Liedern Klassiker geschaffen hat. Bis heute verbinden Millionen Menschen den Namen mit Sehnsucht und Seefahrerromantik. Deshalb wird am 27. September 2006 wohl wieder vor allem die Erinnerung an den ewigen Seemann mit der Gitarre wach werden - dann feiert der Sänger, Schauspieler, Artist und Entertainer seinen 75. Geburtstag. Eine Legende ist er schon längst, denn der gebürtige Österreicher war einst Deutschlands Superstar.

In Liedern wie "Junge, komm bald wieder" oder "Heimweh" ("Brennend heißer Wüstensand") sang er von Abschied und Heimkehr - und damit den Menschen in der Nachkriegszeit aus der Seele. Wie kein anderer weckte er in den 50er Jahren die Sehnsucht nach fremden Häfen und besang die Einsamkeit an Orten fern von Daheim. Dabei ist ausgerechnet der Mann, der so perfekt dem Idealbild des Hamburger Seemanns entsprach, weder jemals richtig zur See gefahren, noch in der Hafenstadt aufgewachsen. Doch seine melancholischen Lieder trafen den Nerv der Zeit, Freddy, wie ihn seine Fans nennen, landete zahlreiche Nummer-Eins-Hits. Und seine Plattenfirma pflegte das Klischee des singenden Seemanns.

Weltenbummler, aber kein Matrose

Weit weg von Hafen und Meer, in Wien, kam er 1931 als Sohn einer Journalistin und eines Kaufmanns irischer Abstammung auf die Welt. "Wien ist für einen Möchtegern-Hanseaten wie ein 'Geburtsfehler'. Aber zumindest wurde ich in Hamburg gezeugt", sagte er einmal. 1951 hatte es den jungen Österreicher in die Hansestadt verschlagen. Zur See gefahren sei er aber "nie so richtig, auch wenn es von meiner Plattenfirma so propagiert wurde", betonte der Musiker später. TV- Regisseur Jürgen Roland ("Stahlnetz", "Großstadtrevier") entdeckte den Sänger und machte mit ihm Aufnahmen in der "Washington Bar". Für Quinn begann bald darauf eine "neue Zeitrechnung", denn er unterschrieb seinen ersten Plattenvertrag.

Schulabgänger und rebellischer Jugendlicher

Doch bevor Manfred "Freddy" Quinn als gut aussehender und sehnsuchtsvoll singender Showstar seinen Triumphzug vom Hafen- und Amüsierviertel St. Pauli aus starten konnte, musste er schon in frühen Jahren Kämpferherz beweisen. Nach der Scheidung seiner Eltern lebte er zeitweise beim Vater in Amerika, bis ihn die Mutter wieder nach Wien zurückholte. Konflikte mit dem Stiefvater, dessen Nachnamen "von Petz" er annehmen musste (später legte er sich wieder den Namen seines Vaters zu), trieben den Jungen immer wieder zur Flucht. Die Schule brach er ab, fing bei einem kleinen Zirkus als Kapellmeister an, floh ins Ausland und ging auf Wanderschaft - bis er schließlich auf der Hamburger Reeperbahn ankam.

Wegen Steuerhinterziehung verurteilt

Mehr als fünf Jahrzehnte im Showgeschäft liegen hinter dem Mann, der sich immer als Einzelkämpfer sah und sein Privatleben hermetisch vor der Öffentlichkeit verriegelt. Als Sänger landete er zahlreiche Hits und heimste Trophäen ein, als Schauspieler stand er vor der Kamera ("Die Gitarre und das Meer") ebenso wie auf der Bühne ("Heimweh nach St. Pauli"), als Artist zog es ihn immer wieder in die Manege zurück - mal balancierte er ungesichert über Hochseile, mal trat er mit Raubtieren im Käfig auf. Erst vor wenigen Tagen drehte der NDR mit dem Jubilar eine Sendung im Circus Krone.

Einer der unangenehmsten Momente im Leben des Showstars liegt allerdings noch nicht lange zurück. Vor zwei Jahren verurteilte ihn das Hamburger Landgericht wegen einer Steuerhinterziehung von 900 000 Euro zu einer Bewährungsstrafe und 150 000 Euro Geldbuße. Er habe seinen Hauptwohnsitz jahrelang in der Schweiz gehabt, die meiste Zeit aber bei seiner Partnerin Lilli Blessmann in Hamburg gelebt. Unter Tränen zeigte er Reue und sagte nach dem Prozess: "Ich hoffe, dass meine Fans mir verzeihen." Der Künstler selbst verriet einmal, dass er seine ganze Laufbahn "minutiös schildern" könne. Unangenehme Dinge vergesse er jedoch – "das ist eine Gnade".

Dorit Koch/DPA / DPA