Interview DJ Ötzi "Ich lasse emotionale Intelligenz in Songs einfließen"


Mit Songs wie "Anton aus Tirol" oder "Hey Baby" hat DJ Ötzi über 100 Millionen Alben. Jetzt kommt sein nächstes Party-Album. Im stern.de-Interview spricht der 36-jährige über Alptraumsituationen auf der Bühne, seinen Zwist mit Campino und den Tiefpunkt seines Lebens.

Herr Friedle, was macht einen guten Partyhit aus?

Ich spüre es, wenn ein Song gut ist. Dann bekomme ich eine Gänsehaut oder es zieht im Rücken. Ich kenne aber keine Anleitung zum perfekten Hit - sonst hätte ich vermutlich schon 100 Millionen Platten verkauft. Man kann immer nur sein Bestes geben und möglichst viel "emotionale Intelligenz" in die Songs einfließen lassen.

Wie feiern Sie denn persönlich am liebsten?

Auf jeden Fall ohne Musik von DJ Ötzi, die höre ich schon den ganzen Tag. Ich feiere ganz ruhig und ohne Alkohol zusammen mit meinen Freunden. Dann werden die Schürzenjäger aufgelegt, von denen ich großer Fan bin. Musik muss mich berühren, und Künstler wie Pink Floyd oder Soullegende Otis Redding treffen wirklich mein Herz.

Sie sind ja auch in England und anderen Ländern ein großer Star. Welche Nation lässt sich am leichtesten in Schwung bringen? Und welches Publikum ist am schwersten zu knacken?

Das Wichtigste ist immer, mit dem nötigen Respekt auf die Bühne zu gehen. Dann bekommst Du auch positive Vibes zurück. Es gibt eigentlich keine regionalen Unterschiede, wenn die Leute ausrasten - Hauptsache, sie rasten irgendwann aus. Meine Mission ist es, die Fans dazu zu bringen, ihren Alltag zu vergessen. Und da gibt es bei mir keine bösen Überraschungen: Das Publikum weiß immer, was es von mir bekommt.

Den feierfreudigen Asiaten müsste ihre Musik sehr gut gefallen. Sind Sie dort schon aufgetreten?

Wir hatten ein Angebot, in Shanghai zu spielen. Doch bevor ich die Fans dort erobere, konzentriere ich mich auf Europa. Ich habe eine Vision: 2010 möchte ich wieder in den Top Ten der britischen Charts sein. Dem wird alles andere untergeordnet.

Erinnern Sie sich an Highlights bei Auftritten?

Sicherlich. Besonders schön war es, als ich vor 52 000 Zuschauern während einer Halbzeitpause in Köln aufgetreten bin. Da habe ich den "Anton" gesungen und die Pause hat sich um sieben Minuten verlängert, weil die Leute so ausgerastet sind.

Haben Sie schon mal folgende Alptraum-Situation gehabt: Sie stehen auf der Bühne und sorgen für Stimmung - aber keiner klatscht…

Ja, das war bei einem Auftritt in Nürnberg, einer privaten Abschiedsfeier. Ich forderte gleich beim ersten Lied, dass die Zuschauer klatschen und die Hände nach oben recken. Aber da gab es keine Hände, nur bedrückte Gesichter. Ich habe dann noch eine A-Capella-Nummer gesungen und den Leuten gesagt, dass ich jetzt aufhöre. Erst später hat mir jemand erzählt, dass ein Kind des Veranstalters am Nachmittag ums Leben kam.

Man sagt ja, wenn es den Menschen wirtschaftlich schlechter geht, feiern sie immer wilder. Haben Sie diese Erfahrung in den letzten Jahren auch gemacht?

Eine Mutter wird seinem Kind auch noch dann Süßigkeiten kaufen, wenn es der Familie dreckig geht. Meine Fans leisten sich DJ Ötzi besonders dann, wenn sie den grauen Alltag vergessen wollen - und das ist immer häufiger der Fall.

Sind Sie glücklich, mit dem was Sie machen? Oder träumen Sie vielleicht manchmal von einer ganz anderen Musiker-Karriere?

Ich sage es nochmals: Meine Mission kann nur heißen, die Menschen mit meiner Musik glücklich zu machen. Wenn ich etwas mache, muss ich eben absolut dahinter stehen. Und das geht nun mal nur mit meinem Sound, denn der ist echt und wertvoll. Deshalb bin ich glücklich.

Was sagt Ihre Tochter zu den Songs?

Auch ich will von meiner Tochter geliebt werden. Deshalb freut es mich, dass Lisa-Marie meine Songs sogar singt. Hören Sie mal: Immer, wenn mich jemand auf dem Handy anruft, singt meine Tochter für mich - sie ist als Klingelton eingespeichert. Ist das nicht goldig?

Gibt es Momente, in denen Sie das Gefühl haben, von anderen Musikern nicht ernst genommen zu werden? Ärgert Sie das?

Nein, eigentlich nicht. Nur bei einer Echo-Verleihung musste ich einmal Dampf ablassen. Da habe ich Campino, den Sänger der Toten Hosen, zur Rede gestellt. Er hatte irgendwann mal gesagt, dass ich ein A... sei. Ich sagte nur, es kann ja wohl nicht sein, dass er zu mir A... sagt, obwohl ich seit zehn Jahren seine Platten kaufe. Campino war schnell klar, dass er Blödsinn gelabert hat, nur weil er cool sein wollte. Er hat sich schließlich bei mir entschuldigt, und Xavier Naidoo faltete ihn später zusammen, das war klasse. Jeder versucht in diesem Haifischbecken zu überleben, da scheißt man sich nicht noch gegenseitig an.

Eine Kooperation mit Campino steht aber noch nicht an?

Leider nicht. Wäre doch cool, wenn wir zusammen eine Song mit dem Titel "Arschloch" einspielen würden.

Wie ist das Verhältnis zu anderen Künstlern aus dem Apres-Ski- und Ballermann-Umfeld?

Ich war seit drei Jahren nicht mehr auf Mallorca und auch lange nicht in Skihütten. Leider klebt dieses Image an mir.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Die nehme ich eigentlich gar nicht wahr. Ich habe selbst zu meinen Erfolgszeiten nie Kritiken gelesen. Nur meine engsten Freunde, die Familie und mein Team haben in meinen Augen das Recht, mich anzugreifen. Das sind ja keine Neider oder so, die wollen dann wirklich etwas Substanzielles kritisieren. Nicht so wie viele Journalisten, die einfach nur auf DJ Ötzi draufhauen...

Ihr Erkennungsmerkmal ist die Häkelmütze. Wie hat das damals angefangen und wer häkelt die für Sie?

Der Grund für die Mütze sind meine wenigen Haare. Wenn meine Tochter böse auf mich ist, verspottet sie das lichte Haar des Papas. Irgendwann bekam von einem Fan ein gehäkeltes Mützchen. Ich trage meinen Bart übrigens auch nur, weil er eine kleine Wunde bedeckt. Sie sehen, es handelt sich um keinen Marketinggag.

Wenn Sie Fans auf der Straße erkennen, hauen Sie Ihnen auf die Schulter, weil Sie so einen Kumpeltyp darstellen?

Das mit dem Schulterklopfen kommt häufig vor und ich hasse es, aber da muss ich einfach durch. Es zeugt nicht von Respekt und den erwarten Fans ja auch von mir.

Was halten Sie generell von der österreichischen Musikszene?

Es gibt zuwenig Nachwuchs, das liegt an dem kleinkarierten Denken der Österreicher. Wir haben schon viele Talente bei uns, sie werden aber nicht von der öffentlichen Hand unterstützt. Ich würde mir mehr Exzentriker wie Falco wünschen, dafür leben wir aber in der falschen Zeit. Übrigens: Von den Etablierten höre ich am liebsten Wolfgang Ambros oder Hubert von Goisern.

Könnten Sie sich vorstellen, als junger Künstler bei einer Casting-Show mitzumachen?

Nein, weil man von unten anfangen muss. Wer gleich auf dem Berg steht, kann nur noch runterfallen. Wer das allerdings überlebt, ist fürs Showbiz gestärkt.

In Ihrer Biografie steht, dass Sie eine Zeitlang obdachlos waren. Wie ist es dazu gekommen?

Mit 19 wollte ich die Welt erobern und habe mir nix sagen lassen. Schließlich bin ich auf Weltreise gegangen und habe extra einen Kredit von 100.000 Schillingen aufgenommen, die ich erst im Jahr 2000 zurückzahlen konnte. Ich musste die Reise abbrechen, weil ich kein Geld mehr hatte, lebte später in Österreich auf der Straße und schnorrte Geld zusammen. Der Tiefpunkt war gekommen, als jemand sagte: "Schau, da liegt ein Penner." Da musste ich mein Leben radikal ändern. Und es hat mich gelehrt: Angst kann eine durchaus positive Antriebskraft sein.

Tingeln Sie mit 60 immer noch durch die Skihütten?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich gebe momentan mein Leben, meine Gesundheit für einen Traum. Später möchte ich mein Leben genießen, wenn ich dann noch als Stimmungskanone unterwegs bin, habe ich etwas falsch gemacht. Vielleicht starte ich eine zweite Karriere als Maler - auf jeden Fall etwas mit Ruhe.

Sie sind Fußball-Fan und die EM 2008 findet in Österreich und der Schweiz statt. Wird Ihr Land Europameister?

Nein, sie haben jetzt noch nicht den Biss und werden ihn wohl auch nicht kriegen. Macht ja nichts, letztlich sind wir im Skifahren eine Macht.

Unvermeidliche Frage: Werden Sie einen Song zur Fußball-EM 2008 komponieren?

Es wird was Cooles geben. Vielleicht sogar ein Duett mit dem Schweizer DJ Bobo? Lassen Sie sich überraschen!

Interview: Thomas Soltau


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