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Neues Album Jan Delay: "Wenn wir Musiker was wollen, sollen wir die Klappe halten"

Jan Delay
Jan Delay will mit seinem neuen Album "Earth, Wind & Feiern" die Clubs wieder zum Beben bringen – und zwar möglichst bald
© Christian Charisius / Picture Alliance
Jan Delay veröffentlicht ein Club-Album – in einer Zeit, in der die Clubkultur vom Aussterben bedroht ist. Im NEON-Interview spricht er über die Probleme der Szene, seinen Umgang mit der Corona-Krise und das schwierige Verhältnis zwischen Politikern und Künstlern.

Auf der Bühne trägt Jan Delay gern Hemd und Krawatte, vor einigen Jahren wurde er sogar als "Krawattenmann des Jahres" ausgezeichnet. Zum digitalen Interview mit NEON schaltet sich der 45-Jährige allerdings im lockeren Frühlingsoutfit vom Balkon seiner Hamburger Wohnung dazu – nur die Sonnenbrille darf nicht fehlen. 

Thema ist natürlich sein neues Album "Earth, Wind & Feiern", Delays erste Solo-Platte seit sieben Jahren. Jan Delay hat ein Club-Album produziert, mit Musik für "Menschen, die's lieben zu dancen zu tiefen Frequenzen", wie es in einem Song darauf heißt. Aber wo soll das gerade gehen, mitten in der Pandemie? Im NEON-Interview spricht Jan Delay über seinen Umgang mit der Corona-Krise, das Absterben der Club-Kultur und das schwierige Verhältnis zwischen Politikern und Künstlern.

Jan Delay: "Mit der Ausgangssperre habe ich kein Problem"

NEON: Jan, uns ist ganz am Anfang deines Albums eine Zeile aufgefallen. Da sprichst du von der "Rockplatte, auf die keiner Bock hatte" – ein Hinweis auf dein letztes Album "Hammer und Michel", das bei Kritikern und Fans nicht gut ankam ...
Jan Delay:
Ich fand die letzte Platte gar nicht schlecht – nur hat sie leider den meisten anderen nicht so gut gefallen. (lacht.) 

Warum ist die neue Platte besser?
Das neue Album grast genau die Subkulturen ab, aus denen ich komme: alles, was um HipHop herum angesiedelt ist, aber auch Richtungen wie Funk und Reggae, die vorher da waren. Das ist nun mal eher die Welt von Jan Delay und seinen Fans als Rockmusik mit Gitarren.

"Earth, Wind & Feiern" ist jetzt eine Club-Platte geworden. Ist diese Musik aus einem Gefühl des Vermissens in der Corona-Zeit entstanden, oder gab es die Idee schon vorher?
Nein, ich hatte schon 2018 damit angefangen. Ich bin einfach ein Clubtyp, ich liebe Clubmusik, ich lege gern auf. Der rote Faden war: Egal, wie alt die Mucke ist, die wir uns für den nächsten Song vornehmen, ob Reggae oder Funk – am Ende muss der im Club laufen können. 

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Deine Single "Eule" ist eine Ode an das Nachtleben. Bist du selbst auch so ein Nachtmensch?
Ja, volles Brett. So ein Titel kommt nicht von ungefähr.

Wie ging es dir dann mit der nächtlichen Ausgangssperre?
Die Eule interessiert nur, dass sie nicht ins Bett muss. Mit der Ausgangssperre habe ich kein Problem, es gibt ja sowieso keine Clubs – wo soll ich denn hin? Ich hätte nur ein Problem, wenn es für alle eine Pflicht gibt, früh aufzustehen – aus welchem Grund auch immer.

Keine Clubs, keine Auftritte – wie groß ist die Lücke, die das in dein Leben reißt?
Erstens ist es ätzend, weil Clubs für mich auch immer ein wichtiger Input waren. Und zweitens ist es noch beschissener, gerade jetzt eine Platte herauszubringen, die dafür gemacht ist und dort stattfinden soll. Die Alternative wäre gewesen, abzuwarten. Aber wer weiß, wie lange man da warten muss.

Hast du in dieser Zeit etwas Neues über dich und das Leben gelernt?
Dass nicht immer alles muss, und dass es auch ohne geht. Das kann man auf alles beziehen. Das ist, glaube ich, das einzige, was ich gelernt habe. Dass man von nichts mehr ausgehen kann und nichts mehr sicher ist.

Es ist dann trotz Corona doch ein ziemlich positives Album geworden. Ist das generell deine Grundstimmung?
Die Grundstimmung war schon vor Corona nicht positiv: der Rechtsruck auf der ganzen Welt, die drohende Klimakatastrophe, in die wir reinschlittern. Ich möchte aber nicht meckern und jammern, sondern positive Musik machen, die einem hilft, das anzugehen. Etwas, woraus man Kraft schöpft, um aus dieser ganzen Scheiße zu kommen.

Die Clubkultur scheint gerade politisch und gesellschaftlich nicht den höchsten Stellenwert zu genießen. In den Diskussionen um Öffnungen kommt dieser Bereich kaum vor. Ist das nachvollziehbar für dich?
Nee, null. Das ist sehr, sehr schade und sehr schlimm. Aber bei den Leuten, die gerade die Hilfe versagen und denen egal ist, ob da gerade eine ganze Kultur abstirbt, haben Clubs noch nie einen großen Stellenwert genossen. Den Vermietern sind die Clubs egal, die kann man ja auch an Amazon vermieten. Ich hoffe, dass die Städte, Länder, Kommunen und Gemeinden aufkommen für ihre Clubs. 

Zeigt sich da ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass diese Kultur nicht wirklich ernstgenommen wird?
Sechzigjährigen Politikern ist es egal, was mit einem Club passiert – das war schon immer so und wird auch immer so sein. Es ist eben eine Subkultur. Schlimm wird es, wenn eine ganze Branche, wie der Live-Entertainment- und Unterhaltungsbereich, abstirbt, während Konzerne wie die Lufthansa Milliarden bekommen. Wenn die Parteien irgendwo schön einlaufen wollen, brauchen sie Musik für ihre Kampagnen, um alle mitzureißen. Aber wenn wir Musiker was wollen, sollen wir die Klappe halten. Die eine Industrie erwärmt das Klima und macht alles kaputt. Die andere Industrie erwärmt gar nichts, höchstens die Herzen – aber wenn's da nicht läuft, deckt man den Mantel des Schweigens darüber. Sonst sind immer die Arbeitsplätze das Argument. Aber wenn dann auf einmal drei Millionen Menschen ohne Arbeit dastehen, dann müssen sie damit klarkommen, diese komischen Künstlertypen.

Wenn man so davon betroffen ist – neigt man dann auch dazu, die Maßnahmen schneller in Frage zu stellen?
Ich kann's nachvollziehen, wenn jetzt einigen die Hutschnur platzt und sie Sachen sagen, die sie vor zwei Jahren nicht gesagt hätten – und die sie in zwei Jahren auch nicht wieder sagen. Aber ich bin ein rationaler Mensch. Und wenn man mir jetzt sagen würde: Du kannst ein Konzert spielen vor 8000 Leuten, dann sage ich: Das ist nett, aber ich spiele jetzt doch kein Konzert, wo sich die Menschen anschwitzen und anhusten. Das wäre doch bescheuert.

In deiner Heimatstadt Hamburg gibt es noch einmal eine spezielle Diskussion: Dort stehen die großen Clubs "Große Freiheit 36" und "Docks" in der Kritik, weil sie Querdenker-Thesen eine Plattform geboten haben. Einige Künstler haben schon angekündigt, dort nicht mehr auftreten zu wollen. Würdest du dich an einem Boykott beteiligen?
Ja, klar. Ich stelle mich doch nicht auf eine Bühne von irgendwelchen Querdenkern. Du wirst in Hamburg niemand Vernünftigen finden, der mit denen noch etwas zu tun haben will, solange sie sich nicht davon distanzieren und aufhören, diesen Quatsch zu machen.

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