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Jan Delay: "Ich weiß einfach, was sich cool anhört"

"Wir Kinder vom Bahnhof Soul" heißt das neue Album von Jan Delay - im stern.de-Interview spricht der Sänger über dicke Eier, den Eurovision Song Contest und Musik für alte Leute.

Beim letzten Album hieß es "Ein neuer Jan, ein neuer Anfang" - diese Platte klingt jedoch ähnlich wie die letzte. Keine Lust auf wiederum eine Neuerschaffung?

Nein, ich hatte das Gefühl, das wäre zuviel gewesen. Ich musste die Platte machen, die ich mit "Mercedes Dance" machen wollte, aber noch nicht konnte. Wir mussten eine Band werden, einen eigenen Sound haben. Funk, im Gegensatz zu Reggae oder Hip-Hop, blieb für mich spannend. Ich habe gemerkt, man muss da noch einen nachlegen. Außerdem: Gerade wenn es zu einem Automatismus verkommt, von wegen ... "da kommt der Jan, der macht die und die Platte" - da muss ich halt gegensteuern, weil es genau dann die Erwartung nicht erfüllt.

Das große Ensemble scheint sich durchzusetzen. Mit Samy Deluxe geht ein alter Weggefährte mit Band auf Tour, Peter Fox mit Orchester und auch Mainstream-Leute wie Stefan Gwildis lassen Funk und Soul wiederaufleben. Wo ist da der Unterschied zu Deiner Idee von "Bahnhof Soul"?

Es fängt jetzt an, dass Leute aus dem früheren Umfeld sagen, okay, dann brauche ich auch eine Liveband. Der Hip-Hopper ist nicht mehr nur der Typ, der mit dicken Eiern und Mikro vorne steht. Und Gwildis übersetzt Soulklassiker von damals und gibt denen einen deutschen Text. Wenn ich das machen würde, dann aus meinem Kontext. Ich bin ein MC, ich bin mit Worten aufgewachsen, ich weiß, was Flow bedeutet. Ich weiß einfach, was sich cool anhört und was sich nicht cool anhört. Das ist zeitgemäßer als "Ich bin ein Soulman" von Gwildis. Das ist für alte Leute. Ich finde es super, was er macht, aber das kickt mich null.

An einer Stelle des Albums heißt es "Von roten Zahlen zum Frühstücksei" – inwieweit spüren Sie als Musiker Auswirkungen der Krise?

Der Gag ist ja, es geht nicht um die generelle Krise. Der Typ wünscht sich eine Krise für diese Riesenkonzerne, die den Markt diktieren. Der Text ist ein Jahr alt, und jetzt sind diese Szenarien, die ich heraufbeschworen habe, plötzlich da. Es ging mir um eine Selbstreflexion, dass man selbst etwas machen kann. Jetzt aber ist die ganze Situation komplett am Arsch und die Zeile "Ein Bombe wird nichts mehr bringen" wirkt noch einmal ganz anders.

Vor einigen Jahren war Ihre Maxime "Style ist das A und O". Gilt das bei diesen politischen Entwicklungen immer noch?

Damit meinte ich nicht nur Klamotten, sondern alles. Im Prinzip ist auch Politik Style. Für mich hat Jürgen Trittin Style. Weil er einfach überzeugt ist und etwas vollkommen Unpopuläres macht. Er hat sich dieses Ding namens Dosenpfand ausgedacht, obwohl er wusste, er ist damit der unsympathischste Mensch der Welt. Fünf Jahre später ist klar, dass er recht hatte. Das hat Style für mich.

"Jetzt muss Deutschland zeigen, dass es Style hat" sagten sie einst beim Bundesvision Song Contest (BSC). Es reichte nur für den zweiten Platz. Wie wäre es, wenn Deutschland jetzt den Style hätte, Jan Delay zum Eurovision Song Contest zu schicken?

Das liegt ja nicht an Deutschland, das liegt am Intendanten des NDR. Die würden es vielleicht sogar toll finden, weil sie krampfhaft versuchen, das Ganze zu verjüngen und irgendeine Art von Relevanz da hineinzubekommen, damit sie Quoten steigern. Ich würde das aber niemals tun, das ist keine zeitgemäße Form von Popmusik.

Ist der BSC denn so anders?

Aber auf jeden Fall. Das ist der perfekte Gegenentwurf dazu. Raab sorgt dafür, dass in diesem populistischen Kosmos ein paar andere Klangfarben auftauchen.

Gutes Stichwort. Die Fußball-WM rückt langsam näher, wie sieht es aus mit einem WM-Song 2010 von Jan Delay?

Sehr gern, aber unkonstruiert. Wenn es einen Song gibt, der da reinpasst und das von selbst passiert – super. So etwas wie "7 Nation Army" von den White Stripes, das ist klasse. Aber wenn das geplant sein soll und man sich auf diese Stumpfness einlassen muss, das kann ich auf keinen Fall.

Und wie wird man als Hamburger ausgerechnet Fan von Werder Bremen?

Weil man als Achtjähriger zum ersten Mal im Stadion war und umringt war von Hooligans. Gleichzeitig war die Oma in Bremen damals. Und die hatten mit Puma als Ausstatter schlichtweg die geileren Trikots. Hey, ich sag' nur Rudi Völler und Otto Rehagel - das war einfach der geilere Shit.

Interview: Ingo Scheel