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Musikerin aus Großbritannien Joy Crookes ist eine junge, große Stimme aus London: "Es brodelt in mir. Und es kommt hoch"

Joy Crookes
Joy Crookes im umgedeuteten Ritterkostüm für das Musikvideo von "Trouble" 
© Sony Music UK
Joy Crookes ist jung, stimmgewaltig und erfolgreich. Die 23-Jährige wird als neue Amy Winehouse gefeiert. Sie sieht das als Kompliment, aber auch kritisch. Eine Begegnung mit der Sängerin in ihrer Garderobe in Hamburg. 

Joy Crookes hat einmal gesagt, Essen sei eine Form des Widerstands. Denn wer esse, sorge dafür, dass er überlebt. Da scheint die Frage nach einem Lieblingsessen beim Treffen in ihrer Garderobe in der Hamburger Elbphilharmonie naheliegend. "Reis", lautet die Antwort. "Ich mag Reis so sehr, dass ich mir 'Reis' auf meine Hüfte habe tätowieren lassen", sagt Joy Crookes und bietet an, das Tattoo zu zeigen. Sie steht von ihrem Stuhl auf, zieht den Bund ihrer Jeans etwas nach unten und tatsächlich, da steht dezent und in schlichter Schreibschrift das Wörtchen "rice".

In dieser Szene stecken die Offenheit und Authentizität, das Überraschende, Gewitzte und Tiefgründige – schließlich ist Reis nicht nur Essen und Essen nicht nur Nahrung für die Sängerin aus London – die Joy Crookes und ihre Musik ausmachen. 

Joy Crookes fand bei Youtube ihr erstes Publikum 

Klavier, Bass und Gitarre hat sie sich selbst beigebracht, konnte als Jugendliche ganze Tage damit verbringen. Ein Publikum fand sie bei Youtube und darüber auch ihr Management, das auf Crookes's Cover-Version von "Hit the Road Jack" aufmerksam wurde. Da war sie gerade mal 14. Dem "Rolling Stone" sagte sie, sie sei stolz, dass sie sich Zeit gelassen habe. "Ich habe immer für künstlerische und kreative Integrität gekämpft."

Dafür wird sie belohnt. Sie erhielt 2020 eine Nominierung für den "Brits Rising Star Award" und erzielte 2020 den vierten Platz bei der "BBC Sound Poll". Im vergangenen Jahr wurde sie mit dem Video zu ihrem Song "Feet Don't Fail Me" bei den UK Music Video Awards ausgezeichnet.

Nach Hamburg geht es für sie nach Los Angeles. Sie spielt dort ein Konzert und ist zum zweiten Mal in diesem Jahr zu Gast in der "Late Late Show" von James Cordon. 

Sie selber sagt, sie sehe sich nicht als berühmt. "Andere Leute heilen Krebs und wir behandeln sie nicht, als wären sie berühmt. Ich habe bis vor ein paar Jahren noch Sauerkraut serviert in einem Restaurant. Ich bin immer noch dieselbe Person." Wenn sie zu einem Konzert oder in eine Bar gehe, werde sie schon immer wieder erkannt, die Leute würden aber respektieren, dass sie den Abend in Ruhe genießen wolle.

Joy Crookes über den Vergleich mit Amy Winehouse

Auf ein Genre festzulegen ist Joy Crookes nicht, ihre Musik wird dem Neo-Soul und Alternative R&B zugerechnet, Jazz und Reggae fließen mit ein. Die 23-Jährige wird oft mit Amy Winhouse verglichen. Wie ist das für sie? "Amy Winehouse ist unglaublich. Ihr Leben war tragisch und ihre Musik so schön und traurig zur gleichen Zeit." Der Vergleich mit ihr lösche auf eine Art aber auch den Einfluss von schwarzen Frauen wie Nina Simone und Etta James auf ihre Musik aus. "Sie haben Jazz zu dem gemacht, was es ist. Sie waren politisch."

Dann fügt Crookes hinzu, dass sie grundsätzlich ihre Probleme mit Vergleichen dieser Art habe. "Wenn du eine weibliche Musikerin bist, müssen dich die Menschen immer mit irgendjemandem vergleichen. Als wären wir anders nicht zu verstehen." 

Joy Crookes
Joy Crookes
© Sony Music UK

Als Frau in der Musikindustrie würden einem immer wieder Vorurteile begegnen. "Eigentlich bei allem, was mit Kabeln zu tun hat." Beim Aufbau von Shows, im Gitarrenladen – da würden Frauen häufig "verdammt herablassend" behandelt. Früher habe sie das noch öfter wahrgenommen als heute. Was aber auch daran liege, dass sie sich mit Menschen umgebe, die nicht so denken würden, ergänzt ihre Managerin Charlie, die bei dem Gespräch mit im Raum ist.

Die Garderobe ist im 10. Stock der Elbphilharmonie, draußen beginnen die Stadt und der Hafen gerade, im Abendlicht zu glänzen. Später am Abend wird Crookes im Rahmen des Reeperbahn Festivals ein Konzert geben.

Joy Crookes denkt darüber nach, zu demonstrieren

Was das Vereinigte Königreich in den vergangen Wochen beschäftigt hat, war der Tod von Queen Elizabeth II. Welchen Blick hatte Crookes darauf, die Tochter eines Iren und einer Bangladeshi? Sie sagt dazu nur zwei Sätze: "Es ist solch ein historischer Moment. Und ich denke, in einem solchen Moment ist es wichtig, sich mit Geschichte zu beschäftigen." 

Kultur betrachtet sie als Währung. Wie sie im "Schmelztiegel London" aufgewachsen ist, sei das klassischste "London thing" der Welt. Kulturelle Vielfalt sei so ein Reichtum. 

Das Vereinigte Königreich hat nicht nur einen neuen König, sondern seit Kurzem auch eine neue Regierung. Hielt sie sich bei der Monarchie zurück, teilt Crookes bei der Politik nun aus. "Großbritannien leidet bereits jetzt unter Armut. Die nächsten Monate werden schrecklich. Und es trifft selbst die Mittelklasse. Wir haben eine Krise der Lebenshaltungskosten im Land. Der Wohlfahrtsstaat wurde abgeschafft. Ich denke in letzter Zeit immer öfter, dass ich demonstrieren sollte. It's absolutely fucked." 

Joy Crookes: "Es brodelt in mir. Und es kommt hoch"

Joy Crookes hat sich bereits in einem Lied mit dem Vereinigten Königreich beschäftigt. "Kingdom" heißt es, erschienen im Herbst 2021 auf ihrem Album "Skin".  Das Lied handelt von Perspektivlosigkeit und Armut – in einer Zeit vor dem Krieg in der Ukraine der Energiekrise, weiteren Regierungskrisen und Brexitfolgen. Es fühle sich unglaublich an, dieses Lied jetzt zu singen, sagt Crookes. Es habe eine ganz neue Bedeutung. 

Crookes wird in "Kingdom" politisch und davon dürfte künftig noch mehr kommen; ein neues Album ist für 2023 angekündigt. "Es ist mehr Wut in mir. Ich habe das Gefühl, einiges an Geduld verloren zu haben." Wahrscheinlich hänge es damit zusammen, dass sie erwachsen werde und mehr Erfahrungen mache. "Es brodelt in mir und es kommt hoch. Es gibt so vieles, über das ich schreiben will." 

Bevor man einen politischen Song schreiben könne, müsse aber viel unterbewusst geschehen. Sonst passiere es schnell, dass man einfach mit dem Finger auf jemanden zeige. "Ich habe mit meiner Musik die Antworten nicht, aber ich kann aufzeigen, was schiefläuft." 

Ein politischer Song, der das ihrer Meinung nach grandios macht, ist "Sign o' the Times" von Prince. Crookes nimmt ihr Handy zur Hand, tippt etwas ein und liest dann vor: "You turn on the telly and every other story is tellin' you somebody died / A sister killed her baby 'cause she couldn't afford to feed it / And yet we're sending people to the moon". "Das ist einfach großartig", sagt sie.

Die Sängerin beschreibt düstere Aussichten. Was macht ihr Hoffnung? Die Antwort klingt zunächst hoffnungslos: Wenn "rock bottom" erreicht sei, wenn viele Menschen ganz unten angekommen sind, dann werde eine neue Subkultur entstehen. Denn Großbritannien sei großartig in Sachen Subkultur. Joy Crookes nennt Punk und Reggae als Beispiele. Zwischen ihrer Generation und der der Babyboomer sieht sie statt Trennendem und Rivalitäten vor allem Gemeinsamkeiten: "Sie erinnern sich an die Zeit unter Margaret Thatcher. Meine Hoffnung ist, dass die Leute sagen: Genug ist genug. Dass sie rausgehen und demonstrieren."

Als Joy Crookes wenige Stunden später im großen Saal der Elbphilharmonie auftritt, ist das Konzert gut besucht, aber nicht ausverkauft. Die Leute sitzen, was bei den ruhigen Stücken passt, bei den schnelleren aber schade ist. Kleinere Gruppen stehen während des Konzerts von ihren Plätzen auf und tanzen weiter hinten vor der Wand. Es sind fast ausschließlich junge Frauen

Quellen:Rolling Stone, VogueDiffusInstagram 

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