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Konzert: 'Götterdämmerung' im Palast der Republik

Das Gerippe, das vom Palast der Republik in Berlin übrig blieb, war Schauplatz eines stimmungsvollen Klangspektakels. Das Konzept: Musik, die Geschichte erzählt, an einem Ort, der bald Geschichte sein wird.

Im Halbdunkel wartet der skelettierte Palast der Republik im Herzen Berlins auf den Abriss: 'Götterdämmerung' im einstigen Prachtbau der DDR. Unterhalb der Reste des Staatswappens im Foyer sitzt das 85-köpfige Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) und wartet auf seinen Einsatz. Erstmals seit der Schließung 1990 wurde der entkernte Bau mit seinen weiten Betonflächen, seinem gespenstisch wirkenden Wald von Stahlträgern im Innern am Montag wieder bespielt. Auf dem Programm stand Wagner. Mit dem Grünen Hügel in Bayreuth hatte der Abend dennoch wenig gemein.

Dirigent Christian von Borries, der im April dieses Jahres schon die riesige Halle der Cargolifter Werft in Brandenburg beschallte, wagt sich mit 'Der Wagnerkomplex - Musik und deutsche nationale Identität' an ein weiteres ausgefallenes Projekt. Der Palast der Republik sei ein "Ort, der Geschichte reflektiert", sagt der 42- Jährige. Ihm gehe es darum, diese Geschichte zu erzählen. Dafür bediene er sich aus der Musik der vergangenen 200 Jahre. "Über die Musik ist es möglich, in der Zeit vor und zurück zu gehen."

Klassiker, aber auch elektronische Musik

Der Mix ist ausgefallen. Neben Musik von Richard Wagner und Gustav Mahler verwendet von Borries unter anderem auch Elemente aus der elektronischen Musik und Geräusche. Schon beim Einlass erwartet die kleine Besucherschar ein Brummen wie von Schiffsdieseln. Darauf ein lang anhaltendes Pfeifen, Summen - nicht eben eingängig, eher an einen Tinitus erinnernd. Plötzlich hallt eine Trillerpfeife durch die Leere und ein Trommler marschiert durch das Treppenhaus.

Das Orchester ist in blau gekleidet. Passende Arbeitskleidung für eine Baustelle eben. Die ersten Pläne für das Projekt habe er vor zwei Jahren gehabt, sagt von Borries. Es sei jedoch schwierig gewesen, eine Genehmigung zur Nutzung der Ruine zu bekommen. "Politisch opportun ist es nicht, was wir hier machen."

Zwischennutzung des Palastes umstritten

Das rund 70-minütige Klang-Spektakel ist schon deshalb eine Besonderheit, weil eine Zwischennutzung des Palastes bisher umstritten ist. Der Palast soll einem Neubau des historischen Stadtschlosses weichen. Eine Finanzierung aus öffentlicher Hand für eine Zwischennutzung ist nicht vorgesehen. Gegner einer Zwischennutzung befürchten eine weitere Verzögerung eines Schlossneubaus, den der Bundestag 2002 beschlossen hatte. Im vergangenen Juli hatten erstmals seit der Schließung öffentliche Führungen im Palast der Republik stattgefunden, die auf ein großes Interesse stießen.

Keine Ruhe für den Zuhörer

Borries lässt den Zuhörer nicht in vertrauten Klängen zur Ruhe kommen. Das sollen sie auch gar nicht. Sitzplätze gibt es ebenso wenig wie einen unverstellten Blick aufs Orchester. Besucher sollen umherlaufen, den Raum und die auf sie einströmenden Klänge aus verschiedenen Positionen auf sich wirken lassen. An den Stahlträgern sind stellenweise Bilder aus alten Tagen aufgehängt. Fotos aus dem Palast der Republik: Großveranstaltungen, Bälle, auf denen sich die sozialistische Elite tummelte.

Schließlich Türenquietschen, monotones Klacken. Dann Götterdämmerung, Rheingold, Mahler, sterbende Klänge, in den letzten Zügen liegend wie der Palast selbst. Von fern wird immer wieder ein 'Auferstanden aus Ruinen' angespielt, das jedoch schnell wieder verklingt. Die Hymne ist wie der Staat, den sie besang, Geschichte.

Michael Friedrich / DPA