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Wie ein Ostberliner Paar den Mauerfall erlebte: "Sind im Westen. Kommen gleich wieder"

Es ist der Abend des 9. November. In Berlin wird Weltgeschichte geschrieben. Als Interflug-Stewardess Andrea nachhause kommt, findet sie einen Zettel. Sie hält ihn für einen Witz. Und geht schlafen.

Von Lutz Kinkel

Prolog. Das ist die Geschichte eines Zettels. Das Papier: fleckig und vergilbt. Aber die rote Grafik am oberen Rand ist noch deutlich zu erkennen. "Merkzettel" steht da. Daneben ein rundlicher Mann mit Schnauzer, Halbglatze und Schürze; er spült bergeweise Geschirr. Ihm hilft ein kleines Kind, ein Baby noch, es trocknet einen Teller ab. Darunter der Satz "Was noch zu erledigen ist!"

Allein dieser Aufdruck: surreal.

Und dann diese handschriftlichen, mit Bleistift hastig dahin geschriebenen Sätze: "Sind im Westen. Kommen gleich wieder." Es ist die Ankündigung einer historischen Expedition. Aber auch der Hinweis: Wir halten uns aber nicht lange in der Wildnis auf. Es ist die Neugier - und die Angst. Das Vorwärtsdrängen und der Rückzug. Da schwingt etwas mit, was Ost und West noch über Jahrzehnte beschäftigen wird. Unterschrieben von Mike und Markus. Ein großes Ausrufezeichen neben ihren Namen. Als wollten sie sagen: Wir trauen uns! Wir: Mike und Markus!

Mike schreibt den Zettel am Abend des 9. November 1989. Er hat im Fernsehen die legendären Sätze von Günther Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros, zur neuen Reiseregelung mitverfolgt: "Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich." Das will er mit seinem Kumpel Markus ausprobieren. Sofort, unverzüglich. Den Zettel legt Mike auf die Waschmaschine in der kleinen Einraumwohnung an der Prenzlauer Allee 22, vierter Stock. Es ist die Wohnung seiner Freundin Andrea. Er ist Tischler, sie Stewardess der Interflug, der staatlichen Fluglinie der DDR. Sie darf nur ins sozialistische Ausland fliegen, weil sie unverheiratet und kinderlos ist, außerdem keinen Parteiausweis hat. Er ist 23, sie 24. Meist wohnen sie zusammen in der winzigen Bude. Außentoilette, aber Balkon mit Blick auf den Fernsehturm. Das ist schon was.

Seit Wochen ziehen die Demos an ihrer Haustür vorbei, wütende, frustrierte Menschen, die einen anderen Sozialismus wollen. Volkspolizisten drängen sie ab, kesseln sie ein, die Stasi ist überall - in Berlin tobt, auch wenn das noch keiner wissen kann, die Entscheidungsschlacht des Kalten Kriegs. Andrea und Mike sind dabei, und doch wieder nicht. Sie gehören zur Spaß-Punk-Wave-Fraktion, die ihre Kritik an der DDR ironisch verfremdet. Keiner von beiden rechnet damit, dass sich jemals ernstlich etwas ändern würde. Dann spricht Schabowski über die neue Reiseregelung. Unverzüglich. Sofort.

Lesen Sie auf der kommenden Seite, wie Andrea die Nacht des Mauerfalls erlebte

"Jenseits der Vorstellungskraft": Mike und Andrea zu Wendezeiten

"Jenseits der Vorstellungskraft": Mike und Andrea zu Wendezeiten

O-Ton-Protokoll Andrea

"Ich war am Abend mit meiner kleinen Schwester im Palast der Republik, den sie später leider abgerissen haben. Bei einem Konzert. Händels Messias, aufgeführt von einer Rockband, super. Niemand wusste etwas. Woher auch. Es gab ja keine Handys. Mein Vater hat uns abgeholt mit seinem Trabant, war aber auch ahnungslos. Ich bin hoch in meine Wohnung und fand den Zettel auf der Waschmaschine. 'Sind im Westen. Kommen gleich wieder.' Ich dachte: haha, Scherzbolde. Es lag einfach jenseits meiner Vorstellungskraft, dass die Mauer aufgegangen sein könnte.

Ich bin ins Bett gegangen. Weil ich um 7 Uhr einen Flug nach Moskau hatte. Heißt: 6 Uhr in Schönefeld, 5 Uhr los - also sehr früh raus. Ungefähr zu der Zeit, als ich aufstehen musste, kam Mike nachhause. Er stand mit ausgebreiteten Armen vor meinem Bett, leicht beschwipst, vielleicht auch einfach nur berauscht von den Ereignissen und brüllte: ICK WAR HEUT NACHT AM KUUUUHDAMM! AM KUUUUHDAMM! Da hab ich zum ersten Mal gedacht: Moment mal, vielleicht doch kein Scherz.

Das war natürlich eine Nachricht, die man nicht so einfach schlucken kann. Und natürlich Gesprächsthema Nummer 1, im Flugzeug, unter den Passagieren, bei den Interflug-Vertretern in Moskau. Helle Aufregung. Und gleichzeitig diese Unsicherheit: Wir wussten ja nicht, was danach kommt. Wir dachten alle: Das bleibt nicht so. Das ist nur eine vorrübergehende Reiseregelung.

Ich hatte am nächsten Morgen wieder sehr früh einen Flug nach Moskau, diesmal 4.20 Uhr, was der grausamste aller Flüge war, weil man mitten in der Nacht los musste. Wir Stewardessen wurden mit einem Sammeltaxi abgeholt, eine Kollegin mussten wir in der Friedrichstraße einsammeln. Da waren wir morgens um 2 Uhr - und die Straße war so voll wie sonst nur mittags. Die Leute haben an unsere Scheibe geklopft, weil sie hofften, sie könnten das Taxi übernehmen und in den Westen fahren.

Als ich zurück war, Landung um 10.20 Uhr, wollten wir endlich los. Zu einer Freundin nach Moabit, Jacqueline. Es war klar: Wir treffen uns am Grenzübergang Invalidenstraße, Nähe Naturkundemuseum, eine genaue Uhrzeit hatten wir nicht ausgemacht. Ich saß da, an der Brücke, da waren Massen unterwegs. Der Edeka hat Sekt verteilt, das war das Einzige, was ich angemessen fand. Alle wollten feiern. Der Kaisers mit seinem Kaffee und der Schokolade - da musste man seinen Ausweis zeigen, damit man nicht zwei Mal holt. Entwürdigend!

Dann waren wir in Moabit. Und ich weiß noch, wie ich gedacht habe: Das ist jetzt Westberlin? Ich war enttäuscht. Da war dieser grüne Polizeiwürfel, der wirklich räudig aussah. Mein zweites Gefühl war: Das ist immer noch dieselbe Stadt. Andere Autos, andere Werbung, aber dieselbe Stadt. Die Leute haben berlinert. Weil Jacqueline noch nicht da war, sind wir in eine Altberliner Eckkneipe in der Waldstraße. Die haben natürlich sofort gerochen, dass wir Ostler sind. Dann haben sie uns Speisekarte gebracht. Und ich war schockiert über die Preise: Bei uns kostete ein Bier 50 Pfennig und da waren es eben 2 Mark 70 oder so. Und ich war total platt, als einer neben uns sein Essen bekam: Butterstulle und ein Paar Wiener. Da habe ich gedacht: Wie jetzt, Butterstulle und Wiener? Das war so unglamourös. Ich fand's aber auch sympathisch. Weil man ja auch dachte: Och Mensch, ist ja wie bei uns.

Der Tag, an dem ich wusste, dass alles anders wird, für immer, war nicht der Tag des Mauerfalls. Das Personal der Interflug musste jeden Westkontakt melden. Also: Wen hatten wir bei welcher Gelegenheit, bei welcher Party getroffen. Es gab ein Büro am Flughafen Schönefeld, wo wir uns vor jedem Einsatz einzufinden hatten. Dort hingen unsere Dienstpläne, aber auch andere wichtige Mitteilungen. Und im Dezember las ich am schwarzen Brett, dass wir keine Westkontakte mehr melden mussten. Da sind Tonnen von mir abgefallen. Da war klar: Nun sind wir wirklich frei."

Lesen Sie auf der kommenden Seite, wie sich Mike auf dem Kudamm gefühlt hat

"Die Brücke ist breit genug": Ehemaliger Grenzübergang an der Bornholmer Straße

"Die Brücke ist breit genug": Ehemaliger Grenzübergang an der Bornholmer Straße

O-Ton-Protokoll Mike

"Ich war bei meinem Freund Markus. Wir guckten zufällig die Nachrichten - Ostnachrichten, wo Günther Schabowski dann gesagt hat: Ich hab hier so einen Zettel und wer ausreisen will, der kann unverzüglich ausreisen. Das war für uns ein Thema und wir haben unsere Reisepässe zusammengesucht. So kamen wir zu meiner damaligen Freundin Andrea nach Hause. Die war natürlich nicht da - leider. Ihr Nachbar, ein Arzt, kam raus und sagte, dass Freunde von ihm über die Bornholmer Brücke in den Westen sind und schon wieder zurückgekommen waren. Gut. Wir haben dann den Zettel geschrieben. Das war der Humor, den wir damals hatten, dieser Sarkasmus, der sich einstellte, weil wir nicht reisen durften. Eigentlich ist das ja der Gag schlechthin. 'Sind im Westen. Kommen gleich wieder.' Wir wussten ja gar nicht, ob wir überhaupt den Westen erreichen. Und wenn ja: Ob wir wieder zurückkommen.

Es muss so um 20 Uhr gewesen sein. Wir haben uns ein Taxi geschnappt und sind zur Bornholmer Brücke. Der Taxifahrer parkte irgendwo, schloss sein Auto ab und kam mit zur Grenze. Wir haben noch gesagt: Komm mit, vielleicht willste ja auch mal rüber. Der guckte aber nur und blieb zurück. Wir sind im Zick-Zack auf die Schranke zu, da waren schon ein paar Menschen. Eine Frau hatte ihren Hund in eine Reisetasche gestopft und rannte. Ich glaube, sie wollte so schnell es ging in den Westen. Wir sind zu dem Grenzer, ein dicklicher Typ, so zwischen 50 und 60, und haben gesagt: Naja, wir wollen rüber. Können wir auch wieder zurück? Und der sagte: Na klar. Dann hat er uns einen Stempel direkt auf das Passfoto im Ausweis gedrückt. Damit waren wir gekennzeichnet. Da sind wir einfach weitergelaufen. Uns war scheißegal, was passiert. Wenn ich genau überlege, waren wir wahrscheinlich die ersten, die rüber gegangen sind. Als dann immer mehr Leute kamen, haben die in ihrer Verzweiflung den Schlagbaum hoch gemacht. Dann sind sie in Scharen rüber. Die Brücke ist ja breit genug.

Wir wollten Jacqueline besuchen, die ein Jahr vorher mit einem Ausreiseantrag in den Westen ist. Wir dachten: Die wohnt im Wedding. Wir sind dann mit der U-Bahn los, sind durch die Stadt geirrt, irgendwann kamen wir an. An einem Neubauhaus haben wir eine ältere Frau, die auf dem Balkon stand, nach der Hausnummer gefragt. Die ist ohne ein Wort wieder in ihre Wohnung gegangen, hat die Balkontür zugemacht und die Vorhänge zugezogen. Das war unser erster Westkontakt. Da dachten wir: Na schönen Tag noch. Als wir das Haus endlich gefunden hatten, trafen wir Jacquelines Eltern. Die sagten uns, dass sie gar nicht mehr im Wedding wohnt. Sondern in Moabit. Das war uns zu kompliziert.

So gegen 1 Uhr sind auf dem Kudamm angekommen, wo die Hölle los war. Leute waren angetrunken, haben gefeiert wie wild. Das war auch ganz lustig, aber irgendwie waren wir durch diesen grauen Alltag gar nicht so drauf. Wir waren auch nicht alkoholisiert. Mir war es wie in einem Traum. Ich wusste nicht so recht, was ich da eigentlich sollte. Ich war irgendwie lustlos. Dann tippte mir einer auf die Schulter und fragte: Bleibste jetzt auch im Westen? Den kannte ich. Ein paar Monate vorher hatte ich mit ihm auf der Musterungsbank gesessen, als sie uns zur Volksarmee ziehen wollten. Ich sollte an die innerdeutsche Grenze. Was ich dankend abgelehnt hatte.

Die schönste Geschichte war eigentlich: Als ich frühmorgens wieder über die Brücke kam, hatte schon ein Bäcker auf. Der hat Kuchen und Brötchen und sowas verkauft. Da kamen auch Westberliner rüber und wir standen alle zusammen bei dem Bäcker an - Westberliner und Ostberliner. Dieser Abschluss hat mir eigentlich gut gefallen.

Am nächsten Tag war ich wieder im Betrieb, ganz normal, damals VEB Denkmalpflege. Der Chef feierte seinen Geburtstag, aber niemand hat über den Chef oder seinen Geburtstag gesprochen, sondern alle redeten nur über die Maueröffnung. Bei vielen kam auf einmal so eine Angst vor dem Ungewissen. Sie hatten so lange in diesem System gelebt, es war ihr Leben und nun schien alles anders zu werden. Panik. Ich hatte das nicht. Wir waren ja alle Berliner. So sehe ich das heute noch. Je mehr es um die Substanz geht, umso deutlicher wird, dass die unterschiedlichen Gesellschaftsformen nur andere Möglichkeiten geboten haben. Aber der Mensch ist trotzdem nicht anders."

Lesen Sie auf der kommenden Seite, was aus Andrea und Mike geworden ist

Gemeinsam nach Paris: Mike und Andrea im Jahr 2014

Gemeinsam nach Paris: Mike und Andrea im Jahr 2014

Epilog

Andrea und Mike blieben nach der Maueröffnung noch ein Jahr zusammen. Ihre erste gemeinsame große Westreise unternahmen sie im Mai 1990 - nach Paris. Im Herbst konnte Mike seine erste eigene Wohnung beziehen. Er zog um an den Hackeschen Markt, Berlin Mitte, in eine 74 Quadratmeter große Wohnung. An den Mietpreis erinnert er sich nicht mehr genau. Er muss irgendwo zwischen 40 und 70 Mark im Monat gelegen haben.

Auf der Einweihungsparty lernte Andrea ihren neuen Freund kennen: Sascha, einen Westberliner, der ein Jahr lang durch Südamerika gereist war. Als die Interflug dicht machte - die Bundesregierung übernahm die verbliebenen Airbusse in ihre Flugbereitschaft - bekam Andrea eine Abfindung. Sie investierte das Geld in eine ausgedehnte Südamerika-Reise mit Sascha.

Mike blieb bei der Tischlerei, er arbeitet heute festangestellt auf der Museumsinsel. In diesem Jahr wird er zum dritten Mal Vater, die Mutter ist eine gebürtige Westberlinerin. Andrea studierte Landschaftsarchitektur, wandte sich aber nach ihrem Abschluss dem Journalismus zu. Inzwischen ist sie Online-Journalistin bei einem großen Nachrichtensender.

Beide sagen, dass der Mauerfall ein großes Glück für sie gewesen ist. Auch weil sie noch so jung waren - und ihr Leben neu entdecken konnten.