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Künstler: Emotionen und Protest gegen „military action“ in der Popmusik

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Zum Mythos der Menschlichkeit im Zweiten Weltkrieg gehört ein scheinbar harmloser Schlager: Die Waffen schwiegen in der nordafrikanischen Wüste, wenn die Militärsender „Lilli Marleen“ spielten. Ende der 60er Jahre verfremdeten die New Animals von Eric Burdon das Lied des unter der Laterne wartenden Liebchens in eine psychedelische Jam-Session gegen den Vietnamkrieg - ein musikalischer Protest ohne Worte, fortgesetzt von Jimi Hendrix 1969 in Woodstock mit seiner Version von „Star-spangled Banner“.

Lieder gegen den Krieg gab es damals viele: Vor allem den plakativen Protest von Edwin Starrs „War“ und John Lennons Friedenshymne „Give Peace a Chance“. Aber es gab auch Lieder, die textlich gar nicht vom Krieg handelten, aber seit der erlebten Realität des Krieges damit erinnert werden: „We Gotta Get Out Of This Place“ von den Animals etwa, das ebenso zum Soundtrack von Vietnamkriegsfilmen gehört wie „The End“ von den Doors und „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival. Oder der „Coming Home“-Song der Chambers Brothers über den Ausbruch lange aufgestauter Wut: „Time Has Come Today“.

Das Phänomen, dass Lieder eine emotionale Rezeption erfahren können, die mit ihren Texten nicht direkt zu tun hat, erlebt John Oates wieder mit seinem Song „Love In A Dangerous Time“: „Wir erzählen keine Geschichte von Terrorismus, keine Geschichte über AIDS, nichts Konkretes. Aber wir schaffen eine Stimmung, in die Menschen ihre eigenen Gefühle einbringen können“. 1991, als das Lied geschrieben wurde, war das AIDS. Jetzt von Hall and Oates neu eingespielt, verbindet es sich unwillkürlich mit den Bildern von Soldaten, die sich von ihren Familien vor dem Abtransport in die Golfregion verabschieden.

Joan Osborne hat Edwin Starrs „War“ für ihren Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Soul-Tribut „How Sweet It Is“ neu eingespielt. Über die Publikumsreaktionen bei ihrer USA-Tournee berichtete sie: „Es hängt davon ab, wie sich die Menge zusammensetzt: Einige Leute singen Teile des Lieds mit und zeigen so, dass sie dessen Antikriegsstimmung zustimmen. Andere fangen dann an zu diskutieren, sagen ’Nein, wir müssen uns selbst schützen’. Ich denke, das ist eine wirkliche Reflexion der Tatsache, dass das Land (die USA) mit sich selbst sehr darüber im Konflikt ist, was jetzt zu tun ist.“ Sie hat den Text variiert: „War - what is it good for“, fügte sie “...who is it good for“ hinzu. „Ich hoffe, das bringt Leute dazu, darüber nachzudenken, wer von staatlicher Gewalt profitiert“, schrieb sie dazu.

Die besten Lieder der Ära versuchten, Gefühle und Verhältnisse auszudrücken. Es fallen keine Politikernamen. „There is a man somewhere who is closer to the truth“, singt Burdon in seinem aus heutiger Sicht Vietnamkriegs-Album „The Twain Shall Meet“. „He may be in U.S.A., you know that it’s no use.“ Vielleicht ist er aber auch ein Sanitäter in Vietnam, der hilft, Leichen für den Heimtransport zu versiegeln.

Zwtl: „Masters of War“-Inferno bei Grammy-Verleihung 1991

Natürlich hat auch Bob Dylan das Kriegsthema aufgegriffen: „Yes, ’n’ how many seas must a white dove sail/Before she sleeps in the sand?/Yes, ’n’ how many times must the cannon balls fly/Before they’re forever banned?“ hieß es in dem Protestsong schlechthin, „Blowin In The Wind“. „Masters of War“ verfremdete er 1991 bei der Grammy-Verleihung so, dass fast nur „Dylanologen“ ihn identifizieren konnten - es war die Zeit des ersten Golfkriegs der USA. Und beklemmend ist vor allem ein Vers aus „With God On Your Side“ zum C-Waffen-Einsatz, wie die anderen beiden genannten aus dem Jahr 1963: „And you never ask questions/When God’s on your side.“ Die Rolling Stones fügten dem später hinzu: „Every God is a criminal“ („Sympathy For The Devil“).

Satirisch nahm sich Randy Newman des Kriegsthemas an. In „Political Science“ beschrieb er in wenigen Versen eine gewisse Stimmungslage des US-Establishments. In „Lovers Prayer“ wünscht er sich, endlich eine Frau zu treffen, die nicht erst mit ihm über den Krieg diskutieren will... Der Vietnamkrieg hatte wie kein anderes Ereignis die Jugend in aller Welt politisiert.

Der Irak-Krieg scheint ähnliches zu bewirken. Die ersten Lieder zu diesem Krieg können bei http://www.protest-records.com heruntergelade werden. Zusammengestellt wurden sie von Sonic-Youth-Gründer Thurston Moore. Auf der Webseite der Beastie Boys gibt es den Antikriegssong „A World Gone Mad“. Auch R.E.M., Ex-Rage-Against-The-Machine-Sänger Zack de la Rocha und Lenny Kravitz haben Lieder zum Krieg auf verschiedene Webseiten gestellt.

Jack Bruce, ehemals Cream-Sänger und Bassist, sagte an jenem 11. September, nachdem er bei CNN die Flugzeuge ins World Trade Center krachen sah: "Es ist wieder Zeit für griffige Popsongs. Lieder über Barleute und Great Pretenders. Harmlose politische Lieder. ... Nicht offensichtlich, aber in dem Sinne, wie Marvin Gayes Musik politisch ist."