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Nachruf auf Leonard Cohen: "Wenn du deine Hand ausstreckst, wirst du meine bald fühlen"

Im Sommer schrieb Leonard Cohen seiner langjährigen Geliebten, die im Sterben lag. Er habe das Gefühl, ihr bald zu folgen. Er hat Wort gehalten. Nachruf auf einen Menschen, der schon immer den Gesetzen der Zeit enthoben schien.

Von Jochen Siemens

Leonard Cohen

Leonard Cohen im Jahr 2013

Einstein hat mal gesagt, zwei Stunden mit einem schönen Mädchen können einem hinterher wie eine Minute vorkommen; eine Minute auf einer heißen Herdplatte aber wie zwei Stunden. Das sei das Wesen der Relativität. Nicht nur so ähnlich, sondern ganz genauso war oder ist es mit Leonard Cohen. Alles, was mit ihm zu tun hat, schaltet die Zeit ab. Seine Songs als erstes, sie dauern auch nur drei, vier oder fünf Minuten, aber "Famous Blue Raincoat" oder "Bird on a wire" oder welcher auch immer, sie dauern gefühlt einen ganzen Tag. Als man noch sehr jung war, war Leonard Cohen im Hintergrund der genau richtige Rhythmus, Mädchen zu küssen und mit den Händen zu forschen, was vielleicht noch möglich war. Alles schön langsam, auch wenn man ihn heute hört, kommt einem die Welt immer noch wie Dalis schmelzende und zerfließende Uhren vor.

Aber nicht nur seine Lieder, auch Leonard Cohen selbst war eben diese Relativität von Zeit. Berlin vor vielen Jahren, er sitzt da in einem Zimmer, im besten Anzug, den ein Mann tragen kann, alles an ihm aufgeräumt und die Zeit, gar nicht da. Er sagt erst nichts, steht auf, betrachtet eine Kanne mit Tee, sagt immer noch nichts, sondern sieht weiter dem Tee zu. Und dann, Minuten nach der ersten Frage, sagt er etwas. Mit dieser Stimme, die, müsste man sie mit einer Farbe beschreiben, die Farbe sehr dunklen, geölten Eichenholzes gehabt hätte.


Leonard Cohen schrieb nicht einfach so Lieder

Es war damals nicht lange her, dass er aus einem buddhistischen Kloster zurückgekehrt war. Fünf Jahre hatte er dort in den Bergen von Kalifornien gelebt, und zu seinem vorher schon unglaublich guten Aussehen war nun dieser ganz leicht graue Schimmer der Weisheit gekommen. Er berichtete von einem Lied, "Thousand kisses deep", an dem er nun schon so lange gearbeitet hätte. 14 Jahre. Ob er auch an anderen so lange arbeite? Sehr feines buddhistischen Lächeln. Was heißt lange? Er habe erst vier Strophen geschrieben, dann wurden es acht, dann 15 und nun seien es 80 Strophen, tja, und die passen natürlich auf kein Album und eigentlich sei er auch noch nicht zufrieden, aber mit 40 Strophen wolle er noch arbeiten. Er habe noch so viele unveröffentlichte Lieder, die es verdient hätten, gehört zu werden, sagte Cohen.

Leonard Cohen schrieb nicht einfach so Lieder, er schuf sie, er gebar sie, für ihn war jeder einzelne Song eine Art Wesen oder Kunstwerk. Und er selbst ein Alleiner, ein ruhelos Suchender und Liebender in diesem Ozean Leben, der keine Zeit kennt. Man kann heute lange in der Geschichte der Musik suchen, um irgendjemanden zu finden, der dieser Cohen'schen Art ähnlich ist. Und niemanden finden. Und auch keine Stimme wie seine, die wirklich ganz tief am Grund des Lebensozeans die Geschichten von "Bird on a wire" oder "Suzanne" hervorholte. Selbst der Tieftöner Tom Waits klingt neben Cohen wie ein Spatz.

Bewegende Liebesgeschichte mit Marianne Ihlen

Was viele nicht wissen, ist eine Geschichte, die in diesem Herbst die Zeitschrift "New Yorker" von Leonard Cohen erzählte und die seinem Tod ein noch anderes Licht gibt. Es ist sehr, sehr lange her, Leonard Cohen war noch kein Sänger, sondern einer, der Bücher schreiben wollte. Er lebte in London und beschloss eines Tages, nach Griechenland zu fahren. Er wollte in die Sonne und nahm von Athen die Fähre nach Hydra. Eine kleine Insel, weiße Häuser, blaues Meer, keine Autos. Cohen blieb und traf eines Tages in einem Geschäft eine Frau, er stand im Sonnenlicht, sie sah ihn an, "es ging mir durch den ganzen Körper", sagte sie später. Sie hieß Marianne Ihlen, Norwegerin, die auf Hydra mit ihrem damaligen Freund, einem Schriftsteller war. Doch der Schriftsteller interessierte sich für andere Frauen und Marianne nur für diesen Kanadier Leonard. Sie blieben acht Jahre ein Paar, sie fühlten sich in der Liebe ihres Lebens. Als es nach acht Jahren auseinanderging, als ihre Liebe wie "Asche" zerfiel, trennten sie sich und blieben doch zusammen. Im Geiste, und Cohen schrieb ein Lied "So long, Marianne".

In diesem Sommer bekam Leonard Cohen eine Nachricht aus Norwegen. Marianne Ihlen schrieb ihm, sie sei an Krebs erkrankt und wisse nicht, wie lange sie noch da sein werde. Er schrieb ihr zurück, Sätze mit all der Cohen'schen Traurigkeit seiner Lieder aber auch mit dem Reichtum, eines so gelebten Lebens. Er habe das Gefühl, ihr bald, sehr bald zu folgen. "Wenn du deine Hand ausstreckst, wirst du meine bald fühlen." Zwei Tage später kam die Antwort aus Norwegen. Marianne Ihlen war gestorben, aber das letzte, was sie in ihrem Leben gelesen habe, seien seine Zeilen gewesen, schrieb ein Verwandter. "Und sie hob die Hand als du sagtest, sie könne deine bald fühlen." Dann habe sie noch laut gelacht. Man muss sich diese wahre Geschichte nicht durch den Kopf gehen lassen, sie bleibt, weil man sie nie wieder vergessen wird. Sie ist wie alles bei Leonard Cohen: zeitlos.

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