Matisyahu Reggaemusiker mit Bart und Thora


Von ihm spricht derzeit ganz New York. Mit seinem Hasidic Sound, einer Abart des Reggae, ist Matisyahu der unkonventionellste Musiker der Stadt. Statt Rastalocken trägt er einen langen Bart und einen schwarzen Hut.
Von Matthias Röckl

Eine der neuesten Musikgattungen ist Hasidic Reggae. So neu, dass es eigentlich im Moment nur einen Menschen gibt, der sie macht. Dieser eine Mensch wohnt in Brooklyns Viertel Crown Heights, in New York, ist 26 und hört auf den Künstlernamen Matisyahu. Mit seiner Reggaeband durfte er kürzlich in der berühmten Jay-Leno-Talkshow auftreten. Gerade ist in Amerika sein erstes offizielles Album "Youth" erschienen.

Den Plattenvertrag bei einer großen Firma hat sich Matisyahu hart erarbeitet indem er auf seinen jahrelangen Touren die Herzen vieler junger Amerikaner eroberte. Sein erstes Album "Live at Stubbs" verkaufte sich über 200.000 Mal und brachte ihn auf Platz 7 der iTunes-Album-Charts.

Der Reggaemusiker ist streng gläubiger Jude

Matisyahu ist ein Phänomen. Der beliebteste Reggaemusiker Amerikas ist momentan oft auf MTV zu sehen. Doch sein Lebensstil ist vom wirklichen Leben der Spaßgeneration weit entfernt. Denn noch wichtiger als seine Musik ist sein jüdischer Glaube, das Chassidentum, auf Englisch "Hasidic".

Die Chassiden sind eine der Mystik sehr zugetane Gruppe innerhalb des orthodoxen Judentums. Sie werden deshalb oft als ultra-orthodox bezeichnet, was sie selbst nicht gern hören. Für unsere Begriffe leben sie ihren Glauben nach wahnsinnig strengen Regeln.

Für den 26-jährigen Matthew Miller alias Matisyahu haben der Judaismus und die Rastakultur Jamaikas einiges gemeinsam. "Rastafarismus basiert auf Spiritualität und dem Glauben an Gott. Im Judaismus ist das ähnlich. Auch negative und schlechte Dinge - alles kommt von Gott."

Bob Marley bekehrte ihn zu Reggae

Bevor Matisyahu zu dieser Erkenntnis kam, war er jahrelang auf einem Selbstfindungstrip. Seine jüdischen Eltern entschieden sich für ein "ungläubiges" Leben und waren Hippies. Mit 17 Jahren schmiss er die Schule, trampte mit seinem Rucksack quer durch Amerika und schlug sein Zelt bei Hippie-Festivals auf. In seinem Reisegepäck befanden sich immer Songs von Bob Marley. Darin fand Matisyahu Elemente aus dem Alten Testament - Geschichten, von denen er schon im Religionsunterricht in der High School hörte. Damals hatte er die Thora als Nonsens abgestempelt - von Lehrmeister Bob Marley überbracht, fand Matisyahu seine Kultur zum ersten Mal attraktiv. Er fing an, selbst Reggae zu spielen.

Doch die Spiritualität des Reggae reichte ihm nicht aus, um eine Verbindung zu Gott zu finden. "Ich brauchte etwas Konstantes, das einfach immer und jeden Tag da ist. Einen Lebensstil, der es mir ermöglicht, Kontakt zu Gott zu haben. Reggaemusik erreicht einen nur, so lange man sie hört. Wenn man sie ausschaltet, ist sie weg. Nur wer sich ganz und gar für etwas hingibt, bekommt eine wirkliche innere Verbindung zu Gott."

Als Student durfte er nicht Gitarre spielen

Mit 20 Jahren zog Matisyahu in eine jüdische Kommune nach Brooklyn. In der Meshiva lernte er die Grundlagen des Chassidentum. Zwei Jahre studierte er zwölf Stunden pro Tag die Grundlagen der Thora. Und lernte erstmals die Beschränkungen, die seine Religion mit sich bringt, kennen. Als jüdischer "Student" durfte er weder Reggae hören, noch einen Akkord auf seiner Gitarre spielen.

"Es gibt zwar keine richtige Regel im Judaismus, die besagt: Du darfst keine Musik hören. Aber man glaubt, dass Musik eine große Macht hat, die sich auf deine Seele auswirken kann. Deshalb musst Du vorsichtig sein mit dem was Du Dir anhörst. Auch wenn es toll klingt, die Quelle ist womöglich nicht so positiv. Deswegen darst du das nicht in dich eindringen lassen, es könnte deine Seele beeinflussen."

Er heiratete, um Musik machen zu dürfen

Matisyahus Wandel ist beeindruckend und selten. Zuvor war er noch ein Rebell, ein Schulabrecher und freiheitsliebender Reggaemusiker. In seiner Kommune wurde er zum streng religiösen Juden.

Als Kontrollinstanz fungierte sein Rabbi. Doch ganz loslassen von seinem alten Leben konnte Matisyahu nicht. Eines Tages sang er auf einer religiösen Feier einen seiner Reggae-Songs. Daraufhin bekam er vom Rabi den Segen, weiterhin Reggaemusik zu machen. Mit einer Bedingung: er sollte heiraten. Das macht für Matisyahu den Spagat zwischen gläubigem Judendasein und Frontman einer Reggaeband nicht einfacher. "Bei einem meiner Auftritte war ich so begeistert, dass ich wie ein Stagediver in die Menge gesprungen bin. Danach meinte meine Frau, dass ich das nicht machen könnte. Schließlich seien fremde Frauen im Publikum."

Verpflichtungen machen ihn frei

Matisyahu grinst, wenn er an diese Situation denkt. Der Sprung ins Publikum ist auch im Videoclip auf seiner Live-CD zu sehen. Mit einer etwas ernsteren Miene fügt er hinzu: "Das war das letzte Mal. Denn es gibt ein Gesetz, nach dem sich Mann und Frau nicht berühren dürfen, ausgenommen sind natürlich Ehefrau, Mutter und Tochter. Mein Rabbi hat mir nach dem Gig gesagt, dass ich das in Zukunft unterlassen soll." Mit seinem Glauben hat sich Matisyahu zu vielem verpflichtet. Für den 26-Jährigen hat das durchaus etwas Befreiendes. "Wir leben in einer Welt voller Beschränkungen. Von Natur sind wir unfrei. Doch wenn man einen Lebensstil verinnerlicht, der sich unterscheidet, kann man bewusst nach bestimmten Regeln leben, das macht mich frei."

Seine Markenzeichen: Hut, Bart und Mantel

Zu seinem Lebensstil gehört auch eine bestimmte Kleidung, die ihm unbeabsichtigt Popularität verschafft: Matisyahus Werbeplakate zu seinem Live-Album waren richtige "Hingucker" auf den Straßen New Yorks. Konservativ in Schwarz gekleidet, mit Hut, langem Bart und Mantel, zwar ohne jamaikanische Strickmütze, aber mit eingedrehten Zöpfchen, die von der Schläfe baumeln.

Wäre Matisyahu noch optisch der gleiche Dreadlock-Hippie wie in seinen Teenagerzeiten, würde er wohl nicht bei Talkshows wie die von Jay Leno zu Gast sein. Egal, auf welcher Couch er Platz nimmt, die Einstiegsfrage ist immer gleich: "Soll das ein Witz sein, oder ist das Ernst gemeint?" Matisyahu empfindet diese Frage durchaus berechtigt: "Das macht Sinn, denn hätte mir früher jemand erzählt, es gibt da einen jüdischen Reggaemusiker, hätte ich auch gedacht, wie kann man diese beiden Dinge verbinden? Das ist ja, als würde sich eine Katze als Hund verkleiden. Doch es hat was, mit diesem Überaschungseffekt erreichst du die Leute."

Aktuelles Album: Matisyahu - "Live at stubbs" (J Dub Records)
Homepage: www.jdubrecords.org (Videos)


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