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Musical-Desaster "Spiderman": Verheddert im Spinnennetz

In New York sorgt das "Spiderman"-Musical für Furore, weil es eine einzige Katastrophe ist - mit Unfällen, langweiligen Songs, miesem Drehbuch. Die Premiere wurde schon sechsmal verschoben - und dennoch strömen die Zuschauer schon jetzt ins Theater.

Von Lea Zoege von Manteuffel, New York

Spiderman, dieser Superheld, braucht ganz schnell selbst einen Retter. Er ist in großer Gefahr. Am Broadway, auf diesem für ihn so unbekannten Terrain, droht der Comic-Figur der Totalabsturz. Das Musical um den sensiblen Spinnenmann ist nach mittlerweile mehr als 100 Voraufführungen immer noch so chaotisch wie der Straßenverkehr abends am Times Square. Der Premieren-Termin wird immer wieder verschoben, gerade zum sechsten Mal. Mit Produktionskosten von etwa 65 Millionen Dollar ist es das teuerste Musical in der Geschichte des Broadways.

Als das Projekt "Spider-Man: Turn Off The Dark" geplant wurde, deutete alles auf einen sicheren Erfolg hin. Julie Taymor sollte Regie führen und das Stück produzieren, sie hatte auch schon das Musical "König der Löwen" zum Hit gemacht. Sänger Bono und Gitarrist The Edge von U2 sollten die Musik schreiben. Sie alle glaubten an einen Selbstläufer. Die beiden U2-Stars ließen sich kaum bei den Proben blicken, sie tourten lieber mit ihrer Band durch die Welt.

Doch die als brillant geltende Julie Taymor bekam das Stück nicht in den Griff. Sie verhedderte sich im Spinnenetz der Produktion - und ließ sich auch nicht helfen. Änderungsvorschläge blockte sie immer sofort ab. Selbst dann noch, als es viele Unfälle gab. Spiderman persönlich stürzte bei einer Probe-Aufführung aus neun Metern Höhe vor den entsetzen Zuschauern in den Orchestergraben, weil er nicht richtig am Seil gesichert war. Der Darsteller brach sich dabei mehrere Rippen. Ein anderer Schauspieler wurde von einem losgelösten Drahtseil am Kopf verletzt und verlor das Bewusstsein. Viele Akteure wollen so schnell wie möglich von ihren Engagements entbunden werden.

Die Technik ist nicht das einzige Problem

Die amerikanische Presse schrieb vernichtende Kritiken. Bono sah sich gezwungen, einzugreifen. Sein Geld und sein Ruf stehen auf dem Spiel. Eine seiner ersten Maßnahmen: Er sprach sich gegen Regisseurin Taymor aus und sorgte so für ihre Entlassung. Einige Medien feiern Bono deshalb schon als den Retter von "Spiderman". Doch es hakt nicht nur an der Bühnentechnik. Wer sich in diesen Tagen die neue Show anschaut, dem wird schnell klar, dass es auch Bonos Liedern an Klasse und Fantasie fehlt.

Die Zuschauer lassen sich von all dem allerdings nicht abschrecken, obwohl sie für die Voraufführungen den vollen Preis bezahlen müssen. Auch die Vorstellung im schönen Foxwoods-Theater ist an diesem sonnigen New Yorker Nachmittag mal wieder fast komplett ausverkauft. Nervenkitzel. Schadenfreude. Sensationslust. Vielleicht ist es ja gerade das, was das Publikum zu diesem Stück lockt.

Gleich zu Beginn ist die Musik nervtötend. Gitarren-Rock, der aggressiv daher kommt, aber nicht berührt, nicht mitreißt. Und die Songs passen nicht zur Geschichte. Man hat das Gefühl, dass auch für Bono und The Edge das Drehbuch keine große Inspiration war. Es fehlt ein Ohrwurm, den jedes gute Musical braucht. Ein bestimmtes Stück, das sich im Gedächtnis der Zuschauer einnistet. Bei "Mary Poppins" ist es das Lied "Superkalifragilistischexpiallegetisch", bei "König der Löwen" spukt einem der mitreißende Gesang des Affen-Schamanen Rafiki auch Tage nach der Vorstellung noch im Kopf herum.

Die Lieder sind also lahm. Ob die Texte absichtlich oder unfreiwillig komisch sind, wer weiß das schon? Die Choreografie wiederum ist ein wildes Durcheinander - und das ist bestimmt nicht so gewollt. Manchmal ertappt man sich bei dem Gedanken: Wollen die uns hier eigentlich veräppeln?

Gefangen zwischen Langeweile und Spektakel

Comics sind seit Jahren wichtige Stofflieferanten für Hollywood. Die drei "Spiderman"-Filme wurden riesige Kassenerfolge. Statt sich einer dieser Vorlagen zu bedienen, setzten sie am Broadway auf ein eigenes Drehbuch, in dem drei Jungs und ein Mädchen den "Spiderman"-Comic schreiben. Sie entwerfen Szenen, wie aus dem Außenseiter Peter Parker der Superheld Spiderman wird. Jede Idee, die die vier haben, wird anschließend gleich auf der Bühne gezeigt. Das hört sich nach Stückwerk an - und das ist es auch. Langweilig, ohne jegliche Spannung. Die Zuschauer würden wohl einschlafen, wären da nicht die spektakulären Stunts und die vielen Lichteffekte. Wenn Spiderman durch den Saal fliegt, auf der Balustrade des ersten Ranges landet, in der Luft mit dem Grünen Goblin, seinem Erzfeind, kämpft, oder wenn das Chrysler Building auf einmal durchs Theater schwebt - dann ist das Publikum endlich begeistert.

Das Musical wird bald für drei Wochen abgesetzt und überarbeitet. Der neue Premieretermin ist nun für Mitte Juni angesetzt. Doch ob "Spiderman: Turn Off The Dark" noch ein großer Wurf wird darf man bezweifeln. "Spiderman", schreibt die "New York Times", "ist rettungslos kaputt". Denn ein komplett neues Drehbuch und neue Lieder sind in dieser kurzen Zeit nicht möglich. Und um tolle Akrobatik zu sehen, reicht eigentlich auch ein Besuch beim Cirque du Soleil.