HOME

Musikmagazin "Sounds": Auferstanden und gezähmt

Seit dieser Woche liegt "Sounds" am Kiosk, eine Neuauflage des legendären Musikmagazins der 60er Jahre. Mit dem Original, das damals den deutschen Musikmarkt prägte, will das neue Heft aber nicht mehr viel zu tun haben und bedient sich stattdessen aus dem Archiv des berühmten "Rolling Stone".

Von Carolin Neumann

Es war eins der wichtigsten Musikmagazine der 60er und 70er. Jetzt belebt der Axel-Springer-Verlag die legendäre Zeitschrift "Sounds" wieder, die 1983 mit dem "Musikexpress" zu "Musikexpress/Sounds" verschmolzen und schließlich aus dem Titel gestrichen worden war. Ab sofort soll "Sounds" als monothematisches Heft vierteljährlich erscheinen. In der ersten Ausgabe der Neuauflage geht es im weitesten Sinne um Black Music. Unter dem Motto "Paint it black! Wie die schwarze Musik den weißen Pop prägte" versucht "Sounds" zu ergründen, welche Bedeutung Blues, Jazz und Rhythm'n'Blues in der Musikgeschichte haben und spricht mit Künstlern über den Einfluss von Legenden wie Ray Charles und die Evolution der schwarzen Musik.

Revival als Wissensmagazin

In den 60ern war der Zugang zu Musik noch nicht so leicht wie er es heute dank des Internets und MP3 ist. Damals gab es kein Musikfernsehen und der Musikmarkt war spannender als er es heute ist: Mit den changierenden revolutionären musikalischen Strömungen wechselte auch "Sounds" seinen Schwerpunkt. Die Stellung, die das Magazin früher in Deutschland hatte, kann es jedoch heute nicht mehr einnehmen. Springer hat sich deshalb für die Neuauflage, die schon seit einigen Jahren in Planung ist, nicht allzu nah am Original orientiert.

Nun habe man ein Konzept gefunden, "dass den intellektuellen und intelligenten Musikjournalismus des 60er-Jahre-Magazins für 2008 übersetzbar macht", sagt Petra Kalb, Verlagsleiterin Lifestyle bei Springer, wo auch die Titel "Musikexpress", "Metal Hammer" sowie die deutsche Ausgabe des US-Kult-Magazins "Rolling Stone" verantwortet werden. Das neue Konzept, das von dem jetzigen Redaktionsleiter Ernst Hofacker stammt, gestaltet "Sounds" als Wissensmagazin unter den Musikmagazinen. Soll heißen: Nicht die Aktualität zählt wie in anderen Musikmagazinen und es sollen auch keine Trends gesetzt werden. "Sounds" will ein umfassendes Bild einer musikalischen Strömung oder eines Phänomens geben; In diesem Fall eben ein Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte altes Phänomen wie die schwarze Musik - Blues, Jazz, Funk, Soul -, auf das alle heutige Musik zurückgeht.

Die sagrotansaubere Whitney

Was hat Moderator Götz Alsmann mit Soullegende Johnny Otis zu tun? Wie wurde Rapper Smudo vom schwarzen Hip-Hop beeinflusst? Wieso ist der Soul von Amy Winehouse so authentisch und wie schwarz ist die Musik von Michael Jackson, wenn schon er selbst es nicht mehr ist? Die neue "Sounds" will auf diese und andere Fragen die Antwort geben.

Vieles in der Erstausgabe hat man so oder so ähnlich schon einmal gelesen, wenn nicht sogar im Musikunterricht zu Schulzeiten gelernt. "Sounds" predigt jedoch nicht bloß die Genialität schwarzer Musikerlegenden wie Ray Charles oder Al Green, sondern schlägt den Bogen zur heutigen Zeit und fragt diejenigen, die von ihnen beeinflusst wurden. So spricht "Sounds" zum Beispiel mit Smudo von den "Fantastischen Vier", der sagt: "'Schwarz' beschreibt für mich einen Sound, nicht eine Hautfarbe. Im Prinzip können auch grüne Marsmenschen schwarze Musik machen."

Im "History"-Teil folgt eine Geschichtsstunde über Rassentrennung, Sklaverei und den Städtewandel in den USA, die weitestgehend so ausfällt, wie man es von einem monothematischen Heft erwartet oder befürchtet. "Sounds" erläutert, wie sich schwarze und weiße Musik einander näherten, bis schließlich die Black Music mit Michael Jackson und Whitney Houston ("sagrotansauberen Popikone aus der Disney-Werkstatt") oder spätestens Gangster-Rappern wie 50 Cent massentauglich wurden.

Auf der Erfolgswelle des "Rolling Stone"

Die Vergangenheit ist jedoch nicht alles. Neben den historisch bedeutenden Künstlern - es wird zum Beispiel ein Original-Interview mit Ray Charles aus den 70ern abgedruckt - kommen auch jüngere Musiker zu Wort, die "Sounds" erinnerungswürdig findet. Der US-Musiker Anthony Hamilton etwa, der nichts davon hält, wie Hip-Hop und R&B das Gangster-Klischee für den kommerziellen Erfolg nutzen, oder Chuck D: Der Rapper von "Public Enemy" hält Elvis Presley für einen Rassisten - "Fuck Elvis", sagt er.

Das Interview mit Ray Charles aus dem Jahr 1973, in dem er viel über schwarze Musik spricht, ist einer von mehreren Texten aus dem Archiv des amerikanischen "Rolling Stone" - ein Bonbon für den Leser, das "Sounds" dank einer Kooperation mit dem berühmten Magazin anbieten kann. Korrekterweise heißt es auch: "Sounds by Rolling Stone - Edition zur populären Musik". Die Kooperation hat den Vorteil, dass "Sounds" vom Namen des "Rolling Stone" profitieren kann - wenngleich damit auch ähnlich hohe Erwartungen verbunden werden wie mit der früher so starken Marke "Sounds".

Das große Dilemma des Magazins ist die Zielgruppe: An wen wendet sich "Sounds"? Für den belesenen Musikkenner wird wohl wenig Neues geboten, er profitiert höchstens vom Buch-Charakter, den die neue "Sounds" laut Petra Kalb haben soll. Lesen, anschauen und archivieren soll er die Hefte. Der neugierige Musikfreund, der mehr über die Geschichte der Musik und ihre wichtigen Akteure erfahren will, wird von den "Sounds"-Autoren jedoch so mit Künstlernamen und Fachausdrücken bombardiert, dass es teilweise schwer fällt, zu verstehen, worum es geht. Ein Wissensmagazin zu sein, bedeutet doch eben auch, die Unwissenden mit einzubeziehen und das gelingt "Sounds" nicht immer.

In der nächsten Ausgabe wird "Sounds" rebellieren

"Sounds" schafft es mit seiner ersten Ausgabe, dem Leser einen soliden Überblick über schwarze und weiße Musik zu vermitteln und darüber, wie beide voneinander zehren. Das Premieren-Thema ist geschickt gewählt, nicht nur, weil Black Music im Musikzeitschriften-Markt eine kaum besetzte Nische darstellt. Außerdem kennt die Zielgruppe der Mitte-Zwanzig-Jährigen die Zeit, in der die schwarze Musik ihre Wurzeln hat, höchstens aus Erzählungen und konnte auch den Siegeszug schwarzer Musiker wie Tina Turner nicht vollständig miterleben.

Im zweiten Heft, das Mitte Oktober erscheint, dürfte es ähnlich werden. Dann dreht sich in "Sounds" alles um "Rebellen", Künstler seit den 50ern, die das Geschäft und die Hörgewohnheiten der Menschen verändert haben. Und ebenso wie eine Amy Winehouse ins Heft über Black Music gehört, darf man dann mit einigen Zeilen über Skandalrocker Pete Doherty rechnen.