Automuseum Vötter Auferstanden aus Hühnermist


Helmut Vötters Herz gehört den Klein- und Kleinstwagen, die er auch schon mal aus einem Misthaufen befreit. Aber wer will, kann auch die verdorbensten Ledersitze der Fünfziger beschnuppern.
Von Gernot Kramper

Wer sich dem Sporthotel Kristall in Kaprun nähert, stößt schnell auf die Leidenschaft des Besitzers: Oldtimer auf dem Parkplatz und eine originale BMW Isetta in der Lobby. Unter dem modernen Vier-Sterne-Hotel erstreckt sich eine ungeheuere Auto-Gruft. In diesem Gewölbe residiert die Sammlung "Vötters" - die Nummer Eins im Bereich der Kleinfahrzeuge der Fünfziger Jahre.

Helmut Vötter hat hier alles versammelt, was in der Zeit zwischen Weltkrieg und Siebziger Jahren die Straßen von Deutschland und Österreich bevölkerte. Showroom möchte man die moderne Katakombe nicht nennen. Bei Vötter zählt das Ausstellungsstück allein, die Präsentation muss hinter der Präsenz zurücktreten. Das Museum ist bis auf den letzten Winkel mit automobilen Preziosen voll gestellt. Anstellen von akzentuierenden Halogenspots spenden Neonröhren original Werkshallenatmosphäre.

Die ausgestellten Stücke haben es sich dafür in sich. Viele Schmuckstücke lassen das Herz des Kenners schlagen, der Laie kann sich an bekannten Schönheiten wie einem Porsche 356, oder einem Jaguar E-Type satt sehen. In dem Betonlabyrinth steht Adenauers Staatskarosse fast beiläufig neben dem Mercedes 190 SL von Rosemarie Nitribitt.

Die Leidenschaft des Sammlers gehört den kleinen Wagen. Helmut Vötter meint: "Am meisten werden nicht die großen Schlitten beachtet, sondern sind die ganz kleinen. Wenn man sie überhaupt bekommt. Ein Messerschmitt etwa, der ist nicht leicht zu bekommen. Das sind Raritäten, und darauf habe ich mich spezialisiert. Dem Laien gefällt ein blitzendes Fahrzeug natürlich besser, als eines mit mattem Originallack."

Der Herr über die unschätzbare Sammlung von über 200 Exemplaren hat ganz klein angefangen, genau genommen hat ihn die Not zum Basteln und dann zum Sammeln getrieben. Als Kind einer bitterarmen Familie, musste er sich sein Fahrrad aus Teilen beim Schrotthändler zusammenbasteln. Auf gleichen Weg kam er zu seinem ersten Moped. Das wurde aber schon frisiert und aufwändig lackiert. Nicht nur zum Spaß, Vötters verkaufte seine gepimpten Modelle. "Beim ersten Motor, den ich zerlegt habe, sind eine Menge Schrauben übriggeblieben, der Motor lief trotzdem", erinnert sich der Sammler. "Der Motor hatte a bissel mehr Kraft, das Moped eine besondere Lackierung. Damit war man schon "in" damals."

Die Unfallwagen am Großglockner führten dann zur eigenen Werkstatt. "Da sind immer Wagen verunglückt, auch VW Käfer. Die Leut sind falsch gefahren, haben immer auf der Bremse gestanden, dann ist die zu heiß geworden und der Schaden war da." Der Autonarr kaufte die Wracks auf, um sie im eigenen Stil wieder aufzubauen. Aus zwei Wracks wurde ein neuer gemacht. "Aber schön gemacht, tiefer gelegt, die Spur breiter, ein anderer Sound - das war damals unglaublich - fast wie ein kleiner Porsche." Alle hätten ihn angestarrt, denn der Vötterkäfer sei nicht 110 gegangen, er lief 140. Hinten hochgestellt. "Mit dem Autofrisieren habe ich mein erstes Geld beiseite gebracht."

Im Hauptberuf wurde Vötter Bankier, die Oldtimerei lief nebenbei. Eine kleine Werkstatt war eingerichtet, als im Ort ein Mechaniker in Pension ging, der unbedingt wieder schrauben wollte. "Der Mechaniker, der "Ossi" ist mir dann geblieben, der hatte eine - sagen wir mal - strengere Frau zu Haus, also hat er jede Minute in der Werkstatt verbracht." Das erste Auto für die Sammlung war eine Isetta. Das sei sein Traum gewesen, eine BMW Isetta zu finden, sagt Vötters. Dennoch wäre der ersehnte Fund fast das Ende der Sammlung geworden.

"Da hatte jemand die Isetta, trocken, komplett im Stall. Das war natürlich der erste Reinfaller. Das war eine Hühnerfarm, mitten drin ein Misthaufen in Form einer Isetta. Innen lag stiefelhoch der Hühnermist. Du hast keine Scheibe gesehen, nichts." Aber der Motor lief, das war die Hauptsache.

Heute inszeniert der Sammler seine Führungen als Reise in eine andere Zeit, für viele Besucher eine Reise in die eigene Vergangenheit. Denn bevor es zu den Autos geht, schaut man in die Scheiben einer Fünfziger-Jahre-Wohnung mit Tulpenlampen, riesigem Röhrenradio und klitzekleinem Bad. "Da bekommt man wieder den Blick für die Verhältnisse damals." Dann schließen die Besucher die Augen und der Besitzer erzählt aus der Zeit. Dazu spielt die Musik ein Lied, das damals jeder gekannt hat. Rocco Granata: "Bei Tag und Nacht denk ich an dich, Marina!" Vötters schmunzelt über seine automobilen Rückführungserlebnisse.

Der größte Stolz des Sammlers ist ein Messerschmitt Kabinenroller mit persönlicher Widmung von Fritz Fend, dem legendären Konstrukteur. "Hat mit Willy Messerschmitt und Werner von Braun gearbeitet. Ein Genie. Ist arm gestorben. Das war ein Konstrukteur, kein Kaufmann. Nachdem man seine Erfindung, den Neigezug abgelehnt hat, sind ihm die Kredite gekündigt worden, das war es dann. Da ist er dann im Jahr 2000 gestorben", sagt Vötter.

Für die Finanzkrise hat der Bankier einen unkonventionellen Rat für seine Besucher: "Wer eine todsichere Wertanlage will, der soll sich einen Messerschmitt kaufen, wenn er ihn bekommt. Der wird niemals weniger wert."


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