WEBREPORTER Auferstanden aus Ruinen - diesmal virtuell


Hammer und Sichel, der Minol-Pirol und ein lächelnder Erich Honecker. Die DDR feiert im Internet ihre virtuelle Auferstehung.

Hammer und Sichel, der Minol-Pirol und ein lächelnder Erich Honecker. Während die Öffentlichkeit weiter über die Veröffentlichung der Stasi-Unterlagen streitet, feiert die DDR im Internet ihre virtuelle Auferstehung. Ostdeutsche schwelgen in Erinnerungen an das Leben vor dem Mauerfall, als Hähnchen noch Broiler und Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß. Auf mehr als hundert Internetseiten können auch Westdeutsche den Duft der DDR nachempfinden: »Siehst du ein Ding mit Streifen, denk an Patina-Seifen.«

Geschichte mit Spaß

»Das ist geschichtliche Aufarbeitung mit Spaßfaktor«, sagt Zonentalk-Gründer, Felix Mühlberg. Die vor vier Jahren freigeschaltete Seite mit mehr als 7000 Beiträgen ist mittlerweile zum zeitgeschichtlichen Archiv geworden. Die Online-Gemeinde tauscht sich lebhaft über Pittiplatsch, Dederon-Beutel und den Männertag aus. Nach Angaben des promovierten Historikers Mühlberg erfreut sich Zonentalk bei täglich bis zu 300 Zugriffen großer Beliebtheit. »Richtig heiß her geht es am 17. Juni, dem Tag des Volksaufstandes in der ehemaligen DDR, oder am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit.«

Dann werden Erinnerungen an den Fahnenappell wieder wach, als »wir immer von oben herab behandelt und nur beim Familiennamen angesprochen« wurden, »was echt ätzend war«. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall ist Zonentalk-Nutzerin Gisa noch der erste Westgeruch im Gedächtnis. »Überall hingen in der Luft diese Parfümwolken, mir war ewig schlecht und ich hatte Kopfschmerzen von den verschiedenen Duftnoten.«

Blühende Fantasie statt blühender Landschaften

Während die versprochenen blühenden Landschaften ausblieben, blüht die Fantasie von »Neufünfländern« und »Westlern« gleichermaßen. Zwei bis drei Stunden pro Woche investiert Politikstudent Felix Siebert in seine Internetseite. Schon beim ersten Zugriff wird der Benutzer darauf hingewiesen, dass die Seite vom ersten bis zum letzten Wort vor Satire strotzt. »Trotzdem gibt es viele Leute, die uns tatkräftige Unterstützung beim Wiederaufbau der Mauer anbieten«, sagt Siebert.

Westdeutsche, die sich auf DDR-Seiten tummeln, werden unter begruessungsgeld.de mit einem Wissenstest entlarvt. Wird nach der Fernsehzeitschrift der DDR (FF dabei) oder der großen Liebe von Herrn Fuchs (Frau Elster) aus der allabendlichen Kindersendung gefragt, kommen Westdeutsche schnell in Verlegenheit.

Der DDR-Witz als Volkskultur

Im wiedervereinigten Deutschland sind DDR-Witze zum Minderheits-Humor geworden. »Schade eigentlich, hat doch ein guter DDR-Witz immer für gute Laune gesorgt. DDR-Witze waren eine schöne Volkskultur, die wie ein Ventil zum Frustabbau sorgten«, meint Ingolf Franke über den Sinn und Zweck des Humorforums.

Kostprobe gefällig? »Sagt ein Volkspolizist bei einer Ausweiskontrolle zu einem Ost-Hippie in Berlin: «Bürger, würden sie sich bitte ausweisen.» Daraufhin der Hippie verblüfft: «Kann man das jetzt schon selbst tun?»« Auf pointierte Weise erinnert die humoristische Fundgrube an das Regime unter Erich Honecker, dessen Lieblingssportart Bobfahren gewesen sein soll. Wieso? »Links 'ne Mauer, rechts 'ne Mauer.«

Traktorist und Eisenschwein

Bei Wörtern und Redewendungen existiert die kulturelle Mauer weiter. Ostdeutsche kaufen weiter in der Kaufhalle statt im Supermarkt und der Teppichboden heißt in den neuen Ländern noch heute Auslegeware. Die Bedeutung der Ostbegriffe wie Traktorist und Eisenschwein (Kosename für Motorradtyp) werden sich für viele wahrscheinlich nie erschließen.

Die Renaissance der DDR findet aber nicht nur im Internet statt: Das nach eigenen Angaben gesunde Waffelbrot Filinchen erlebt derzeit - auch in westdeutschen Supermärkten - sein Comeback. Die 46 Karten des Quartettspiels »Kost the ost« dokumentieren nach eigenen Angaben jenes Stück Gaumengeschichte, das die Ostdeutschen ins Gesamtdeutschland eingebracht haben: Bautzener Senf, Lausitzer Apfelmus oder Sassnitzer Rollmops. »Der Etikettenschwindel lauert schließlich überall, wo man geht und kauft«, sagt Fabian Tweder vom Verein zur Dokumentation der DDR-Alltagskultur. Viele Produkte aus der sozialistischen Zeit sind seiner Ansicht nach noch heute in Gebrauch - andere längst verschwunden und unter Sammlern heiß begehrt.

Von Tobias D. Höhn, dpa


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