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Kommentar

Echo-Verleihung: Mit Mut gegen Antisemitismus: Darum sollte Campino das Verdienstkreuz bekommen

Es war eine kurze Rede mit gewaltigem Nachhall: Mit seiner Intervention bei der Echo-Verleihung zeigte Campino Flagge gegen Antisemitismus - und entlarvte die Geldgier der Musikindustrie. Das sollte mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt werden.

Campino bei der Echo-Verleihung

Campino war bei der Echo-Verleihung der Einzige, der Courage bewies und sich gegen die Preisverleihung für Kollegah und Farid Bang aussprach.

AFP

Der Abend hätte so schön werden können: Wie jedes Jahr hätten sich bei der Echo-Verleihung 2018 die Künstler auch diesmal gegenseitig Preise in die Hand gedrückt, hätten einander mit warmen Worten gepriesen und sich alle zusammen beklatscht. Doch einer wollte an diesem Abend nicht mitmachen: Der Tote-Hosen-Sänger Campino konnte und wollte nicht zu dem traurigen Schauspiel schweigen, das die deutsche Unterhaltungsbranche an diesem Abend abgab.

Da waren mit Kollegah und Farid Bang zwei Rapper für den wichtigsten Musikpreis des Landes nominiert, die in ihren Texten alle gesellschaftlichen Werte mit Füßen treten, deren Tracks geschmacklose Zeilen enthalten wie "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen". Und die sich mit offen antisemitischen Machwerken hervorgetan haben (Kollegah: "Apokalypse").

Bundesverdienstkreuz für Campino? In diesem Video sehen Sie, wie kontrovers dieser Vorschlag auf Twitter diskutiert wird.  

Campino als Träger des Bundesverdienstkreuzes?

Alle feiern, nur Campino stört

Während alle versammelten Künstler an diesem Abend gute Miene zum bösen Spiel gemacht und die Skandalrapper beklatscht haben, die später sogar den Echo gewannen, stand Campino für seine Überzeugungen ein und spuckte kräftig in die Harmoniesuppe. Er verwehrte sich klar gegen Provokationen, "die eine frauenfeindliche, homophobe, rechtsextreme oder antisemitische Form" annehmen. Während der sogenannte Ethik-Rat kein Problem mit dem Schaffen von Kollegah und Farid Bang hatte und der Musikindustrie alles egal ist, solange die Kasse klingelt, war für den Punk-Musiker mit deren Echo-Nominierung der Gangster-Rapper eine Grenze überschritten.

Campino hätte es sich leicht machen können. Er hätte der Veranstaltung fernbleiben oder einfach die Klappe halten können, wie das alle anderen an diesem Abend der Schande getan haben. Doch er gab den Spielverderber - und setzte sich damit Spott und Kritik aus.

Dank seiner Rede ist der Echo am Ende

Sein Mut wurde letztlich belohnt. Ohne die Intervention wäre die Selbstbeweihräucherungs-Gala geräuschlos über die Bühne gegangen, würde es auch weiterhin Preise geben, die rein an Verkäufe gekoppelt sind - ganz gleich, welche Inhalte die Musik transportiert oder ob sie Grundwerte mit Füßen tritt. Doch damit ist Schluss: Ein einziger couragierter Auftritt hat den seit 26 Jahren verliehenen Echo mit einem Schlag das Ende bereitet. Und die Plattenfirma BMG dazu gebracht, sich von ihren zweifelhaften Künstlern zu trennen. Dank Campino wird plötzlich nicht mehr nur über Verkäufe, sondern auch Inhalte diskutiert. Über den Antisemitismus in der Deutsch-Rap-Szene und in der Gesellschaft.

Die Forderung von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, verdient deshalb Unterstützung: Campino sollte mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden. Sein Eintreten gegen Antisemitismus war ein Musterbeispiel für Zivilcourage - in Zeiten, wo sich Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlen können. Das verdient jede mögliche Unterstützung.