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Nymphenpop: Mit Zungenküssen in die Charts

Das russische Phänomen t.A.T.u. könnte man auf einen einfachen Nenner bringen: knutschende Lolitas provozieren mit Lesben-Pop und stürmen so die Hitparaden.

Julia (17) und Lena (18) aus Moskau knutschen sich in die Charts: Die Single "All The Things She Said" ihrer Band t.A.T.u. schoss in zahlreichen europäischen Hitparaden auf Platz eins. Nicht ganz unschuldig daran dürfte das provokante Image des Duos sein: Die Mädchen werden als Liebespaar dargestellt - und es bleibt nicht bei Andeutungen. Die Bühnenshow der Teenager besteht hauptsächlich darin, Sex-Stellungen nachzuahmen und sich ausgiebig Zungenküsse zu geben.

Huch: Ein Slip blitzt auf

Auch im Video zu "All The Things She Said" werden alle Register gezogen: Julia und Lena werden in knappen Schuluniformen vom Regen durchnässt; ein Slip blitzt auf, es wird "gekuschelt", und auch der Kuss fehlt nicht.

Große Aufregung in Großbritannien

Unbestritten hat der Song Ohrwurmqualitäten, der stakkatoartige Refrain der perfekt produzierten Powerpopnummer hämmert sich ins Hirn. Starproduzent Trevor Horn (The Buggles, Pet Shop Boys, Band Aid) hat t.A.T.u., in Russland schon seit längerem Stars, für den westlichen Markt bearbeitet. In Deutschland gelang t.A.T.u. "nur" der Einstieg von Null auf Zwei, den Spitzenplatz blockierte zunächst das Ensemble der RTL-Erfolgsshow "Deutschland sucht den Superstar". Die große Aufregung wie in Großbritannien, wo von «Pädophilen-Pop» die Rede war und das Video teils gar nicht oder zensiert gesendet wurde, blieb in Deutschland aus. MTV und VIVA senden den Clip nach Angaben ihrer Presseabteilungen unbearbeitet seit Mitte Dezember.

Nur geschäftsfördernder Rummel

Soziologie-Professor Klaus Neumann-Braun von der Uni Koblenz- Landau macht dafür auch kulturelle Unterschiede verantwortlich: "Bei uns herrscht seit jeher ein offenerer Umgang mit Sexualität als bei den Briten", meint der Autor des Buches "Viva MTV! Popmusik im Fernsehen." Der geschäftsfördernde Rummel fehle t.A.T.u. deshalb hier zu Lande etwas. Neumann-Braun sieht zudem eine Art deutschen Vorgänger: "Ich habe mich spontan an Tic Tac Toe erinnert gefühlt." Die Girlieband habe schon Mitte der 90er durch gezielte Tabubrüche Aufmerksamkeit erregt.

Egal, ob die Mädels lesbisch sind

"Sowas ist erfolgreich, wenn man wichtige Themen für die Rezipientengruppe trifft und die gut inszeniert", sagt Neumann-Braun. Den Jugendlichen sei es nach seinen Beobachtungen egal, dass die t.A.T.u-Mädels in Wirklichkeit gar nicht lesbisch sind, wie sie der "Bravo" verraten haben. "Die Kids wissen das und reden trotzdem über das Thema. Sie haben einfach eine gewisse reflektive Distanz. Das Ganze ist für sie eher eine Anregung, das Thema Sexualität außerhalb der Familie zu diskutieren." Auch nach Ansicht von Peter Wicke, Professor für Theorie und Geschichte der populären Musik an der Berliner Humboldt-Universität, bietet t.A.T.u. jüngeren Jugendlichen, die gerade die Sexualität entdecken, ein Identifikationsangebot. Für den großen Erfolg der Band sieht er aber auch noch einen anderen wichtigen Grund: "Es mangelt derzeit einfach an spannenden Alternativen. Wenn keine anderen spannenden, 'andersartigen' Sachen auf dem Markt sind, hat eben das Erfolg, was angeboten wird."

Gezielte Provokation

Äußerungen des russischen Managers, t.A.T.u-Erfinders und gelernten Kinderpsychologen Iwan Schapowalow, wonach t.A.T.u. ältere Männer ansprechen soll, halten die beiden Experten für gezielte Provokationen. "Das ist Marketing und PR in einer aufgeregten Öffentlichkeit", meint Neumann-Braun. "Ältere Herren werden doch gar nicht erreicht", stellt Wicke fest, "da müsste man schon über andere Kanäle gehen als Musikfernsehen und Jugendzeitschriften." Aufschluss darüber, wer t.A.T.u. tatsächlich kauft, bieten da die Vergleichslisten der großen Online-Versandhäuser: t.A.t.u-Käufer ordern demnach auch Christina Aguilera und die Sugababes. Beides Künstler, die durch ein sexy Image auffallen. Allerdings ist auch Justin Timberlake ein Favorit der t.A.T.u-Fans.