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Tokio Hotel 2007 - 2009 - 2014: "Heute will keine Sau mehr ein Autogramm"

Tokio Hotel ist wieder da, und stern hat die Jungs getroffen. Nach einem anstrengenden ersten Tag mit Presse und Fans ging es um kontroverse Videos, Sex und die Dogge Pumbaa.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Tokio Hotel hat sich ein bisschen verändert: Georg Listing, Tom Kaulitz, Bill Kaulitz und Gustav Schäfer

Tokio Hotel hat sich ein bisschen verändert: Georg Listing, Tom Kaulitz, Bill Kaulitz und Gustav Schäfer

2007, das Teldex-Gelände in Berlin-Lichterfelde. Sicherheitsleute überall und versprengte Mädchen-Grüppchen, die an ihnen vorbei doch irgendwie versuchen wollen, ins Gebäude zu kommen. Geschrei an der Auffahrt. Je mehr man sich dem alten Studiokomplex nähert, desto ruhiger wird es. Drinnen, in einem riesigen Aufnahmesaal, sitzen vier kleine Jungs, die gerade mit frischem Deutschpoprock und einem Paradiesvogel als Sänger die deutsche Popszene aufgemischt haben. Frontwesen Bill Kaulitz, der damals wegen dunklem Kajal und Stachelfrisur gern mit einer Mangafigur verglichen wurde, blickt mit großen Augen belustigt in die Welt, macht mit seinen Gedanken Sätze, in die sein Zwillingsbruder Tom andauernd hineingrätscht, um zu erzählen, dass er gern eine der Olsen-Zwillinge wäre, um mit der anderen baden zu gehen. Bassist Georg Listing empört sich derweil über Pappkulissen beim Musikpreis Comet, und Drummer Gustav Schäfer sagt standesgemäß fast gar nichts.

Zwei Jahre später war Tokio Hotel eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands. Millionen verkaufte Platten, die kreischenden Fans waren Standard, sogar im Ausland. Der Erfolg schwappte bis nach Südamerika. Bill Kaulitz, mit seiner uneinordbaren Darstellungswucht, war ein Superstar, aber auch Gerüchte-Magnet. Zu androqyn, zu dünn, zu anders als alle anderen. Trotzdem, die MTV Europe Awards 2009 gehörten fast ihm allein. Lässig stand er auf seinen Monsterabsätzen neben Beyoncé und Jay-Z. Dann stöckelte er zum Interview und war vor allem eines in den vergangenen 24 Monaten: gewachsen. Er war jetzt knapp 20. Ein Jahr später wurde es ihm und seinem Bruder zuviel. Als sie nach der Geburtstagsparty zum 21. nach Hause kamen, fanden sie ihr Heim, Fotos und Unterwäsche von Einbrechern durchwühlt. Sie packten ihre Sachen und zogen nach Los Angeles. Gustav und Georg blieben in Deutschland. Pause.

Bill Kaulitz auf der Pressekonferenz in Berliner Kino Babylon.

Bill Kaulitz auf der Pressekonferenz in Berliner Kino Babylon.

"Es wird wieder lauter"

Vier Jahre später, 2. Oktober 2014, Berlin. "Das ist Pumbaa", sagt Bill Kaulitz stolz und immer noch um mindestens zwölf Zentimeter erhöht. Pumbaa ist eine schnaufende, fusselnde, rot-weiße, zehn Monate junge Bulldogge, die Bill aus den USA mitgebracht hat. Nach einem langen Marketing-Tag lassen sich die Jungs von Tokio Hotel auf die Stühle im Luxushotel Ritz-Carlton fallen. Geschafft, aber glücklich. "Es lief gut", sagt Bill im Netzhemd, das den Blick freilässt auf ein großflächiges Brusttattoo. Die Haare sind so kurz und angeklatscht wie bei den Kollegen von Hurt. Und irgendwie grau-blond. Gustav sieht immer noch so als, als habe ihn gerade jemand beleidigt. Georg lächelt wissend. Und Tom flätzt gewohnt breitbeinig, hat nun aber diese erweiterten Ohrlöcher, die zum Etwas-Durchschnipsen einladen.

Die vier Jahre waren lang, hat Bill auf der Pressekonferenz am Mittag gesagt. Die war klein und fast ruhig gewesen. Kaum 100 (geladene) Fans, die eher verhalten das gewohnte Schreien angestimmt und es sofort wieder sein gelassen haben. "Bei Konzerten wird es wieder lauter", versichert Bill und strahlt. Ihm nimmt man immer noch ab, dass er jedes seiner Worte mit jeder Faser seines Körpers glaubt. Wie vor sieben Jahren. Nun ist er 25, hat nach eigenen Angaben die vergangenen Jahre heftig gefeiert und will es unbedingt mal in New York versuchen, weil er "noch so einen Hunger auf Leben und Abenteuer" habe, den Los Angeles nicht stillen kann. Amerika werde ihr Zuhause bleiben, sagt Tom. Und ja, sie wohnen immer noch zusammen.

Das ist kein Comeback

Das Comeback, das laut Band keines ist, weil sie nie weg waren ("Es gab keine Bandauflösung", sagt Tom), ist erfrischend angstfrei. Die Musik auf dem neuen Album "Kings of Suburbia" ist ein Mix aus allen Genres, hat aber wenig mit dem deutschen Poprock von früher zu tun: von der Ballade "Run, run, run", zum Gay-Pop von "Love who loves you back" bis zum Coldplay-Klon "Louder than Love" ist alles glatt-produziert, alles tanzbar, mit lustigen Elektro-Details, ein bisschen Autotune, ein bisschen Rihanna. Und vor allem alles in Englisch. Es sei eben die Entwicklung von fünf Jahren darauf zu hören, sagt Tom. Dank Bills unverwechselbarer Stimme, der eingängigen Melodien und treuer Fans funktioninert es durchaus.

So angstfrei, dass es sogar Journalisten verwirrt, sind die Videos zu zwei der vor dem Album veröffentlichten Songs: "Girl got a Gun" und "Love who loves you back". In ersterem läuft ein masturbierendes Plüschmonster hinter mit Waffen fuchtelnden Drag-Göttinnen her. Das zweite zeigt sich küssende, umschlingende Menschenhaufen, in denen Bill mal drinliegt, mal danebensteht und sich mit Frau und Mann vergnügt. Ihnen sei nicht aufgefallen, dass sie ihren Fans ein "Sex-Paket" überreichen, sagt Bill mit kindlich offenem Blick. Sie hätten das alles einzeln betrachtet.

"Das war meine Idee", sagt Tom: das umstrittene Single-Cover von "Love who loves you back"

"Das war meine Idee", sagt Tom: das umstrittene Single-Cover von "Love who loves you back"

Zu den Videos gibt es auch noch das kontroverse Cover zur Single "Love who loves you back", das eine Frauenhand mit Computermaus zeigt, was zusammen wie eine Vagina aussieht. "Das war meine Idee", sagt Tom sofort. Er habe sich totgelacht. Und dann fügt er an: "Für mich hat das sogar Tiefe. Guck mal, ich zum Beispiel habe jahrelang meine Liebe nur im Internetporno gefunden. Mit der Maus. Wie auf dem Bild." Würde Bill gerade nicht unbedingt etwas Harmloses dazu sagen wollen, wäre kurz Stille im Raum. Sex ist bei den Jungs großes Thema. Nur nimmt man es ihnen nicht so richtig ab. Außer Georg vielleicht, der im Vergleich zu den anderen einigermaßen erwachsen rüberkommt. Vor allem Bill ist seine Aura der Unschuld trotz Piercings und Tattoos nicht losgeworden.

Ein bisschen old school

Zum Glück kommt Pumbaa angeschnauft, und Bill freut sich. Damals, nachdem sie mit Freunden und Eltern nach Los Angeles geflohen seien, hätten sie alle in einem großen Haus gelebt, Menschen und Hunde. "Ich liebe es, viele Leute um mich zu haben", sagt Bill. Dann hebt er Pumbaa nicht ohne Anstrengung auf seinen Schoß und kuschelt die Dogge, die so heißt wie das Warzenschwein aus "Der König der Löwen". Tom kuschelt bald mit.

Pumbaa ist übrigens auch auf Bills Instagram-Seite zu sehen. Tokio Hotel hat erst seit wenigen Tagen eine. "Manchmal kommen wir uns ein bisschen old school vor", sagt Bill. "Als wir angefangen haben, gab es kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram. Vor zehn Jahren, zu unserem Album "Schrei", standen alle mit dem Album da und wollten eine Unterschrift. Heute will keine Sau mehr ein Autogramm! Die Leute wollen Selfies."

Und Tokio Hotel ist zurück, um möglichst viele Selfies zu geben. Unter anderem am Samstagabend bei "Wetten, dass...?". Auch ein bisschen old school.

PS. Natürlich ist eine Tour geplant. Im Augenblick wird es noch mit "Live-Vorbereitungen" umschrieben. Aber es soll sogar bis nach Australien gehen.