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Neues BAP-Album "Alles fließt" Verknallt in Wolfgang Niedecken – immer wieder

BAP-Sänger Wolfgang Niedecken in seiner Kölner Heimat
BAP-Sänger Wolfgang Niedecken in seiner Kölner Heimat
© Oliver Berg / DPA
Kürzlich ist das neue Album des Kölsch- und Kultsängers Wolfgang Niedecken erschienen. Doch erst nach mehreren Hör-Anläufen ist stern-Autorin und BAP-Fan Ulrike Posche damit warm geworden.

Vielleicht brauchte es den Nebel über der Elbe, die Melancholie eines Oktobertages und das Heimweh an den Rhein. Vielleicht auch nur ein Wort wie "Sommervüürmeddach", damit das alte BAP-Gefühl, die alte Wolfgang-Niedecken-Verliebtheit aufleben konnte. Sommervormittag.

"Alles fließt" heißt das Album, das am 40. Todestag des echten "Bap" von BAP erschien, von Niedeckens Vater. Alles fließt oder "panta rhei" – das ganze Flussgedöns der griechischen Philosophie steckt da drin. Das "Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss", alles hängt mit allem zusammen, nichts bleibt wie es ist. Das waren ja immer schon die Themen "vom Wolfjang". Das Vergängliche im Sein, das Verlässliche in der Liebe und der Versuch, bei all dem Durcheinander trotzdem ein anständiger Mensch mit Haltung und Richtschnur zu sein. Ne schöne Jrooß, Anna, Anna, drieh dich nit öm.

Im Video zu "Volle Kraft voraus" spaziert er mit seinem Hund Numa am Rheinufer der Poller Wiesen, das ist die "schäl Sick" von Köln, die Seite gegenüber des Kölner Doms, und mir fiel ein, wie ich einmal auf Höhe des Weißer Bogens mit ihm am Rhein entlangspaziert bin und ein Interview führte. Er hatte gerade seinen Schlaganfall überwunden, wir sangen gemeinsam das Titellied aus der Fernsehserie "Tammy, das Mädchen vom Hausboot". Die kennt nur, wer in den Sechzigern oder Siebzigern aufgewachsen ist.

Niedecken ist wie ein Vertrauter, er hat in seiner Jugend gegessen, was ich gegessen habe, er hat im Fernsehen gesehen, was ich sah. Er hat aus den Stimmungen meiner Pubertät, Songs gemacht. In einer Sprache, die man nur verstehen kann, wenn man sie im Herzen hat. Ich hätte damals am Weißer Bogen auch Niedecken-Lieder singen können, alle eigentlich. Denn jeder, der ihm in der Jugend durch die Bühnensäle der Kölner Südstadt, die Stadthallen der Eifel, bis an die Loreley gefolgt ist, kann singen, was Wolfgang Niedeckens BAP spielte. Verdamp lang her, ruut-weiß-blau-querjestriefte Frau! Aber das ist ein anderes Thema.

Für peinliche Zeilen kurz fremdgeschämt

Mit der neuen CD war es – nun, ja – man hat gefremdelt. Alles schon mal, und da doch viel besser gehört! Für peinliche Zeilen kurz fremdgeschämt: "Man muss kei'm mehr was beweisen, nicht mal Florian Silbereisen." Was soll der Silbereisen hier? Manches klang so kitschig, dass einem die Zähne sangen, "Deshalv: Leb' deine Tage, leb' dein Leben im Jetzt. Denn nur die Zeit, die wir uns nehmen, ess die Zeit, die uns tatsächlich jet jitt, wirklich jet jitt." Obligatorische Liebeslieder für die Family. Das Liebeslied für Frau Tina "Für den Rest meines Lebens". Das Liebeslied für die jüngere der beiden Töchter "Mittlerweile Josephine". Ja, ganz schön.

Aber wenn einer mit 31 schon "Kristallnaach" geschrieben hat, dachte ich, dann hört sich "Ruhe vorm Sturm" irgendwie kraftlos an. Müde, Klasse drunter, nichts, was man auf einer Demo mitgrölen würde. Niedecken ist 69 Jahre alt. Er trägt noch immer Jeanshemden und diese Clubmaster-Sonnenbrillen von Ray-Ban, vielleicht auch von einer anderen Marke, egal. Scheißegal, wie er sagen würde.

Die Haare sind immer noch lockig und lang. Aber grau. Schöne Gitarre, schöne Gestalt. Im März ist er Opa geworden. Er steht noch immer auf der richtigen Seite, ist "Jraaduss". Er hat mit AnnenMayKantereit Bob Dylans Stück "Forever Young" gesungen. Die Stimme ist rauer. Man würde ihn immer noch gern anrufen können und um Help! bitten, wenn einem wieder mal das Leben irgendwie aus den Fingern flutscht, "Irjendjett woor immer". Früher Wellenreiter, jetzt Jeisterfahrer.

Früher war ein neues BAP-Album wie nach Hause kommen

Und doch: Früher war ein neues BAP-Album wie nach Hause kommen. Wie Familiengeburtstag am "Chippendale Desch". Man kennt alle, man kann die Sprüche mitbeten, die alten Leiern mitsingen und die Hitzigkeiten voraussagen – und es fühlte sich gut und geborgen an. Dieses Album hier, irgendwie anders. Vielleicht hatte die Familie mich verstoßen? Oder ich mich entfremdet?

Aber dann lag da dieser Nebel auf der Elbe. 443 Kilometer entfernt von den Poller Wiesen und ich kam an die Stelle mit dem "Sommervüürmiddach". Dem Sommervormittag aus dem Lied "Volle Kraft voraus". Es spielt am Bleibtreusee, einem Baggerloch bei Brühl, übriggeblieben vom Braunkohletagebau. Wir sollen versuchen, uns an die Happiness von damals zu erinnern, singt Niedecken, als wir mit unseren 2CV-Enten und mit Schüsseln voll Ääpelschloot mitten in der Woche zum Baden aufbrachen. Auf der Luftmatratze träumten, "White, white horses" hörten und nach Autan stanken. "Hätt nix met Nostalgie zo dunn, eher met Therapie. Ne kleine Kurs enn Demut, Dankbarkeit un 'C'est la vie'."

Niedecken nennt das Lied "Seelenproviant" für Zeiten, die so sind, wie sie eben gerade sind. Bisschen sentimental muss es ja sein, sonst ist es nicht Niedecken. Jedenfalls war plötzlich alles wieder da: Das Nachhause-Kommen, die Familie, Chlodwig-Eck und Stollwerck, Waschsalon und "Do kanns zaubere wie ding Mamm". Mir fiel auf, dass die Gitarre in "Hauptjewinn" den Balladensänger Niedecken so treibt, wie ihn damals in den 80ern Klaus "Major" Heuser getrieben hatte.

Es gibt tolle Anklänge an die Bonner Brasspop-Band "Querbeat" in "Jenau jesaat: Op Odyssee", wo der Refrain fast Karnevals-Potential hätte, wenn es im nächsten Jahr einen Fasteloovend gäbe. Manchmal sweept die Gitarre gently, manchmal gibt es Eltonjohneske Klavierbegleitungen. Einmal kommt leichtes Reggae-Hüpfen auf und man ist sofort bei "Time is Cash, time is Money", ein anderes Mal denkt man, gleich fängt "Radar Love" an von Golden Earring. Da kann ich mich aber auch verhört haben. Musikalisch jedenfalls ist "Alles fließt" ein besonderes BAP-Album, lieb und teuer arrangiert. Und Wolfgang Niedecken? Der ist einfach bei sich geblieben ("vun mir uss Kitsch"): Er singt und tröstet, mahnt und beseelt. Er ist – auch mit 69 – der BESTE VON ALLEN.  Wie macht er das nur, dass man sich am Ende doch immer wieder in ihn verknallt?


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