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Wolfgang Wagner: "Ein sehr knurriger Mann"

Kurz vor seinem Tod hatte Wolfgang Wagner die Gewissheit: Sein Lebenswerk, die Bayreuther Festspiele, bleiben in Wagner-Hand.

Am Ende hat er seinen Frieden gefunden. Nach einem streitbaren Leben hatte Wolfgang Wagner die Gewissheit: Sein Lebenswerk, die Bayreuther Festspiele, bleiben in Wagner-Hand. Dafür hatte er gekämpft, dafür hatte er sein ganzes Leben dem Erbe des berühmten Großvaters Richard Wagner (1813-1883) gewidmet. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lenkte der Patriarch mit starker Hand die Geschicke des weltweit renommierten Musikfestivals auf dem Grünen Hügel. Am Sonntag ist Wolfgang Wagner im Alter von 90 Jahren in seinem Bayreuther Haus, direkt neben dem Festspielhaus, gestorben. Tochter Katharina Wagner, seine geliebte "Kathi", war bei ihm, als er friedlich einschlief.

Die Opernwelt verliere "einen ihrer wahrhaft Großen", erklärte Bundespräsident Horst Köhler. "Mit Wolfgang Wagner verliert unser Land einen herausragenden Intendanten", schrieb die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag den Töchtern Wagners. Stets sei es ihm gelungen, hochkarätige Dirigenten und und Regisseure zu verpflichten. "Über ein halbes Jahrhundert lenkte er mit Tatkraft und Entschlossenheit die Bayreuther Festspiele, die heute auch im Ausland als ein Inbegriff der Kulturnation Deutschland gelten", erklärte Merkel, die Stammgast bei den Wagner- Festspielen in Bayreuth ist.

Wagner war aber alles andere als ein schöngeistiger Künstler; Bodenständigkeit und ein gehöriges Maß Sturheit prägten seinen Charakter. Er konnte witzig sein und selbstironisch, aber auch aufbrausend und zornig. Er überwarf sich mit Familienmitgliedern, die er als unfähig bezeichnete, und legte sich auch mit Künstlern an - öffentlich zoffte er sich mit "Parsifal"-Regisseur Christoph Schlingensief, und die weltberühmte Sopranistin Waltraud Meier lud er nach einem Streit über Probentermine nicht mehr ein. "Er war ein sehr knurriger Mann. Die Arbeit war sehr schwierig mit ihm", sagte Jürgen Flimm, "Ring"-Regisseur des Jahres 2000, am Montag im Deutschlandradio Kultur.

Denn von Richard Wagners Opern hatte er genaue Vorstellungen. "Er besaß eine intime Kenntnis vom Werk seines Großvaters, wie sonst kaum jemand auf der Welt", erinnert sich der Dirigent Daniel Barenboim. Plante jemand eine unbequeme Inszenierung, so schimpfte Wagner - und ließ den Regisseur dann häufig doch gewähren. Es gehört zu seinen größten Verdiensten, Bayreuth für neue Ideen geöffnet zu haben. Er holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte. Später kamen Patrice Chéreau ("Der Ring des Nibelungen" 1976), Heiner Müller ("Tristan und Isolde" 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal" 2004) hinzu. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch über Daniel Barenboim bis Christian Thielemann folgten Wagners Ruf.

Wagner ließ sich nie beirren. Noch im hohen Alter widerstand er jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen. Da er Katharina, seine Tochter aus zweiter Ehe, als Nachfolgerin zunächst nicht durchsetzen konnte, verweigerte er den Rücktritt, obwohl Eva Wagner-Pasquier - Tochter aus erster Ehe - 2001 schon zu seiner Nachfolgerin gewählt war. Von vielen Seiten wurde Wagner angefeindet, zugleich verschanzte er sich mehr und mehr. Nichte Nike Wagner, Tochter des 1966 gestorbenen Bruders Wieland Wagner, gehörte zu seinen schärfsten Kritikern.

Die Situation ist festgefahren, als ein Drama von Richard Wagnerscher Dimension die Lösung bringt: Völlig überraschend stirbt Wolfgang Wagners zweite Ehefrau Gudrun, 25 Jahre jünger als er und heimliche Herrin auf dem Hügel, im November 2007. Für Wagner ein schwerer Schlag, der aber zugleich die Tür öffnet für die nach der Heirat 1976 verstoßene Tochter Eva. Es kommt zur Aussöhnung, und am 1. September 2008 übernehmen Eva Wagner-Pasquier (64) und Katharina Wagner (31) die Festspielleitung. Der gesundheitlich angeschlagene Wolfgang Wagner kann in Frieden seinen Abschied nehmen. Es ist ein bewegender Moment, als er sich nach der "Parsifal"- Aufführung am 28. August 2008 noch einmal dem Publikum im Festspielhaus zeigt. Mit minutenlangen Ovationen feiern die Zuschauer die herausragende Lebensleistung des Enkels von Richard Wagner.

Wolfgang Wagner wurde am 30. August 1919 als das dritte Kind von Siegfried und Winifred Wagner geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wieland Wagner die wegen ihre Nähe zu den Nazis schwer belasteten Festspiele wieder auf. Die Inszenierungen von "Neu-Bayreuth" sorgten weltweit für Aufsehen. Freilich stand Wolfgang Wagner, ein geschickter Kaufmann und Organisator, als Regisseur stets im Schatten des Bruders Wieland. Nach Wielands frühem Tod 1966 übernahm er dann die alleinige Verantwortung für die Festspiele. Es gelang ihm, die besondere Atmosphäre am Grünen Hügel zu erhalten - jahrzehntelang kamen Sänger und Musiker zu niedrigen Gagen nach Bayreuth. Unter Wagners Ägide entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen.

Stephan Maurer, DPA / DPA