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Reaktionen auf Günter Grass' Gedicht: Klarer Wortgeber oder verharmlosender Antisemit

Mit über 80 Jahren sorgt Nobelpreisträger Günter Grass für eine hitzige Diskussion in Deutschland. Welch empfindlichen Nerv sein Gedicht über potentielle Kriegsabsichten Israels getroffen hat, ist an den unzähligen journalistischen Kommentaren ersichtlich. Währenddessen teilt sich das Lager der Kritiker an Grass immer deutlicher.

Das israelkritische Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass schlägt weiter hohe Wellen. Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass gegen Kritik in Schutz. "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte Staeck der "Mitteldeutschen Zeitung". "Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen." Grass habe das Recht auf Meinungsfreiheit und nur seiner Sorge Ausdruck verliehen. Diese Sorge teile er mit einer ganzen Menge Menschen.

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, warf Grass dagegen Einseitigkeit vor. Grass sei sicher kein Antisemit, aber in seinem Text gehe die Gefahr ausschließlich von Israel aus, sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Gefahren, denen sich der jüdische Staat gegenübersehe, würden hingegen verschwiegen und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad verharmlost.

Grass hatte mit seinem jüngsten Gedicht "Was gesagt werden muss" harsche Kritik auf sich gezogen. Darin wirft er Israel vor, mit seiner Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Er warnt zudem davor, dass die "Atommacht Israel" das iranische Volk "auslöschen" könnte.

Lebhafte Diskussion in deutschen Medien

Scharfe Kritik kam unter anderem von dem Publizisten Henryk M. Broder. Er nannte Grass in der "Welt" den "Prototypen des gepflegten Antisemiten". Er warf ihm zudem vor, im fortgeschrittenen Alter zu seinen Anfängen zurückgekehrt zu sein: "Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer", sagte Broder dem Saarländischen Rundfunk. Der Text wäre in der rechtsradikalen "National-Zeitung" "gut platziert" gewesen, empörte sich auch der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit Spiegel-Online. In dem Gedicht stehe "so ziemlich jedes antisemitische Klischee darin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt".

Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, verteidigte Grass dagegen. Er warne vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte.

ono/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters