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Amazon Prime "Clarkson's Farm": Was Sie noch nie über Landwirtschaft wissen wollten

Moderator Jeremy Clarkson inmitten seiner Felder
Moderator Jeremy Clarkson inmitten seiner Felder
© Amazon Studios
Der Überraschungserfolg schlechthin für Amazon Prime: Der sonst so bollerige Moderator Jeremy Clarkson lernt in dieser Doku-Serie die Liebe zum Landleben – und bringt sie direkt auch den Zuschauern nahe.

Als Engländer oder jemand, der reichlich englisches Fernsehen schaut, kennt man Jeremy Clarkson auf jeden Fall. Aber selbst in Deutschland wird der ein oder andere Autofan schon mal über die Sendung "Top Gear" gestolpert sein, in der Clarkson bis 2015 mit zwei Kollegen auf humorvolle Weise Autos unter die Lupe nahm – am liebsten schnelle, laute und protzige.

Dann jedoch gab es handgreiflichen Zoff mit einem der Produzenten der Show – und Jeremy Clarkson war diesen Job los. Sicher zu recht, doch der Mann ist einfach ein zu gutes Fernsehgesicht. Inzwischen ist er, vermutlich sehr lukrativ, bei Amazon Prime untergekommen ("The Grand Tour"), und außerdem, vermutlich noch lukrativer, Moderator der englischen Version von "Wer wird Millionär".

Geldnot hat der 61-jährige Haudrauf mit den starrköpfigen Ansichten und dem spröden Charme also sicher nicht. Als das Coronavirus 2020 die Welt lahmlegte, hatte er aber plötzlich etwas anderes: Langeweile. Da passte es gut, dass er und seine Lebensgefährtin Lisa gerade in ein neues Haus auf ihrem Bauernhof in den Cotswolds gezogen waren (nachdem Clarkson das alte Haus spektakulär in die Luft gesprengt hatte, was für eine Folge der "Grand Tour" gefilmt worden war und die Anwohner nachhaltig verstimmte).

Jahrelang hatte ein Profi die ausgedehnten Ländereien für den landwirtschaftlich komplett unbeleckten Moderator bewirtschaftet. Der jedoch verabschiedete sich nun in die Rente. Clarkson hatte gerade nichts Besseres zu tun – und beschloss, die Farm jetzt ein Jahr lang selbst zu bewirtschaften.

Der Autofan wird zum Traktorfahrer

Man kann sich vorstellen, wie das Konzept dieser Doku-Serie an Amazon verkauft wurde. Sicher kamen jede Menge testosteronschwangere Gags, Explosionen und viele protzige Fahrzeuge mit noch mehr PS im Pitch vor. Doch nur wenig davon schaffte es ins fertige Produkt – zum Glück.

Denn "Clarkson's Farm" wurde trotz einer Handvoll der bekannten, burschikosen Clarkson-Sprüche zu einer ungeahnt liebevollen Hommage an das Landleben. Das reale Landleben, in dem alles zu viel Geld kostet, zu wenig Profit bringt, unheimlich arbeitsintensiv und mitunter einfach traurig ist.

Wer seinen Lebensunterhalt so verdienen will, muss pflichtbewusst, pragmatisch und leidenschaftlich sein. Nicht all diese Qualitäten bringt der Moderator mit. Aber er nimmt sich vor, zu lernen.

Gut, dass Jeremy Clarkson hierfür den ebenso geduldigen wie sachlichen Verwalter Charlie Ireland an seiner Seite hat, der immer wieder einen warnenden Finger auf die Zahlen in den Rechnungsbüchern legt. Und vor allem den wahren Helden dieser Show: Den Farmarbeiter Kaleb Cooper, der von Kleinauf für die Landarbeit lebt und keinerlei unnötigen Respekt vor Clarksons Medienjob, Geld oder Ruhm hat.

Für den blutjungen Cooper, 22, ist die TV-Legende ein naiver Städter ohne Talent, dem er erst einmal die Schönheit jener Abende erklären muss, an denen alle Farmer der Gegend in ihren Traktoren auf dem Feld unterwegs sind, man ihre Lichter in der Dunkelheit sieht und weiß, dass sie alle eine Gemeinschaft bilden, mit derselben Mission und denselben Problemen.

Macho-Gags treffen ehrliche Einsicht

Natürlich bleibt Jeremy Clarkson Jeremy Clarkson: Eine seiner ersten Amtshandlungen ist es, einen Lamborghini-Traktor zu kaufen, der nicht nur zu groß für die Scheune, sondern auch für die Anhängerkupplungen der schon vorhandenen Feldgeräte ist. Das Ausbuddeln eines Teiches endet fast im Desaster. Und die Fische aus dem Teich, der eigentlich ein Biotop werden sollte, verkauft er dem örtlichen Pub.

Soweit, so erwartbar. Aber Clarkson erkennt plötzlich, wo er so nah dran ist an der Natur, was der Klimawandel wirklich bedeutet. Erst viel zuviel Regen, dann viel zuviel Dürre. Und kaum Insekten weit und breit, die für die Befruchtung der Felder so nötig sind. Plötzlich baut der Macho vom Dienst Nester für Eulen, pflanzt Wildblumenwiesen für Bienen und sagt nette Dinge über Greta Thunberg – wer hätte das je gedacht!

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Youtube integriert.
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"Clarkson's Farm" lohnt sich allein schon für die umwerfend schönen Aufnahmen der englischen Landschaft. Wer nach der ersten Folge nicht sofort selbst einen Bauernhof in den Cotswolds übernehmen will, kann kein Herz haben.

Aber das Zuschauen lohnt sich auch, um zusammen mit dem völlig ahnungslosen Moderator auf unterhaltsame Weise die Basics der Landwirtschaft zu lernen. Und die Liebe zu selbiger. Und nein, auch wir hätten vorab nicht im Traum daran gedacht, dass wir das Bedürfnis hätten, eines Tages mehr über Feldarbeit und Schafzucht lernen zu wollen – aber jetzt wissen wir es besser.

Gerade wurde verkündet, dass eine zweite Staffel der Doku-Serie in Arbeit ist. Die erste Staffel von "Clarkson's Farm" ist bei Amazon Prime zu sehen.


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