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"Das Supertalent"-Finale: Ein Hund! Ein Hund!

Der Sieger beim "Supertalent" hat eine feuchte Schnauze und jede Menge Spaß. Moderator Daniel Hartwich piesackt die Jury. Und Dieter Bohlen ist doch nicht ganz aus Titan gemacht.

Von Simone Deckner

Das ZDF hat Markus Lanz und Michael Bublé bei "Wetten, dass..?". RTL hat Robbie Williams und Daniel Hartwich. Beim Finale der siebten Staffel von "Das Supertalent" trafen Opernsänger auf Schlagerfuzzis, Tänzer auf Akrobaten und junge Stimmwunder auf ein vierbeiniges Schlitzohr. Der Sieger ging mit 100.000 Euro und einem Ticket für einen Auftritt in Las Vegas nach Hause. Hier kommen die Höhe- und Tiefpunkte des Abends:

Der Sieger

Der Gewinner kaute bei der Siegerehrung seelenruhig einen Knochen hinter der Bühne: Hund Falco, 4, hatte sein Herrchen Lukas Pratschker, 17, geschickt. Der Wiener Schüler und sein Hund trainieren seit drei Jahren eine Disziplin namens Dog Dance. Falco kann zum Beispiel Skateboard fahren, an Pappbechern nippen, Liegestütze, rückwärts im Kreis laufen und sich selbst in ein Handtuch einwickeln. Das gefiel den meisten Zuschauern: Mit 25,48 Prozent der Stimmen holte sich das Mensch-Hund-Team mit einer rasanten Choreographie verdient den Sieg. Hundetrainer Martin Rütter wäre stolz: Die Bindung zwischen Hund und Herrchen ist geradezu vorbildlich. Wie gut dem Border Collie die Beschäftigung tut, konnte man nach dem Auftritt sehen: Falco rollte Moderator Daniel Hartwich erst mal einen Fußball zum Spielen zu.

Schon 2009 gewann ein Hund das Finale. PrimaDonna, eine Jack-Russel-Hündin. Der wurde der ganze Trubel aber schnell zu viel: Knalltrauma, Burnout. Und ein Hitalbum mit Dieter Bohlen wollte der snobistische Fellträger auch nicht aufnehmen. Herrchen Yvo Antoni freute sich dennoch über "die gelungene Werbemaßnahme". Man tritt jetzt auch bei Firmenveranstaltungen und Gala-Events auf. Falco und Lukas fliegen demnächst nach Las Vegas, um dort aufzutreten. Vielleicht sitzt ja auch US-Hundesflüsterer Cesar Millan im Publikum.

Der größte Fremdschäm-Augenblick

"Irgendwann endet mein Humor auch", hatte Dieter Bohlen gesagt. Er sollte Recht behalten. Die 61-jährige Heidi Schimiczek stakste in einem unvorteilhaften Kleid auf die Bühne und sang das Lied vom knallroten Gummiboot. Klar: Sich über talentfreie Leute lustig zu machen, ist Teil des Showkonzepts. Aber der Witz funktioniert eben nicht ohne Ende. Heidi traf neben muskelbepackten Knackärschen und Bikini-Models konsequent keinen Ton. Es war, als würde man in einem Schützenfestzelt "Schwiegertochter gesucht" gucken. Immerhin: Dank der "Spaßrakete aus dem Weserbergland" (Daniel Hartwich) gib es jetzt einen neuen Tanzschritt: Arme in die Luft und ruckartig runterziehen, dann das Bein in einem Kung-Fu-artigen Tritt nach vorne schleudern, fertig ist der "Schimiczek". Gotthilf Fischer übt schon mal.

Warum die Show trotzdem erträglich war

Daniel Hartwich. Der naseweise Moderator nimmt weder die Jury noch sich selbst zu ernst. Er hat eine gesunde Distanz zu allem. Und weil er sich selbst nicht langweilen will, sorgt er dafür, dass niemandem langweilig wird. Erst macht er sich über den silbernen Stirnreif von Jurorin Lena Gercke lustig ("Oh, heute als Prinzessin Leia?"), später piesackt er das superschlanke Model noch mehr: "Ich wollte Dir nicht das Wasser wegnehmen. Das ist ja für dich eine ganze Mahlzeit."

Hartwich gelingt es, Teil des Spektakels zu sein und gleichzeitig allen Beteiligten einen Spiegel vorzuhalten. Was er sieht, bringt ihn zum Lachen. Über sich selbst sagt er: "Ich bin hier nur die Ansagewurst." Marco Schreyl, Thore Schölermann und Konsorten: Bitte mitschreiben! Auf die Option angesprochen, dass die wilde Heidi als Siegerin nach Las Vegas fliegt, sagt Hartwich kichernd: "Genau, das ist dann die Rache für diese NSA-Scheiße." Den britischen Gaststar Robbie Williams zieht er minutenlang mit den bitteren Niederlagen seiner Landsmänner im Fußball auf, bis dieser fleht: "Warum tust Du mir das nur an?". Weil er schlau und witzig ist, darum.

Die Juroren

Dieter Bohlen scheint altersmilde geworden zu sein. Außer ein paar verbalen Haken gegen Heidi ("Nach Dir nenne ich meinen nächsten Tinnitus") blieb er handzahm. Die Neuzugänge Guido Maria Kretschmer und Lena Gercke fielen auch nur selten durch bemerkenswerte Kommentare auf. Gercke zum Arien schmetternden Kaffeemaschinenzubehör-Verkäufer Fortunato Lacovara: "Ich kann mir deinen Namen immer nicht merken, deshalb sage ich immer Vitello Tonnato" Und Bruce Darnell ist Bruce Darnell. "Der große Wortabkrobat" (Hartwich) haute auch dieses Mal wieder Sätze heraus, bei denen die Adressaten minutenlang fragende Gesichter machten: "Wi war aller tie bawrüahrt" oder "Du bist eine grosse Tanze". Aber Bruce liebt alle und alle lieben Bruce. Das gehört einfach so.

Was hängen bleibt vom Finale

Der Zweitplatzierte Torsten Ritter. Der 22-Jährige wurde in gewohnt schnulziger Manier in Einspielfilmchen als Typ vorgestellt, "der viel Pech im Leben hatte". Torsten selbst stand demgegenüber selbstbewusst zu seinem Handicap, einer Sprachbehinderung. Zu Bohlen, der ihn mit Forrest Gump verglich, sagte er: "Ich will kein Mitleid. Ich will behandelt werden wie alle." Am Ende erarbeitete er mit seiner Devil-Stick-Jonglage Platz zwei. Außerdem lernte er durch die Sendung seine Freundin kennen – einen Fan. Und dann waren da noch die zwei Akrobaten aus Ungarn, die aussahen wie griechische Götterskulpturen. Während sie ihre Slow Motion-Akrobatik in Vollkontakt ausübten, guckte man schuldbewusst auf die leere Marzipanbrotverpackung neben seinem Bett. Dieter Bohlen: "So ähnlich sieht das bei mir morgens auch aus, wenn ich Tai-Chi mache." Bruce Darnell traf es da schon eher: "Das ist Kunst". Wenn auch keine, auf die sich die Mehrheit des Publikums einigen konnte.

Der Überraschungsfaktor

Kurz vor Verkündung der Sieger nutzt Bohlen völlig überraschen die Sendezeit für einen flehentlichen Aufruf an ganz Deutschland: "Bitte, helft mir das Buch ‚Siggi auf dem Bauernhof’ zu finden!" Das Buch ist der größte Weihnachtswunsch seiner zweieinhalbjährigen Tochter. Allein: Es ist nirgends mehr zu bekommen. Bohlen hat es schon überall versucht. "Wer das hat, bitte an Dieter Bohlen in Tötensen schicken, das kommt an. Sonst bin ich für meine Tochter der allergrößte Loser." Sieh an: Der "Pop-Titan" ist also doch auch nur ein Mensch.

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