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TV-Kritik "Günther Jauch": "Er wollte mich psychisch zerstören"

Nach dem Polizeiruf, bei dem ein Vater dem Leben seiner Familie ein Ende setzt: Günther Jauch will die Logik von Familientragödien erklären und hinterlässt doch anhaltendes Unverständnis.

Von Jan Zier

Irgendwie kann man ja aus jedem Tatort, oder eben: Polizeiruf 110 eine Talkshow machen. Zumindest, wenn nicht gerade rechte Hooligans und Islamisten, Kriege oder Flüchtlinge in die Sendung drängen oder man jedenfalls nicht schon wieder über sie reden will. Sprechen wir also über Familiendramen. Darüber wie es ist, wenn Eltern sich und ihre Kinder umbringen. Sprechen wir über etwas, was man sich nur schwer vorstellen und erklären kann.

Und es gibt ja auch Menschen, für die so ein Krimi eben nicht nur eine Unterhaltung für den Sonntagabend ist, Menschen wie Doreen Salomon. Im vergangenen Jahr trennt sich die 41-jährige von ihrem langjährigen Partner und Ehemann, mit dem zusammen sie einen fünfjährigen Sohn hat, zieht aus dem gemeinsamen Haus aus. Kurze Zeit später vergiftete er erst den Sohn, dann sich selbst. Sie findet beide, zusammen, tot, im Ehebett. "Dieses Bild", sagt sie, "ist mir immer gegenwärtig".

Trauma, Schulden, keine Perspektive

Heute kämpft sie darum, als Opfer anerkannt zu werden, sie kann nicht mehr in ihren alten Beruf als Krankenschwester zurück, weil er sie stets retraumatisieren würde. Ja, sie kann überhaupt nicht arbeiten, hat Schulden, sieht keine Perspektive für ein glückliches Leben mehr. Trotzdem spricht sie im Fernsehen, bereitwillig, offen, auch wenn sie Tränen in den Augen hat, die die Kamera des verständnisvollen Günther Jauch in Großaufnahme live überträgt. Auf die Frage nach "Warum?" sagt sie: Seine Liebe zu dem gemeinsamen Kind war eine "Besitzerliebe". Und er sei "unsagbar" in seinem Stolz verletzt gewesen, als ihm klar geworden sei, dass sie auch ohne ihn klar kommen würde, auch finanziell. Er wollte "mir weh tun", sagt Doreen Salomon, "mich psychisch zerstören".

Das geliebte Kind nicht alleine lassen

Schätzungen gehen davon aus, dass es etwa zehn bis 20 solcher Fälle im Jahr in Deutschland gibt, und natürlich werden sie in den Medien ausführlich berichtet. Fachleute unterscheiden den "erweiterten Suizid" vom "erweiterten Mord". Ersterer ist meist die Folge einer Depression, wird eher von Frauen begangen – sie wollen ihr geliebtes Kind nicht alleine lassen, also töten sie es ebenfalls. Beim "erweiterten Mord" indes ist eher Rache das Motiv, die Tötung des anderen ist im Grunde das Ziel und der Suizid, sozusagen, die Bilanz – ein eher männliches Verhalten.

Im Studio versuchen die österreichische Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner und der aus Funk & Fernsehen schon bekannte Bremer Fallanalytiker und Tatort-Berater Axel Petermann, ehemals Chef einer Mordkommission, kompetent Licht ins Dunkel solcher abgründiger Fälle zu bringen. Kastner wurde bekannt als Gutachterin im Fall von Josef Fritzl – der hatte seine Tochter jahrzehntelang in einem Kellerverlies eingesperrt, missbraucht und vergewaltigt. Nebenbei darf auch der Polizeiruf-Schauspieler Andreas Schmidt als redseliger Laien-Psychologe tätig werden.

Und dann ist da noch eine Journalistin von der Zeit: Sie hat mal ausführlich den Fall eines Mannes recherchiert, der seine Kinder, seine Frau und sich selbst umbrachte, dass auch monatelang plante, unentdeckt, und am Ende einen langen Abschiedsbrief hinterließ, der im Wesentlichen von ihm selbst handelt und auch öffentlich wurde. "Mein alleiniger Tod hätte meine Familie tief verletzt", heißt es darin auf die Frage nach dem Warum. Kastner attestiert dem Täter eine "unfassbare Selbstbezogenheit", oder, anders formuliert: eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die, sagt sie, sei typisch in solchen Fällen. Und: Einer solchen Tat gehe immer eine fundamentale Erschütterung des eigenen Selbstbildes voraus. Die Journalistin sagt, sie habe trotzdem "keine befriedigende Antwort" auf die Frage nach dem Warum gefunden, auch nicht bei Kastner und Petermann.

Aus Hass wird Unverständnis

Was sie heute fühlt, wenn sie an ihren Mann denkt, wird Doreen Salomon am Ende gefragt. Hass? Nein, sagt sie, "nicht mehr", und dass dieser Hass auch zu viel Energie verbrauche, Energie, die sie für anderes brauche, für ihren Sohn. Aber: "Unverständnis".

So endet auch diese Sendung, die es gut gemeint hat, die sehr ernsthaft war - und bemüht. Aber eben nicht viel mehr erklären kann, als man sich selbst auch schon irgendwie gedacht hat.