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"Post Mortem": Verfolgungsjagd war gestern

Die neue RTL-Serie "Post Mortem" über die Arbeit eines Teams der Kölner Gerichtsmedizin ist nah dran an den US-Serienvorbilder - mit Computeranimationen, schnellen Schnitten und flotter Erzählweise. Gerade deswegen fehlt ihr eine eigene Handschrift.

Von Peer Schader

Wie muss man sich das vorstellen, wenn der Gerichtsmediziner abends in der Kneipe sitzt und vom Barmann gefragt wird: Was machst eigentlich du so? Sagt der dann: Knochenfunde, ausgefranste Schusswunden, ungewöhnliche Stichverletzungen? Vielleicht ist man in so einem Job, bei dem es darum geht, in Menschen hineinzusehen, um herauszufinden, was mit ihnen passiert sein könnte, ziemlich einsam.

Besser könnten die Voraussetzungen kaum sein, um in einer dieser modernen Serien den Chef zu mimen, in denen die Protagonisten wenig bis kein Privatleben haben und den ganzen Tag (sowie die darauf folgende Nacht) damit verbringen, schlimme Verbrechen aufzuklären. Aber nicht in dunklen Gassen oder verlassenen Fabrikhallen, in die der Hauptverdächtige verfolgt wurde, sondern im Labor und am Computer. Verfolgungsjagd war gestern. Jetzt ist die Zeit der zentralen Datenauswertung.

Mit Pinzette und Schaber

Ab sofort hat also auch RTL seine eigene Serie im "CSI"-Stil, mit Hannes Jaenicke als Dr. Daniel Koch, dem coolen Chef einer Gerichtsmedizinertruppe am Kölner Institut für Rechtsmedizin (IFR), der das richtige Gespür dafür hat, selbst Morde aufzuklären, die schon Jahre zurückliegen.

"Na komm schon, erzähl mir was", sagt Koch zu einem vor ihm liegenden Skelett, an das er mit Pinzette und Schaber herangeht, um herauszufinden, wer der Mensch war, den ihm jemand ausgegraben hat, der Opfer eines Verbrechens gewesen sein muss, und natürlich, um nachzuvollziehen, wie er gestorben ist.

Bei "CSI: Miami" haben die Kollegen neulich mal einen Fall gelöst, in dem sie eine Schnüffelmaschine an die Kleider der potenziellen Täter hielten, und die hat dann den Schuldigen mit der Analyse von Geruchspartikeln herausgefunden, die rein zufällig zur Mordzeit am Tatort versprüht worden waren. Als Zuschauer sitzt man immer ein bisschen ratlos vor dem Fernseher, wenn solche Lösungsszenarien angeboten werden, und weiß nicht, ob das jetzt hochmodern sein soll, oder ob man bloß von den Drehbuchschreibern auf den Arm genommen wurde.

Hochglanzoptik wie beim Quotenhit

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Schnüffelmaschinen hat Jaenickes Team zwar noch keine, aber hochmoderne Rechner, die in Sekundenschnelle Einschusswinkel berechnen können und in Datenbanken wühlen, von denen Normalsterbliche nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.

Der erste Einsatz führt die Obduktionsprofis auf eine Baustelle. Bei Baggerarbeiten wurden drei Skelette gefunden, die dort schon seit längerem vergraben sein müssen. Dr. Koch stellt schnell eine Verbindung zu einem Entführungsfall her, der vor Jahren schon abgeschlossen schien und kommt einer Familientragödie auf die Spur – viel Zeit bleibt ja nicht, weil in jeder "Post Mortem"-Folge gleich zwei Fälle gelöst werden müssen, ähnlich wie bei "CSI".

Was Hochglanzoptik und Dramaturgie angeht, ist es RTL tatsächlich gelungen, nahe an die amerikanischen Vorbilder heranzukommen, die von den Zuschauern derzeit so geschätzt werden. "Post Mortem" ist schnell geschnitten, illustriert Annahmen der Ermittler mit verschwommenen Was-wäre-wenn-Szenarien und computeranimiert alles, was man am Rechner schick umsetzen kann. Und sie läuft unmittelbar vor "CSI" am Donnerstag zu besten Sendezeit.

Routiniert, aber erstaunlich bezugslos

Die Atmosphäre ist kühl: Gearbeitet wird bei künstlichem Licht in metallverkleideten Sälen. Dazu gibt es ein taffes Team, in dem die übellaunige Dr. Verena Bergmann (Anne Cathrin Buhtz), ihre kettenrauchende Kollegin Dr. Carolin Moritz (Therese Hämer), der etwas unsichere Neuzugang Frederick Peyn (Mirko Lang) und der routinierte Ermittler Dr. Thomas Renner (Charly Hübner) arbeiten.

Mit "Post Mortem" fällt der Startschuss für eine Reihe deutscher Serien, die sich der Machart der US-Profis bedienen: Im Frühjahr bringt Sat.1 "R.I.S.", die Adaption einer italienischen Reihe, die ebenfalls stark an "CSI" angelehnt sein soll. Weil die RTL-Serie nun aber so nah an den importierten Zuschauererfolgen dran ist, fehlt ihr eine eigene Handschrift. Alles wirkt professionell und glaubwürdig, aber etwas Unverwechselbares sucht man vergebens.

Jaenickes Team ist nicht interessanter oder frecher als das von Lieutenant Horatio Caine in "CSI: Miami", die Fälle sind nicht ungewöhnlicher als bei "Crossing Jordan", und Köln bietet nun mal keine so tollen Zwischensequenzen wie New York oder Las Vegas. Sowieso ist die Serie erstaunlich bezugslos geraten – sie könnte überall spielen, jederzeit.

Auch RTL war mal seiner Zeit voraus

Niemand behauptet, dass dauernd der Dom im Bild sein müsste, aber es wäre sicher spannend gewesen, ein neues, düsteres Köln zu zeigen, das man aus den urdeutschen Polizeiserien bisher nicht kennt.

Immerhin muss man RTL zu Gute halten, die (vorerst) neunteilige Serie nicht "IFR: Köln" genannt zu haben. Und schließlich kann man sich beim Sender auch darauf berufen, dass "Post Mortem" auf einem gleichnamigen TV-Movie beruht, das schon 1996 im Programm lief. RTL war seiner Zeit also damals quasi voraus. Das muss "Post Mortem" als Alleinstellungsmerkmal vorerst reichen. Oft kommt sowas bei RTL jedenfalls nicht mehr vor.

"Post Mortem", neun Folgen, donnerstags, 20.15 Uhr, RTL