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"Wetten, dass..?": Wenn selbst Gaga zum Gähnen ist

Lady Gaga, Facebook, Flashmobs: Das ZDF im Jugendwahn. Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker versuchten bei ihrem zweiten gemeinsamen "Wetten dass..?" verzweifelt, die Quote zu heben. So manchen älteren Stammzuschauer dürften sie damit vergrault haben.

Von Katharina Miklis

Michelle Hunziker war also nur der Anfang. Der Anfang der "Wetten, dass..?"-Verjüngungskur, die jetzt langsam ausartet. Komplett-OP statt leichtem Lifting. Europas erfolgreichste Fernsehsendung steckt mitten in der Midlife Crisis. Um sich für die Jugend attraktiv zu machen, setzt das ZDF auf eine Online-Offensive und versucht mit allen Mitteln, die jüngere Zielgruppe abzugreifen. Mit fatalen Folgen.

Auf der "Wetten, dass..?"-Website gab es einen Livestream und auf Facebook, dem weltweit größten sozialen Netzwerk, konnte man die Show, die aus Braunschweig gesendet wurde, live kommentieren und diskutieren. Das ist zwar noch okay. Ein netter Service für User, denen drei Stunden Fernsehen zu langweilig sind, und der für ältere Zuschauer keine Nachteile bringt. Wenn man aber eine Sendung, deren Zuschauer zum größten Teil über 60 sind, komplett auf die junge Zielgruppe ausrichtet, ist das fatal.

Zu Beginn der Show durften Produzent Wolfgang Rademann und Entertainer Harald Schmidt zwar noch für die "Traumschiff"-Folge am Sonntag Werbung machen. Doch dann wurde der gemütliche Fernsehabend für die älteren Zuschauer immer uninteressanter. Black Eyed Peas, Robbie Williams, Lady Gaga. Die Acts und Gäste waren hochkarätig. Die übliche Stammzielgruppe 60-plus konnte damit jedoch eher nicht so viel anfangen. Das schlug sich auch in der Quote nieder. Nach dem leichten Aufschwung bei Hunzikers Premierensendung, rutschte das einstige Quoten-Flaggschiff des ZDF nun wieder unter die 10-Millionen-Marke. Die größten Verluste hatte es tatsächlich bei den Älteren zu verzeichnen.

Botox für Gottschalks Sendung

Auch wenn Thomas Gottschalk zu Beginn der Sendung auf Schmidts Nachfrage versicherte, selbst kein Botox zu verwenden: Die Sendung hatte sich ganz offensichtlich so mancher Jugendspritze unterzogen - vor allem, bei den Musik-Acts. Die waren ja bisher in Bezug auf die Quote das größte Problem der Show. Laut Gottschalk schalten während der Musikblöcke zwischen drei und vier Millionen Zuschauer weg. Auch das soll jetzt anders werden. Schon vorab hatte das ZDF im Internet nach 18- bis 30-Jährigen gesucht, die beim Auftritt der amerikanischen Band Black Eyed Peas mit auf der Bühne tanzen wollten. Warum sie unter 30 sein sollten blieb in dem Aufruf unklar. Dutzende junge Leute, die synchron zu "I Gotta Feeling - (That tonight's gonna be a good night...)" tanzen, sehen aber natürlich besser aus, als wenn das übliche "Wetten das..?"-Publikum das übernommen hätte. Thomas Gottschalk genoss nach dem Auftritt das Bad in dem jugendlichen Flashmob sichtlich. So viele junge Gesichter ist der Dino der Samstagabendunterhaltung nicht gewohnt.

Zwischen Bagger- und Auto-Wetten wurde die Männerrunde auf Gottschalks Sofa, auf dem Moderatorin Nazan Eckes fast bis zum Schluss die einzige Frau blieb, immer größer. Zu Rademann und Schmidt gesellten sich Formel-1-Pilot Sebastian Vettel, Stargeiger David Garrett, Hollywoodstar John Cusack und Blockbuster-Regisseur Roland Emmerich. Der Tiefpunkt der testosterongeschwängerten, gewollt jugendlichen Show war jedoch eine absurde Po-Wette.

Halbnackte Mädels und ein Blatt Papier

Spätestens als halb nackte Mädchen ihre bunt angemalten Hintern auf ein Blatt Papier drückten, wird sich am Samstagabend so mancher Zuschauer gefragt haben, wo eigentlich noch der Unterschied ist zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Bei Dieter Bohlens "Supertalent" furzte ein Kandidat kürzlich Musik-Klassiker, bei Gottschalk werden nackte Hinterteile besprüht und aufs Papier gepresst. Der Kandidat erkannte anhand der Po-Abdrücke die dazu gehörigen Frauen. An Skurrilität konnte die Wette nur von der Bühnenkulisse übertroffen werden. Diese wurde vor einem Teil der Berliner Mauer durchgeführt, und der Kandidat saß in einem Trabbi. Die Wette hatte zwar absolut nichts damit zu tun, aber irgendwie musste die Redaktion ihren Beitrag zum 20. Jubiläum des Mauerfalls scheinbar in der Sendung drücken. Das ging wortwörtlich in die Hose.

Im Laufe des Abends durfte Robbie Williams dann auch noch neben seiner Song-Performance Michelle Hunziker die Wange lecken. Die gebürtige Schweizerin, deren Beziehungs-Aus die "Bild"-Zeitung medienwirksam am Tag der Show verkündete, präsentierte eine völlig überflüssige Wette, bei der eine Chinesin 20 Eier mit Hilfe von Ess-Stäbchen trennte und beim Publikum damit immer noch besser ankam als die Hintern-Mauer-Nummer.

Alles nur Geplänkel, denn dann kam endlich die Frau, für die sicherlich so mancher junger Zuschauer gerne länger aufgeblieben ist: Lady Gaga. "Die älteren Herrschaften werden sie nicht kennen", so Gottschalk, doch das war bei dieser "Wetten, dass..?"-Ausgabe nun wirklich egal. Immerhin bekam die 60-plus-Generation ein Erklärvideo vorgespielt. Die, die sie kennen, freuten sich seit drei Stunden auf einen kleinen Skandal, für den die Gaga berüchtigt ist und der diese müde Veranstaltung ein wenig hätte aufpeppen können. Ein brennender BH, eine plötzlich blutende Brust... alles schon gehabt. Doch dann kommt Gähn-Gaga und dem Zuschauer fallen endgültig die Augen zu. Für ihre Verhältnisse züchtig gekleidet, faselt Frau Gaga etwas von ihren tollen Fans, denen sie nun ihr Album zum halben Preis anbieten will. Wow! Zwei Minuten dauert ihr Auftritt. Gesungen wird nicht. Sie liest lediglich ihr Rilke-Zitat vor, das sie sich auf den Oberarm hat tätowieren lassen. Während man sich beim ZDF in diesem Moment bestimmt freute, jung (Gaga) und alt (Rilke) so herrlich bedient zu haben, ist der junge Zuschauer schon eingeschlafen oder da, wo es an einem Samstagabend spannender ist. Der ältere ist längst vergrault.