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TV-Kritik

"Maischberger"-Talk: Böhmermann in den Knast, Erdogan in die Psychatrie

Was ist noch unterhaltsamer als Böhmermanns Gedicht über Erdogan? Der Talk dazu bei Sandra Maischberger. Dank der Streithähne Ulrich Kienzle und Ozan Ceyhun geriet die Sendung zum Schlagabtausch - mit grotesken Zügen.

Sandra Maischberger

Er war der unterhaltsamste Talkgast zum Fall Böhmermann: Ulrich Kienzle bei Sandra Maischberger.

Drei Wochen ist die Affäre Böhmermann nun schon alt, trotzdem beschäftigt sie noch immer Politik und Medien. Wenige Tage vor Angela Merkels Reise in die Türkei rollte Sandra Maischberger den Fall in ihrer Talkshow "Menschen bei Maischberger" am Mittwochabend noch einmal auf. 

Das wurde bei Maischberger diskutiert:

Der Titel der Sendung lautete: "Staatsaffäre Böhmermann - Diktiert Erdogan Merkels Kurs?" Damit diskutierte Sandra Maischberger exakt über das gleiche Thema, das Anne Will schon vor über einer Woche aufgerufen hatte.

Die Maischberger-Gäste:

Ulrich Kienzle, Nahostexperte und früherer ARD-Korrespondent
Jürgen Trittin, Die Grünen, ehemaliger Bundesminister
Stephan Mayer, CSU, Innenpolitischer Sprecher Unionsfraktion
Idil Baydar, Kabarettistin
Ralf Höcker, Medienanwalt
Ozan Ceyhun, deutsch-türkischer AKP-Politiker

Das wurde tatsächlich diskutiert:

Ist der Fall Böhmermann ein politischer oder ein rein juristischer? Rechtsanwalt Höcker faselte von einer "Moralisiererei, die mit Recht nichts zu tun hat". Er vertrat eine rein juristische Betrachtung des Falles. Der Paragraf 103 schütze die Menschenwürde und mache keinen Unterschied zwischen Demokraten und Diktatoren, es ginge beim 103 allein um die außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik. Ulrich Kienzle und Jürgen Trittin hielten dagegen und vertraten vehement eine Abschaffung des Majestätsparagrafen. Doch Höcker ließ sich nicht beirren, klammerte sich ans Gesetzbuch. CSU-Politiker Meyer sprang ihm zumindest in einem Punkt bei: Sollte der Paragraf 103 sofort abgeschafft werden, sei dies "politischer Aktionismus" und ein "Lex Böhmermann" - und somit erst recht ein Skandal. Da war Ulrich Kienzle ganz anderer Meinung. Er sagte: "Merkel hätte sagen können, ich schaffe den Paragraf 103 ab", damit wäre die Angelegenheit erledigt gewesen.

Nach dem Ausflug in die Jurisprudenz ging's ans Eingemachte. Nämlich um die Frage: Lässt Merkel sich vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan an der Nase herumführen? "Erdogan treibt Merkel vor sich her", glaubte Kienzle. Erdogan sei ein "Neo-Sultan". Zwar habe er zunächst eine sehr vernünftige Politik gemacht, weil er die "einfachen armen Leute" entdeckt und die Militärs in der Versenkung habe verschwinden lassen. "Auf der anderen Seite entwickelt sich Erdogan in Richtung eines Nicht-Demokraten", sagte Kienzle. Bei allen Verdiensten um den Sozialstaat und die Wirtschaft habe der sie nicht alle, "das ist ein Fall für die Psychiatrie".

Streithähne des Abends:

Kienzle und Ceyhun. Der ehemalige ARD-Nahostexperte und der AKP-Politiker bekriegten sich mit Worten. Wenn Ceyhun die Vorwürfe Kienzles konterte, wurde es grotesk unterhaltsam: Er verteidigte seinen Präsidenten und versteifte sich auf die Behauptung, Erdogan bekämpfe in der Türkei keine Journalisten, sondern Terroristen. Dann verglich er eine Zeitung sogar mit der Roten Armee Fraktion. Da zieht selbst Maischberger die Augenbrauen nach oben.

Lüge des Abends:

"Zurzeit gibt es in der Türkei keinen Journalisten im Gefängnis." Ozan Ceyhun

Zitate des Abends:

"Eine ziemlich irre Geschichte, da sendet einer nachts ein Gedicht, das suboptimal ist, und aus daraus entwickelt sich eine Staatsaffäre, das ist wirklich Realsatire." (Ulrich Kienzle)

 "Wer gegen 2000 Leute klagt, wegen Beleidigung, Schülerinnen darunter, der hat sie nicht alle. Der ist ein Fall für die Psychiatrie. Das ist doch indiskutabel, das wir überhaupt darauf ernsthaft eingehen." (Ulrich Kienzle)

"Sie (Angela Merkel, Anm. d. Red.) ermöglicht und verunmöglicht mit einer Handlung die Strafverfolgung von Herrn Böhmermann." (Ralf Höcker)

Erkenntnis des Abends:

Die liefert dann doch Jurist Höcker. Sollte der Paragraf 103 noch vor einer möglichen Verurteilung Böhmermanns abgeschafft werden, lebe das Verfahren nach Paragraf 185 StGB wieder auf. Denn vorsichtshalber hat Erdogan Böhmermann gleich zwei Mal angezeigt. Einmal wegen Majestätsbeleidigung und einmal wegen Beleidigung. Eine Verurteilung nach 185 sehe allerdings eine geringere Strafe vor - nämlich eine maximale Haftstrafe von einem statt drei Jahren nach Paragraf 103.

Fazit:

Der Erkenntnisgewinn des Abends hielt sich in Grenzen, unterhaltsam war's trotzdem. Vor allem wegen der beiden Streithähne Kienzle und Ceyhun. Die werden - wie Böhmermann und Erdogan - wohl keine Freunde mehr.