HOME

Stimmung in arabischen Medien: Eine Sendung gegen den Hass

Jeden Freitag moderiert Constantin Schreiber "Marhaba - Willkommen in Deutschland“, die n-tv auf seiner Website zeigt. Jetzt kommt die Sendung ins TV. Warum? Weil der Hass im Netz und in den Köpfen gestoppt werden muss.

Ein Gastbeitrag von Constantin Schreiber

Marhaba

Constantin Schreiber moderiert auf n-tv die Sendung "Marhaba"

Soziale Netzwerke sind weltweit ein Ort geworden, an dem Menschen Dinge schreiben, die sie nie wagen würden gegenüber anderen auszusprechen. Hass, Beschimpfungen, Verschwörungstheorien. Vieles landet ungefiltert im Netz. Derzeit schwappt eine Welle des Hasses gegen muslimische Zuwanderer, aber auch gegen unsere Gesellschaft im Westen über Facebook und Twitter zu uns. In deutschen Foren wird wie vielleicht nie zuvor gegen Flüchtlinge, Zuwanderer, alles Fremde, gehetzt. Das Wort "vergasen" kommt so erschreckend häufig vor, dass es nur noch wütend macht. Zumindest ist inzwischen die Diskussion darüber entbrannt, welche Verantwortung die Plattformen haben, auf denen sich solche Absender austoben.

Auch in arabischen Medien wird in diesen Tagen in bisher nicht bekannter Weise Hass verbreitet gegen den Westen, werden islamistische Parolen gepostet. Viele erhoffen sich "weitere Anschläge", bis "Palästina befreit" ist. Der Terror solle "Angst und Schrecken in unsere Herzen und Köpfe tragen" - die mitfühlenden Posts sind derzeit in der Minderzahl. Es scheint, als wären Europa und die arabische Welt sich schon lange nicht mehr so fremd gewesen - und das, obwohl es selten so vieles gab, das uns verbindet wie heute.

Die Grundpfeiler unseres Lebens

In meiner Sendung "Marhaba" (dt. "Willkommen"), die sich an Flüchtlinge aus dem Nahen Osten wendet, erkläre ich einmal pro Woche einige Grundpfeiler unseres Lebens in Deutschland auf Arabisch. Was steht in unserem Grundgesetz? Was bedeutet Religionsfreiheit? Warum halten wir an roten Ampeln an? Am 17. Dezember kommt die Sendung, die derzeit im Netz läuft, zum ersten Mal auch ins Fernsehen. N-tv zeigt 40 Minuten "Marhaba". Warum? Weil Kennenlernen und Verstehen derzeit wichtiger ist denn je. Die Zuschauerpost zeigt, dass nicht nur Flüchtlinge unsere Webshow ansehen, sondern auch sehr viele Menschen, die in Syrien, im Libanon, in Libyen leben.

Nicht nur soziale Netzwerke haben die Entfremdung zwischen West und Ost vorangetrieben. Arabische Medien spielen inzwischen mit Klischees und Vorbehalten, nutzen Schlagzeilen, die einerseits klar anti-israelisch sind, aber auch immer wieder dem Westen unterstellen, eine anti-arabische Agenda zu betreiben. "Sie bereiten die Entsorgung der Muslime vor" ist nur einer von vielen Kommentaren auf der Website des TV-Senders al-Arabiya oder Sky News Arabiya, die zeigen: Man traut uns nicht.

Auf deutscher Seite sind die Medien sehr bemüht darum, sich vorsichtig auszudrücken. Bei uns übernehmen es andere, Vorbehalte zu schüren. Bilder von Pegida-Aufmärschen, von Menschen, die gegen eine gefühlte "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße gehen, flimmern auch in der arabischen Welt über die Bildschirme.

Es ist Zeit zu reden

Die Diskussion um Integration von muslimischen Zuwanderern in unsere Gesellschaft ist nicht neu. Seit vielen Jahren beschäftigt uns das Thema - mal mehr, mal weniger intensiv, bisher vor allem mit Blick auf die türkische Community. An Initiativen mangelt es daher nicht - man denke nur an die deutsche Islamkonferenz, die sich explizit um Dialog bemüht. Der Zentralrat der Muslime möchte vermitteln, Brücken bauen. Die Bilanz, so scheint es, ist bislang bescheiden. Türkische, arabische Zuwanderer bleiben nach wie vor häufig unter sich. Sie leben in bestimmten Vierteln, konsumieren Medien, die sie von zu Hause kennen - und werden so natürlich auch mit zum Teil klar anti-westlicher Information versorgt, während sie gleichzeitig unter uns leben.

So erklärt sich, dass sowohl bei Menschen im Nahen Osten, als auch bei vielen Muslimen bei uns vielmals die Stimmung herrscht: "Was sind schon 130 Tote gegenüber 200.000 Toten in Syrien?". Medien und Politik seien, das würden die Ereignisse von Paris eindeutig zeigen, voreingenommen, würden mit zweierlei Maß messen. "Muslimisches Blut ist für sie nicht so viel wert wie westliches", das liest man derzeit in arabischen Foren. Und es ist leider zu einer Art Grundhaltung geworden.
Es ist also Zeit zu reden - mit und auf beiden Seiten. Es ist Zeit "Marhaba" zu sagen, was im Arabischen nicht nur Willkommen, sondern vor allem "Hallo" heißt. Hallo Flüchtlinge, Hallo Pegida-Demonstranten, Hallo ihr ganz normalen Bürger aus Bochum oder Beirut. Allein schon aus diesem Grund bin ich froh, dass ich "Marhaba" moderieren darf. Eine Sendung gegen den Hass und für das Hallo.