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TV-Kritik

Corona-Talk bei "Maybrit Illner": Virologe Drosten: "Es könnte sein, dass wir so gerade die Kurve kriegen" – wenn sich jetzt alle zusammenreißen

Noch gibt es keine Neuigkeiten in Sachen Medikamente und Impfstoff. Umso wichtiger, dass sich alle "sehr erwachsen" verhalten, fordert Eckart von Hirschhausen. Abstand halten sei nun der größte Liebesbeweis. Virologe Dorsten macht Hoffnung.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Maybrit Illner und Gäste

Diskutierten bei "Maybrit Illner" zum Thema Coronavirus: Hubertus Heil, Christian Drosten, Maybrit Illner, Susanne Johna und Eckart von Hirschhausen (von links)

Tod wegen fehlendem Klopapier? Wird es nicht geben. Sagt Eckart von Hirschhausen im gewohnten Eckart-von-Hirschhausen-Tonfall. Seine Prognose ist eine andere: "Menschen werden sterben - wegen Mangel an gesundem Menschenverstand."

So sympathisch, fast schon harmlos, der Mediziner und Comedian auch daherkommen mag, er macht unmissverständlich klar, wie ernst es ihm ist: "Das ist jetzt eine Herzensangelegenheit." Es gehe um einen selber und um die, die einem lieb sind. Das größte Zeichen von Liebe sei: Abstand halten. "So abstrus es ist." Sein Vater werde morgen 85. Grund für eine Party? Ja – aber nur aus der Distanz: "Ich besuche ihn nicht." Auch wenn das schmerze.

Bereits am Dienstag bestritt das ZDF seine komplette Primetime mit einer Corona-Sondersendung und einer zusätzlichen Ausgabe von "Maybrit Illner". Zwei Tage später, am gewohnten Sendeplatz, ist das Thema freilich immer noch da. Mit der bangen und zugleich hoffenden Frage: "Was immer es kostet – gewinnen wir den Kampf gegen das Virus?" Die Gäste in alphabetischer Reihenfolge:

  • Christian Drosten, Institutsdirektor der Virologie an der Charité Berlin
  • Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales (SPD)
  • Eckart von Hirschhausen, Arzt, Journalist, Comedian, Autor                                                                        
  • Susanne Johna, Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer

Mitunter wird er schon als Merkel-Nachfolger gehandelt, erstaunlich genug für einen Virologen: Christian Drosten, Deutschlands "Mann der Stunde". Einem, dem man angesichts des Ernsts der Lage vertrauen kann. Der schon früh mahnte und warnte – bei Illner etwa vor sechs Wochen. Und der mit seinen täglichen NDR-Podcasts auch bei von Hirschhausen, wie der erzählt, die entscheidende Überzeugungsarbeit geleistet hat. Anfangs habe der Comedian noch gedacht, ob denn alle Maßnahmen notwendig seien, nun gebe es keinen Zweifel. Aber: "Meine Lernkurve war hart."

Dass Drosten die Bevölkerung überhaupt via Podcasts informieren kann oder bei Illner & Co talkt, ist keine Selbstverständlichkeit. "So eine Talkrunde im Vorlauf hat es in Italien nicht gegeben", so der Corona-Experte. Denn das Land sei vom Virus überrumpelt worden. Deutschland hingegen sei früh dran im Erkennen des Ausbruchs. "Es könnte sein, dass wir so gerade die Kurve kriegen."

"Keine Keime und keinen Unsinn weitergeben."

Auch er mahnt die Disziplin der Bundesbürger an. "Durch Berlin laufen Leute, denen sieht man an, dass die nicht gerade zur Arbeit gehen." Muss die Politik also härter ran? "Wir wollen eigentlich keine Ausgangssperre", sagt Drosten. Wobei klar wird: wenn sich nun nicht alle zusammenreißen, wird sie wohl kommen. Auch von Hirschhausen appelliert, wir sollten uns jetzt "sehr erwachsen" verhalten. Heißt übersetzt: "Keine Keime und keinen Unsinn weitergeben."

Geboten sei, gegen die – ebenso grassierenden – Fake-News immun zu werden. Der "hohe Grad an Unsicherheit" müsse ausgehalten werden. Gegen einen Unsicherheitsfaktor hingegen will die Regierung schnellstmöglich etwas unternehmen: Hubertus Heil verspricht unbürokratische finanzielle Hilfen für in Not geratene Solo-Selbstständige und Kleinstverdiener in Kurzarbeit. Jeder habe, so der Minister, ein "Anrecht auf eine ordentliche Grundsicherung. Er könne aber nicht versprechen, dass jeder Arbeitsplatz gerettet werden könne. Heil verweist darauf, dass Gesundheitsschutz Priorität vor allen wirtschaftlichen Interessen habe.

"Die Hände, die am Schreibtisch sind, können zurück zum Patienten." Das wünscht sich Susanne Johna. Also: den temporären Erlass der inzwischen sehr aufwändigen Dokumentationspflichten des Krankenhauspersonals. Heil versichert, das sei vorstellbar und in Planung. Johna kritisiert, dass einzelne Krankenhäuser verschiebbare Operationen "doch gemacht" hätten. Dabei habe man die Krankenhäuser konkret aufgefordert, sich jede Operation genau zu überlegen. Thema Atemschutzmasken: Zehn Millionen Stück seien da und würden über die Länder verteilt. "Das reicht allerdings nicht für die ganze Zeit." Immerhin: Markus Söder will die Produktion von Atemschutzmasken so bald wie möglich ins eigene Land holen.

Wann ist mit Medikamenten zu rechnen, wann mit einem Impfstoff? 

"Da gibt es noch keine guten Nachrichten", so Drosten. Die Arzneimittelbehörde BfArM hat zwei Studien genehmigt, in denen das Ebola-Mittel Remdesivir auch an Coronavirus-Patienten in Deutschland getestet werden soll. Remdesivir sei laut Drosten "eine interessante Substanz". Doch könne erst spät und nur in einem bestimmten Zeitfenster zum Einsatz kommen, und zwar dann, wenn der Patient schon Sauerstoff brauche aber noch keine kreislaufunterstützenden Medikamente. Bei Impfstoffen seien die Zulassungsprozesse sehr langwierig. Da die Chinesen vier bis fünf Monate voraus seien, könne man schauen, was die an "Impfstoffen in der Schublade" hätten. Er verweist auf die hohen Sicherheitsanforderungen. Man könne nicht eben mal was "verimpfen."

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Derweil wird fleißig getestet. Pro Woche würden, so berichtet der Experte weiter, momentan 100.000 bis 200.000 Tests gemacht und damit am meisten im Vergleich zu anderen Ländern. Bei Familien solle man, und so könne man es abkürzen, alle als positiv getestet ansehen, wenn einer als positiv getestet wurde. Junge Menschen, die nicht Risikopatient sind, könnten die Erkrankung auf der Couch und mit Netflix überstehen – ältere Menschen ab 70 sollten sich bei eindeutigen Symptomen unmittelbar mit dem Hausarzt in Verbindung setzen. Das mit der Eindeutigkeit sei allerdings so eine Sache. Grundsätzlich. "Wir haben immer noch Influenza-Saison und momentan mehr Influenza als Corona", sagt Drosten.

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