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Drehbuchautoren kritisieren ARD Darum produziert das deutsche TV so viel Mittelmaß – zwei Kreative schildern ihre Erfahrungen

Annette Hess
Annette Hess schuf die DDR-Saga "Weissensee", die "Ku'damm"-Reihe und war zuletzt die Headautorin der Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".
© Bernd Kammerer/ / Picture Alliance
Die deutschen Drehbuchautoren fordern bessere Arbeitsbedingungen von der ARD. Der stern hat bei Annette Hess und Christan Lex nachgefragt - und Antworten erhalten, die kein gutes Licht auf die deutsche Fernsehbranche werfen.

Es ist ein beispielloser Vorgang: Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und die Drehbuchinitiative Kontrakt 18 haben sich zusammengeschlossen und in einem offenen Brief bessere Arbeitsbedingungen gefordert. Adressatin des Schreibens ist die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl.

In dem Schreiben bekräftigen die Autoren ihre vor drei Jahren in der Initiative Kontrakt 18 erhobenen Forderungen: Sie wollen volle Verantwortung für das Drehbuch, Mitspracherecht bei der Besetzung sowie namentliche Nennung im Zusammenhang mit der Produktion. Eigentlich keine revolutionären Wünsche, und in vielen Ländern sind diese Bedingungen gang und gäbe. 

Doch viele öffentlich-rechtlichen Sender hätten diese  Forderung bis heute nicht umgesetzt, oder wie es drastisch in dem Brief heißt: "Aber leider hat man in den entscheidenden ARD-Gremien den Schuss bis heute nicht gehört." Die Leitlinien des Senderverbundes erschöpften sich "in blumigen Absichtserklärungen", klagen die Kreativen. 

Doch was genau sind die Probleme, denen Drehbuchautoren in ihrer täglichen Arbeit ausgesetzt sind. Der stern hat beim VDD und bei Kontrakt 18 nachgefragt. 

VDD-Vorstand Christian Lex

Es gebe durchaus Redakteure beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die versuchten, gemeinsam mit den Autoren die bestmögliche Version eines Stoffes an die Oberfläche zu bringen, sagt VDD-Vorstand Christian Lex, selbst Autor ("Die Luft zum Atmen", "Eine unerhörte Frau") und Schauspieler ("Oktoberfest 1900", "Hindafing"). Das leider immer noch das häufigere Szenario sei jedoch ein anderes: Autorinnen und Autoren erlebten die Sender "wie eine Filtermaschine voller Meinungen".

Das komme dann dabei heraus: "Stoffe, die es durch diese Kontrollebenen schaffen, sind dann meist die mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, abgeflacht und seiner Autorenhandschriften beraubt." Zudem werde immer noch zu oft vom Produkt aus rückwärts gedacht und ahme ältere Erfolgen nach. "Um wirklich originäre, wiedererkennbare Stoffe generieren zu können, müssten aber im Gegenteil noch viel öfter als jetzt Freiräume geschaffen, Stärken von Büchern bewahrt und beschützt werden", so Lex. Andernfalls würden die Autoren mit ihren starken Stoffen zu Streamingdiensten gehen. 

Eine die beide Seiten kennt - die öffentlich-rechtliche wie die Streamingwelt - ist Annette Hess. Sie hat für die ARD "Weissensee" entwickelt, im ZDF ihre "Ku'damm"-Reihe verfilmt und hat zuletzt mit Amazon Prime die Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" als Headautorin verantwortet. Bei Amazon Prime wie bei den Öffentlich-Rechtlichen seien natürlich alle am Erfolg interessiert. Messbar in Zuschauerzahlen und/oder Preisen. Es gebe jedoch einen Unterschied: "Bei Amazon war es aber dennoch so, dass die Kompetenzgrenzen schärfer gezogen waren: auf der einen Seite die Kreativen, die das Produkt herstellen, auf der anderen Seite der Streamer, der es vermarket."

Annette Hess kennt ARD und Amazon

Bei den Öffentlich-Rechtlichen sei ein Drehbuch dagegen inhaltlich oft ein Konglomerat aus ungeheuer vielen Meinungen. Es gebe großartige Redaktionen, wie zum Beispiel die ZDF-Verantwortlichen für die "Ku'damm-Reihe", die unterstützend im Sinne der Vision der Autorin oder es Autors wirken. "Es gibt aber ebenso oft die Haltung, dass RedakteurInnen die Bücher quasi mitschreiben. Nicht zu schweigen von RegisseurInnen." Das führe zu Geschichten, "denen die Seele fehlt, weil auf dem Entwicklungsweg zu viele Meinungen, Geschmäcker und Ängste berücksichtigt wurden". Deshalb gebe es so viel Mittelmaß im Fernsehen: weil den Autoren nicht genügend vertraut werde. "Die Streamer dagegen kaufen genau und gezielt diese Talente ein, um das Beste aus ihnen herauszuholen."

Aus eigener Erfahrung kennt Hess Beispiele, wo sperrige Geschichten, die vermeintlich nur ein kleines Publikum ansprechen, abgeschmettert wurden. "Noch häufiger aber waren die Einschränkungen bei der Gestaltung der Hauptfiguren: Die unfehlbare starke Frau zum Beispiel ist ein klassisches Fernsehprodukt, was ganz schwer totzukriegen ist. Da sind die internationalen Erzählstandards - komplex und widersprüchlich - an uns vorbeigezogen."

ARD will sich bis Mitte Juli äußern

Erfahrungen, die auch Christian Lex bestätigen kann: Er habe unglaublich oft den Satz gehört: "Das will der Zuschauer nicht" oder das "könne man dem Zuschauer nicht zumuten". Doch wer wisse schon so genau, was der Zuschauer eigentlich will? "Ich hab die Verantwortung, ein gutes Buch zu schreiben, das eine Aktualität, eine Berechtigung im hier und heute hat. Eines, das mutig neue Wege sucht. Und wenn dafür ein Partner prädestiniert sein sollte, dann doch die öffentlich-rechtlichen Sender."

Fast alle bedeutenden Drehbuchautorinnen und -autoren haben die Erklärung unterzeichnet, darunter Bora Dagtekin ("Fuck ju Göhte"), Anika Decker ("Keinohrhasen"), Doris Dörrie, David Safier ("Berlin, Berlin") und Anna Winger ("Deutschland 83"). Die ARD hat angekündigt, bis zum 15. Juli eine Antwort auf den offenen Brief zu geben.

Verwendete Quellen:VDD, Kontrakt 18


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