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Offener Brief an Programmdirektorin "Den Schuss bis heute nicht gehört": Drehbuchautoren verlangen von der ARD mehr Mitsprache

"Babylon Berlin"
"Im Grunde brauchte die ARD nicht nur alle paar Jahre einen Knaller wie 'Babylon Berlin', sondern einmal pro Monat, mindestens", schreibt der "Spiegel". Als Geschäftsführerin der Degeto Film war Christine Strobl an der Produktion der Serie mitbeteiligt.
© X Filme/ Degeto/ Beta Film/ Sky
Um gegen die Streamingdienste zu bestehen, benötigen die öffentlich-rechtlichen Sender gute Inhalte. Dazu braucht es Drehbuchautoren. Die fordern nun in einem brisanten Brief an die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl bessere Arbeitsbedingungen.

Nach wie vor gelten die USA als das gelobte Land der TV-Serien. Hier entstanden Produktionen wie "Mad Men", "Breaking Bad", "Homeland", "House of Cards" oder "Game of Thrones", die allesamt bereits jetzt als Klassiker gelten. Dass sich das serielle Erzählen jenseits des Atlantiks so gut entfalten konnte, hat mehrere Gründe. Neben der guten finanziellen Ausstattung durch zahlreiche Bezahlsender und -plattformen ist es vor allem ein anderer Schöpfungsprozess. Der liegt zumeist in der Hand eines Showrunners. In der Regel ist das der Haupt-Drehbuchautor und der Mensch, der die Idee zur Serie hatte. Er hält alle Fäden in der Hand bei der Umsetzung des Stoffes.

Ganz anders ist die Situation in Deutschland, wo die öffentlich-rechtlichen Sender nach wie vor zu den wichtigsten Auftraggebern von Filmen und Serien gehören. Und die wollen bei den Serien und TV-Filmen in der Regel mitreden und auf den Inhalt Einfluss nehmen. Drehbuchautoren spielen eher eine Nebenrolle - und werden noch immer nicht regelmäßig im Abspann genannt.

Ein Zustand, der die Kreativen schon lange nervt. Nun haben sich der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) und die Drehbuchinitiative Kontrakt 18 zusammengeschlossen und einen offenen Brief an neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl verfasst. 

Autoren fordern Verantwortung für das Drehbuch

Das Schreiben knüpft an die vor drei Jahren unter dem Schlagwort Kontrakt 18 erhobenen Forderungen an. Damals verlangten die Autoren unter anderem die volle Verantwortung für das Drehbuch, Mitspracherecht bei der Besetzung sowie namentliche Nennung im Zusammenhang mit der Produktion - alles Selbstverständlichkeiten auf dem internationalen Markt. 

Unterzeichnet haben diese Erklärung fast alle namhaften deutschen Drehbuchautorinnen und -autoren, darunter Bora Dagtekin ("Fuck ju Göhte"), Anika Decker ("Keinohrhasen"), Doris Dörrie, Annette Hess ("Weissensee", "Ku'damm"), Arne Nolting ("Club der roten Bänder"), David Safier ("Berlin, Berlin"), Marc Terjung ("Danni Lowinski"), und Anna Winger ("Deutschland 83").

Wie dem aktuellen Schreiben zu entnehmen ist, sind die aus Sicht der Autoren legitimen Forderungen nicht umgesetzt worden. Oder wie es in dem Brief wörtlich heißt: "Aber leider hat man in den entscheidenden ARD-Gremien den Schuss bis heute nicht gehört." Zwar seien an Kontrakt 18 angelehnt "ARD/Degeto-Leitlinien zur Zusammenarbeit mit Drehbuchautor/innen" erstellt worden, diese erschöpften sich jedoch "in blumigen Absichtserklärungen". Die Realität sehe anders aus: "Sender Ihres Verbunds und deren Auftragsproduzenten – allen voran die Degeto – verweigern einem Großteil der Autorinnen und Autoren die K18 Punkte, aber auch Vertragsklauseln, die sich an den 'Leitlinien' orientieren." Die Unterzeichner fordern deshalb "neue vertragsverbindliche Leitlinien".

Christine Strobl war an "Babylon Berlin" beteiligt

Die Adressatin des Briefes, Christine Strobl, ist seit 1. Mai dieses Jahres neue Programmchefin der ARD - und war zuvor neun Jahre lang Geschäftsführerin der Degeto, die für die ARD Filme in Auftrag gibt und einkauft. 

Kurz vor ihrem Amtsantritt als Programmchefin hatte Strobl im "Spiegel" noch ein "eigenständiges Angebot" der ARD gefordert. "Eines, das fesselt, fasziniert, begeistert. Sonst gehen uns die Zielgruppen unter 50 demnächst ganz verloren."

Die Medienmanagerin weiß durchaus, wie man eine hochwertige Serie auf die Beine stellt: Über die Degeto war sie mit an der Entstehung der hochgelobten Serie "Babylon Berlin" beteiligt. Doch leider sind solche Highlights im deutschen Fernsehen nach wie vor rar gesäht. "Im Grunde brauchte die ARD nicht nur alle paar Jahre einen Knaller wie 'Babylon Berlin', sondern einmal pro Monat, mindestens", resümierte der "Spiegel".

Netflix und Amazon Prime sind starke Konkurrenten

Die Unterzeichner des offenen Briefes machen deutlich, dass Strobl ihre ambitionierten Ziele nur erreichen kann, wenn die ARD Kreativen jene Standards gewährt, "die bei den Streamern, mit denen Sie um die kreativen Köpfe konkurrieren, längst üblich sind". Denn die öffentlich-rechtlichen Sender haben mit Plattformen wie Netflix und Amazon Prime starke Wettbewerber. "Mit Mentalitäten und Mechanismen, die noch im vorherigen Jahrhundert wurzeln, wird die ARD im oft bemühten 'Kampf um die Kreativen' definitiv den Kürzeren ziehen."

Eine Antwort seitens der ARD steht noch aus. Es werde aber "bis zum 15. Juli eine Antwort auf den offenen Brief von VDD und K18 geben", teilte die ARD-Programmdirektion auf Nachfrage des stern mit.

Verwendete Quellen:VDD, Kontrakt 18, "Spiegel"


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