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TV-Kritik

"Die Bachelorette" auf RTL: Jedem Anfang wohnt ein Schaudern inne

Männer in Strickjackets, Küchenuhren als Mitbringsel, Botox-Geständnisse und Urschrei-Avancen - der Auftakt zur neuen "Bachelorette"-Staffel gerät zum wahnhaften Abtanzball. Holy Makkaroni!

Von Ingo Scheel

TV-Show: Diese Herren wollten das Herz der "Bachelorette" erobern

Am Anfang zärtlich, in der Mitte hart, am Ende wieder zärtlich. Noch einmal? Zärtlich, hart, zärtlich. Das Unschöne ist, dass wir von Sascha, jenem Mann, der dem Zuschauer mit diesen Worten seine koitale Drei-Phasen-Vereinigung so anschaulich skizziert - zart, hart, zart - so bald erst mal nichts mehr zu sehen oder zu hören bekommen. Beim "Bachelor" fühlte man sich nicht einmal genötigt, sein Bewerbungsschreiben mit einer Postkarte zu beantworten, jetzt sollte es die Alternative unter umgekehrten Vorzeichen richten.

Einer wie Sascha wird dem Format fehlen

Saschas USP: Esprit, Lebenserfahrung, Kampfsport und eine geschürzte Unterlippe bei nasskalter Stirn, als würde er im um etwas Imodium bitten. Letztlich nützte der ganz Weißwein-Eifer und die erhoffte Liebe auf den ersten Blick - "oder soll ich nochmal aussteigen?" - nicht die Bohne. Schade um Sascha, einer wie er wird dem Format fehlen. Vorne optimistisch, in der Mitte duhn, am Ende raus. Leider.

Die neue Bachelorette 2018: Nadine Klein

Rafi (l.) ist nicht begeistert darüber, dass Filip (r.) sein Einzelgespräch mit Nadine stört.

"Die Bachelorette" startet in die fünfte Runde, Ort des Geschehens ist diesmal Korfu, im Mittelpunkt steht die mannfürslebensuchende , 32 Jahre alt, seit viereinhalb Jahren Single. Das sind Zahlen, von denen Andi nur träumen kann. Der KFZ-Sachbearbeiter aus Bielefeld hatte nämlich noch nie eine Freundin. Wirklich noch nie. Die freigesetzte Zeit hat er in der letzten Dekade damit verbracht, sich einen eigenen Stil zu entwickeln, einen Mix aus quergestreiften Strickliesel-Jackets, Dachlukenfenster-großen Sonnenbrillen, Piercings und Borsalino. "Ich hoffe, sie denkt jetzt nicht, ich bin ein Player", gibt Andi zu bedenken. Vorerst dürfte da keine Gefahr bestehen. Den Part übernimmt so ziemlich der gesamte Rest der buhlenden Bande, die zu Beginn in einem Bus herangekarrt wird, bei dem man kurz meint, den nachlässig überpinselten "Club Las Piranhas"-Schriftzug an der Seitenwand durchschimmern zu sehen.

"Holy Makkaroni", so "freshmatic"

Dabei erweisen sich die jungen Herren als im Oberstübchen ebenso farbenfroh wie Andis Joppe. Eddy tanzt, ist "mobil im Becken" und sagt Sachen wie "Holy Makkaroni", weil er so "freshmatic" unterwegs ist. Manuel macht im kurzen Vorstellungsclip eine Würfel-Bewegung, die so aussieht - und das muss jetzt so drastisch formuliert werden - als würde er sich einen abschütteln. Im Einspieler referiert der Schönheitschirurg, der sich Botox, wie er Nadine auf dem roten Teppich aus dem Stand gesteht, auch schon mal selbst in die Stirn appliziert, über das Größenverhältnis von Oberlippe zu Unterlippe und klingt dabei wie ein Thekengespräch zwischen Dieter Bohlen und dem späten Helmut Berger.

Alex hatte noch nie einen One-Night-Stand, und das als Fitnesstrainer und Barkeeper, das muss man sich mal vorstellen. Dave sieht mit seinem Zwirbelbärtchen aus, als hätte er mit der Band D’Artagnan eben noch auf einem Oldtimertreffen in Zülpich-Ülpenich Playback gesungen und Sören findet, dass Nadine dicke Lippen hat. Wozu dann wieder Manuel, aber … das hatten wir ja schon. Pferde-Fan Jan ist eine Art männliche Bibi&Tina im Paul-Janke-Look und Jorgo hält einen Monolog über das Wort 'verrückt', gegen den selbst Manuel klingt, wie Bob Ross zeichnet - verspielt zwar, aber weitestgehend nachvollziehbar.

Brian war noch nie in Griechenland

"Holla, die Waldfee", um es mal mit Eddy zu sagen, haben wir jemanden vergessen? Brian war noch nie in , malt und lackiert und rrrrollt das -R- so schön, dass man als Zuschauer in die und Nadine beinah aus der imaginären Lederhose hüpfen möchte. Da kann man bei einem der gängigen Anbieter schon mal eine Wette platzieren - der Bajuware dürfte die allerletzte Rose bekommen.

Jorgo bringt Nadine eine olle Küchenuhr als Einstandsgeschenk mit und gibt sogar noch ein Ständchen auf der mitgebrachten Klampfe zum Besten, Sören - schon wieder - legt auf Hochzeiten auf, woraufhin ihn Nadine für einen echten DJ hält, der "womöglich jede Nacht in den Clubs unterwegs ist". Die selbstgebrannte CD, die Sören als Mitbringsel dabei, klärt das vielleicht auf: "Alles drauf, auch ein bisschen R’n’B, wird dir gefallen." Soviel dazu. Stefan ist Steuerfach-Angestellter und hält sich mit seinen selbstgeschweissten Monsterbikes für so XL-cool, dass er sich humorig als langweiligen Spießer bezeichnet. Dabei sieht er aus, als hätte man aus Bart-Makramee und alten Brillen von Yves St. Laurent eine Mitschnacker-Version des mittelalten Nilz Bokelberg modelliert. Maxim dagegen könnte mit Nachnamen auch McConaughey heißen und Rafi verfügt von Natur aus über den etwas angespannten Besitzerblick von Niklas Schröder aus der letzten Staffel.

Zwischendrin wird es mal unappetitlich, als der Tross in Nadines absichtlich vergessener Handtasche wühlt und einige der Herren an etwas riechen, was erst nach Unterhose aussieht, sich dann aber als Halstuch entpuppt. Und beim kurzzeitig anberaumten Abtanzball, dessen Stimmung zwischen Erotikmesse und Kölner Domplatte an Silvester mäandert, oder wie Stefan es mit seinem Steuermann-Charme ausdrückte: "Als hätte man im Zoo ein Stück Fleisch hingeworfen und alle stürzen sich drauf". Soviel zum Thema "Mann fürs Leben".

"Eine ältere Dame, die weiß, was sie will"

Neben dem zarthartzarten Sascha müssen am Ende dann auch noch Vadim und Kai, über die so gar nichts durchsickert und die wohl einfach zu nett und zurückhaltend waren, die Insel verlassen. Irgendwo geistern wohl noch ein Kevin und ein Sascha, der Filip und der Jan herum, dessen einfallsreicher Duktus Lust auf mehr macht: "Ihre Augen haben so herauspolarisiert!" Am meisten gespannt dürfte man jedoch sein, was wohl aus Daniel wird, dessen Einschätzung von Nadine nachhaltig verblüffte: "Eine ältere Dame, die weiß, was sie will."