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Die Medienkolumne: Helden des Alltags vor der Kamera

Meist gibt es zu einem aktuellen Thema, das gerade heiß diskutiert wird, auch Helden des Alltags. Menschen, die sich kümmern, draußen in der wirklichen Welt jenseits von Kameras und Mikrofonen. Vor diese aber werden sie gezerrt, bis sie nur noch Darsteller ihrer selbst sind.

Von Bernd Gäbler

Zu Roland Kochs erfolgreichem "Agenda-Setting" gehören Bilder. An erster Stelle steht dabei das Video, das zeigt wie ein Mensch von zwei Jugendlichen geschlagen und getreten wird. Die Bilder sind erschrecken und sehr authentisch. Aufgenommen wurden sie von einer Überwachungskamera in der Münchener U-Bahn. Der Bezug zu Jugendgewalt in Hessen und der Forderung nach schärferen Gesetzen bundesweit ist zwar nicht zwingend, aber dennoch dienen diese Münchner Bilder umfassend zur Illustration des Themas. Sie haben einen ikonografischen Charakter bekommen.

Anschlussbilder

Roland Koch aber muss sich ja auch selbst ins Bild setzen. Deswegen wird zum selben Thema neuerdings auch häufig ein Bild des hessischen Ministerpräsidenten im Boxring gezeigt. Er hat das Jackett abgelegt und trägt schwarze (im Wahlkampf wird auf jedes Detail geachtet!) Boxhandschuhe. Damit macht er einige Bewegungen. Er teilt keine rechte Gerade aus, sondern bewegt linkisch beide Arme. So imitieren Unsportliche das Boxen. Ihm gegenüber steht Lothar Kannenberg und hält wie ein echter Trainer die "Tatzen" hin. Roland Koch vertraut darauf, dass dieses Bild nicht missverstanden wird, sondern Nähe zu dem "Trainer" und Betreuer suggeriert. Denn Lothar Kannenberg ist ein Held des Alltags. Inzwischen kennen ihn viele Fernsehzuschauer.

Ein Thema - ein Held

Zu jedem "Diskurs"-Thema gibt es Betroffene, Verantwortliche und Experten. Und es gibt "Helden des Alltags"; Menschen, die tatsächlich etwas tun, um einem allseits beredeten Missstand praktisch Abhilfe zu schaffen. Vor gut einem Jahr wurde viel über "Kinderarmut" geredet. In einem Buch erwähnte der Journalist Hajo Schumacher den Pfarrer Bernd Siggelkow und seine Initiative "Arche" in Berlin-Hellersdorf. Bald wurde dieser in viele Talk-Shows geladen. Es gab Berichte, er kam im damaligen ARD-Jahresrückblick vor, es erscheint ein weiteres Buch, diesmal von Siggelkow gemeinsam mit dem Reporter Wolfgang Büscher verfasst. Am Ende ist der gute Mann einmal überall durchgereicht worden. Er ist zum Symbol eines Themas geworden. Er tritt so auf wie man es von ihm erwartet.

Der kantige Boxer

Was Bernd Siggelkow für das Thema "Kinderarmut" war, stellt Lothar Kannenberg beim Thema "Jugendkriminalität" dar. Er ist die ehrliche Haut da draußen. Denn Lothar Kannenberg leitet das Trainingscamp für Jugendliche, die schwer kriminell geworden sind, im nordhessischen Diemelstadt-Rhoden. Er war selber Straftäter und Alkoholiker. Er hat geboxt. Er hat sich selber herausgearbeitet aus den Sackgassen seines Lebens. Seine Erfahrungen gibt er nun weiter. Er spricht die Sprache der Jungs, die er betreut. Er ist ihnen nahe. Deswegen war Roland Koch bei ihm. Deswegen musste er dem Ministerpräsidenten vor laufender Kamera und klickenden Fotoapparaten die "Tatzen" hinhalten. Seitdem kommt Lothar Kannenberg noch häufiger in den Medien vor. Sogar der Deutschlandfunk hat ihn in seiner wichtigsten Sendung am Morgen interviewt. Jedes Wort von Lothar Kannenberg wird nun auf die Goldwaage gelegt. Wenn er sagt, dass die Jungs Disziplin, Härte und klare Regeln brauchen, wird das als Zustimmung zu Roland Koch und einer viel härteren Gangart ausgelegt. Sagt er aber, dass Liebe, Geborgenheit und Vertrauen das Wichtigste seien, könnte er glatt als Parteigänger der Kuschelpädagogen identifiziert werden. Oft kommt es nur darauf an, welche Passagen von Lothar Kannenberg in einem Beitrag verwendet werden. Einmal im Zentrum der Medien angekommen, ist es schwer sich gegen Vereinnahmungen zu behaupten.

Neue Camps

Schon hat Minister Armin Laschet angekündigt, dass er in NRW auch solche Camps gründen will. Sicher zieht er für die Bilder zur Einweihung dann auch Boxhandschuhe an. Justizministerin Brigitte Zypries hat generell nichts gegen Camps, aber gegen amerikanische "Boot-Camps". Da beruhigt sie der innenpolitische Experte der Unionsfraktion, Wolfgang Bosbach: Die Christdemokraten wollen keine Jugendlichen demütigen. So gibt ein Wort das andere. Die konkreten Erfahrungen aus der Arbeit mit schwer straffällig gewordenen Jugendlichen rutscht ab in den Rang eines Hintergrundrauschens.

Lothar Kannenberg auf allen Kanälen

Derweil ist Lothar Kannenberg längst auf allen Kanälen zu sehen und zu hören. Das Magazin "Polylux" zeigte schon einen etwas indifferenten Beitrag zu seinem Camp, auch der WDR hat schon gedreht. Da hatte "Stern TV" das Thema schon längst entdeckt, und für das Reportageformat "24 Stunden" auf Sat.1 gab es eine Langversion. Gekniffen war nur RTL2. In der Doku-Soap "Das Erziehungscamp - Jugendliche kurz vor dem Knast" war Lothar Kannenberg eigentlich der rote Faden und heimliche Star. Vor gut einem Jahr hatte aber keiner hingeschaut. An Interviews im Deutschlandfunk war damals gar nicht zu denken. Und erst recht nicht an die "Tagesthemen", die inzwischen auch zum Dreh vorbeikamen.

Einmal entdeckt, zigmal multipliziert

Ob "Arche"-Pfarrer Bernd Siggelkow oder Lothar Kannenberg - diesen Menschen ist keinerlei Vorwurf zu machen. Sie leisten aufopferungsvoll ihre Arbeit. Sie bemühen sich um Aufmerksamkeit. Sie verdienen Hochachtung. Sie kommen in die Medien, weil sie "echt" sind. Und sie haben es schwer, so zu bleiben. Nach einiger Zeit sind sie gute Darsteller ihrer selbst. Wenn sie erst einmal durchgeschleift worden sind durch die Maschinerie der Medien, werden sie meist achtlos wieder ausgespuckt. Dann steht eben ein ganz anderes Thema "oben auf der Agenda". So arbeiten die meisten Journalisten, vor allem in Talk-Show-Redaktionen. Sie sind selten neugierig auf die Wirklichkeit da draußen. Wie viele interessante Menschen würden sie sonst entdecken! Aber sie entdecken nichts mehr, sondern multiplizieren nur das bereits Entdeckte. Wir sehen immer wieder dieselben Vertreter eines Themas, denn es geht nicht um Individuen, sondern um Typen. Vielleicht hat Lothar Kannenberg in seinem Leben schon so viel mitgemacht, dass er gefeit ist vor Illusionen.