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Merz' Abrechnung mit Merkel "Das Volk schaut mit Entsetzen auf die Selbstzerstörung der letzten Volkspartei"

Die Bildcombo zeigt Kanzlerin Angela Merkel und den ehemaligen Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz
Der ehemalige Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz übte harsche Kritik an Kanzlerin Merkel. Das gesamte Erscheinungsbild der Bundesregierung sei "einfach grottenschlecht".
© Axel Schmidt / AFP
Nach der Landtagswahl in Thüringen und dem historischen Wahldebakel für die CDU wetterte Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz gegen die Kanzlerin und ihre Regierung. Merkel lasse "politische Führung und klare Aussagen" vermissen. Die Pressestimmen.

Die historische Schlappe der CDU bei der Landtagswahl in Thüringen hat den Machtkampf und Richtungsstreit in der Partei neu entfacht. Der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz wertete das Wahlfiasko für CDU und SPD vom Sonntag als "großes Misstrauensvotum" gegen die große Koalition in Berlin. Im Mittelpunkt der Kritik stehe ganz überwiegend Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die "politische Führung und klare Aussagen" vermissen lasse, sagte er am Montagabend im ZDF. Mehrere Politiker aus den Reihen der Union und FDP schlossen sich dieser Kritik an. So kommentiert die Presse den Fall: 

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Was genau treibt Friedrich Merz? Warum begibt sich der Top-Manager und Wirtschaftsanwalt plötzlich wieder in politische Niederungen - zur gnadenlosen Abrechnung mit der Kanzlerin? Einiges spricht dafür, dass hier ein zutiefst Gekränkter alte Rechnungen begleichen will. Er kann es offenbar nicht verwinden, dass Merkel ihn 2002 aus dem Amt des Unions-Fraktionschefs verdrängte. Instinktsicher trifft Merz den richtigen Moment. Fakt ist: Hinter der CDU liegt ein desaströses Jahr - sie hat bei allen Wahlen deutlich verloren. Die Große Koalition wirkt derweil wie eine Selbstfindungsgruppe. Das kann und darf Merkel nicht laufen lassen - da hat Merz recht."

"Südkurier": "Dass die größten Feinde oft in der eigenen Partei sitzen, bestätigt Friedrich Merz. Zwei Mal in seiner bewegten Karriere wurde er von Parteifreundinnen aus dem Feld geschlagen: Das erste Mal und vor vielen Jahren von Angela Merkel. Und vor zehn Monaten zog er gegen Annegret Kramp-Karrenbauer den Kürzeren. Nun kartet der CDU-Mann nach, und es ist offensichtlich: Ihn treibt nicht die Sorge um die CDU oder um die Wähler um, die der CDU in Thüringen weglaufen. Dafür ist er zu sehr Penthouse. Allein die verletzte Eitelkeit peitscht ihn nach vorne. Dazu kommt seine Annahme, dass er ein besserer Kanzler wäre als Angela Merkel. Die AfD freut sich. Das Volk schaut mit Entsetzen auf die Selbstzerstörung der letzten Volkspartei. Wenn der CDU-Vorstand nach Gründen für die Erosion der Partei sucht, kann er mit Merzens Eskapaden beginnen. Die deutsche Geschichte hatte bereits einen großen Friedrich, den Preußen. Für Merz, den Sauerländer, bleibt nur ein Prädikat übrig: Friedrich der Kleine."

"Stuttgarter Zeitung": "Häufig nerven die altklugen Kommentare, die der CDU-Politiker Friedrich Merz von der Seitenlinie abgibt, in einem Punkt aber hat er recht: So, wie es jetzt ist, sollte es nicht weitergehen."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Kanzlerkandidat der Union kann der Sauerländer wohl nur über einen Mitgliederentscheid werden. In wenigen Wochen wird auf dem Parteitag darüber abgestimmt. Zur Vorbereitung jagt Merz ein Geschoss in die Mitte der Union, damit die Wände ordentlich wackeln und beim Parteitag alles an Ergebnissen denkbar ist. Bei aller taktischen Streitbarkeit muss man Friedrich Merz eines lassen: Die Kritik der Führungslosigkeit der Bundesregierung hat einen wahren Kern. Merkels Rückzug auf aalglattes, politisches Projektmanagement hat wegen der zum Teil schwachen Minister hinter ihr ein Vakuum hinterlassen. Es fehlt in manchen Bereichen an einem ordnenden Machtwort oder schlicht: an einer Entscheidung."

"Frankfurter Rundschau": "Es mag an dieser Stelle überraschen, aber gesagt werden muss es doch: Friedrich Merz hat recht. An der Diagnose, mit der er jetzt Angela Merkels Politikstil in die Tonne getreten hat, trifft einiges zu. Das muss nicht heißen, dass das Idol der Konservativ-Marktradikalen auch die bessere Therapie im Angebot hätte. Im Gegenteil. Aber seine Lagebeschreibung trifft einen Punkt, den auch politisch Andersdenkende nicht ignorieren sollten."

"Rhein-Neckar-Zeitung": "Es gibt eine Blaupause für das Chaos, das Friedrich Merz und Roland Koch derzeit in der CDU anrichten. Sie stammt von der SPD und wird immer dann angewandt, wenn starke Kanzler aus dem Amt scheiden. Es dauert dann Jahre, bis sich die Partei von der öffentlichen Selbstzerfleischung erholt - derzeit muss man befürchten: vielleicht gar nicht. Merz und Koch scheinen jedenfalls der Ansicht zu sein, es sei an der Zeit, Merkel zu stürzen, die einzige Stütze der schwarz-roten Koalition, die beliebteste Politikerin in der Union. Wobei der Sauerländer Merz offenbar sich selbst für kanzlerfähig hält. Seine Partei jedenfalls stritt ihm das erst vor einem knappen Jahr ab."

"Sächsische Zeitung": "Es kann sein, dass die Thüringen-Wahl dereinst rückblickend als Zäsur in der bundesdeutschen Politik betrachtet werden wird. Nur noch jeder dritte Wähler schenkte den politischen Gruppen, die als Volksparteien lange für Stabilität, Sicherheit und Wohlstand in der Bundesrepublik sorgten, ihr Vertrauen. Die Stabilität der Merkel-CDU geht erkennbar und rasch flöten. Die Laufkundschaft, die Merkels Öffnung nach vielen Seiten angezogen hatte, zog weiter. Der als Erfolg gefeierte Frauentausch an der CDU-Spitze erwies sich als Fata Morgana. Annegret Kramp-Karrenbauer beweist sich Mal um Mal als Leichtgewicht. Merkel ist als CDU-Politikerin gleich ganz verschwunden. Friedrich Merz, auch Armin Laschet sorgen für reichlich Feuer unterm Dach. Sie sehen sich selbst als die eigentlich Geeigneten fürs Kanzleramt, wenn Merkel nur erst mal weg ist. Und vielleicht geht das ja schneller als heute vermutet. Notfalls hilft wieder mal die SPD und kündigt die GroKo."

"Mitteldeutsche Zeitung": "Merz ist zwar Projektionsfläche für die Anti-Merkel-Fraktion, aber diese Fraktion ist mit der Kanzlerin selbst längst versöhnt. Merkel-Kritikern geht es eigentlich gar nicht um die Kanzlerin selbst in ihrem 15. Jahr im Kanzleramt: Es geht ihnen darum, dass sich die Dinge nach ihr ändern. Deswegen hat Merz einen Freifahrtschein in Sachen Kritik an Kramp-Karrenbauer, den er mal mehr, mal weniger subtil nutzt. Aber Angriffe dieser Art gegen die Kanzlerin wird ihm die CDU auf Dauer nicht verzeihen. Sie werden ihm als Illoyalität ausgelegt. Die Partei liebt eben den Verrat, aber nicht den Verräter. Es kann sein, dass Merz seine Chance auf das Kanzleramt, die ohnehin klein ist, mit diesem Interview verspielt hat."

"Südwest Presse“: "Das Thüringer Wahldesaster hat Friedrich Merz nur den Anlass gegeben, seine Revolte gegen Kanzlerin Angela Merkel und damit natürlich gegen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zu starten. (.) Die Parteichefin hat den Fehdehandschuh aufgenommen und fordert auf dem CDU-Parteitag Ende November in Leipzig eine Entscheidung. Die CDU steht damit vor einer der größten Zerreißproben ihrer Geschichte mit ungewissem Ausgang. Denn wem am Ende die Wähler folgen, ist noch lange nicht ausgemacht."

"Rhein-Zeitung": "Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Fehdehandschuh aufgehoben, den ihr ihre Widersacher in der CDU hingeworfen haben. In der CDU könnten sich nun Kontrahenten ermuntert fühlen, der Aufforderung der Vorsitzenden nachzukommen und einen Antrag für den Leipziger Parteitag im November auf Neuwahl des Vorstands einzubringen. Aus all dem könnte sich eine Dynamik entwickeln, die die Saarländerin kaum noch steuern kann. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bringt sich seit Langem hier und da in Stellung. Bevor er noch einmal Friedrich Merz oder Jens Spahn im Ringen um die höchsten Ämter den Vortritt lässt, wird er nach dem jetzigen Eindruck selbst den Anspruch darauf anmelden. Jetzt geht Kramp-Karrenbauer aufs Ganze. Sie geht ins Risiko."

"Münchner Merkur": "Merz hat Recht mit seiner Abrechnung mit der Kanzlerin. Die CDU ist nach der Katastrophe in Thüringen verzweifelt, verletzt, im Innersten getroffen. Doch die Frau, die manche irrtümlich für die "Mutti" der CDU halten, findet kein Wort des Trostes oder des Mitgefühls. Nicht für die erschütterten Wahlkämpfer in Thüringen. Nicht für den tapferen Mike Mohring, der von den Wählern für Merkels Politik so brutal abgestraft wurde. Die Kanzlerin tut so, als ging diese CDU sie nichts mehr an. Ihr Schweigen ist so kalt wie ihr Schulterzucken nach dem Bundestagswahldesaster. Merkel hat ihrer Partei nichts mehr zu geben - und auch nicht dem Land, das sie noch immer regiert, ohne es zu führen. Die CDU braucht, in Stil und Inhalt, den Neuanfang, sie braucht Leidenschaft und Kanten zurück, all das, was Merkel ihr genommen hat und AKK ihr nicht zurückgeben kann."

jek DPA AFP

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